Fühlt sich Bodysuspension wie Fliegen an?

27.10.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Jasmin Wolf, wj-photography

Fühlt sich Bodysuspension wie Fliegen an? 
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Fühlt sich Bodysuspension wie Fliegen an?
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Für die einen ist es abstoßend, für die anderen bewusstseinserweiterend: Bodysuspension, also das Hängen an durch die Haut gestochenen Haken. Wir begleiteten die Flying Monkeys Suspension Crew für einen Tag und schauten uns das Phänomen Suspension genauer an.
Die Spannung ist schier mit den Händen greifbar, als sich die beiden Piercer neben Lisa positionieren, um ihr an angezeichneter Stelle zwei fünf Millimeter dicke Nadeln durch die zarte Haut auf ihren Schulterblättern zu stechen. An diesen werden gleich Haken befestigt, denn Lisa möchte wissen, wie es sich anfühlt, zu fliegen. Wie weit kann ich gehen, wie stark bin ich und wozu sind der eigene Geist und Körper fähig? Das sind Fragen, die Menschen antreiben, die sich Bodysuspensions unterziehen. Lisa liegt auf einer Liege auf dem Bauch, atmet tief ein und aus und versucht so, sich auf das Kommende vorzubereiten. In diesen Sekunden ist jeder Anwesende vollends konzentriert, die Anspannung ist spürbar.

Boris (links) und Nic (Mitte) sind Piercer und bei der Flying Monkeys Suspension Crew diejenigen, die die Nadeln setzen.Steffen ist ebenfalls Teil der Crew und unterstützte das Happening.

Bodysuspension, was heißt das eigentlich? Hierbei werden Teilnehmern gezielt Nadeln beziehungsweise Haken gesetzt, an denen dann eine besondere Seilvorrichtung befestigt wird. Diese ist an einem erhöhten Punkt – etwa drinnen an der Decke oder draußen an einem sehr stabilen Ast eines Baumes – angebracht. Die Person, die die Suspension begleitet, hat das Seil und den Teilnehmer fest im Blick und reguliert die Länge. Der Teilnehmer steuert selbst etwa durch Gehen in größer werdenden Kreisen, auf Zehnspitzen laufen und Knie anziehen wann der Moment kommt, in dem er die Bodenhaftung verliert. Das dauert besonders bei Neulingen länger, da es ein großes Maß an Selbstvertrauen erfordert.

Die beiden Piercer Boris (Zum Stecher, Ettlingen) und Nic (Anarchist Tattoo Collective, Heidelberg) sind ein wesentlicher Teil der Flying Monkeys Suspension Crew. Boris ist nun seit fünf Jahren in der Suspension-Szene aktiv, zwei Jahre davor piercte er bereits. Der Übergang, Bodysuspension-Nadeln zu stechen, waren für den Piercer kein Problem: »Das war ganz einfach. Man hat ja schon Arbeitserfahrung. Hier musst du eine dickere Nadel nehmen, und später einen Haken dran setzen. Easy, ne? Ein Piercing zu stechen ist zum Beispiel schwieriger.« 

Flying Monkeys Suspension Crew

Viel mehr passieren, als dass die Haut einreißt und man sie nähen muss, könne erstmal nicht – von Kreislaufproblemen mal abgesehen. Die Herausforderung für Boris bestand also zunächst darin: »Wie bekomme ich meine Hand ruhig?« Nach drei, vier Mal fühlte es sich aber bereits normal an, es wurde zur Routine.

Die Schwierigkeit besteht für den Piercer bei den Bodysuspensions neben dem Einfühlungsvermögen auf den Kunden in der richtigen Positionierung der Einstichstellen. Es gibt verschiedene »Figuren«, sprich Arten, wie man hängen kann. Die klassische Art, mit der man meist beginnt, nennt sich Suicide. Hier hat man die beiden Haken hinten auf den Schulterblättern sitzen. In einer weiteren Variante werden Haken zudem an beiden Knien befestigt. Die Tradition des Hängens geht auf die Sonnentanz-Zeremonie einiger Indianerstämme zurück, ins Bewusstsein einer breiteren Masse traten Suspensions durch den Western »Ein Mann, den sie Pferd nannten« von 1970, in dem der englische Hauptprotagonist sich diesem Ritual unterziehen musste, um vom Stamm der Sioux aufgenommen zu werden.

Flying Monkeys Suspension Crew

5 mm dicke Nadeln kommen bei der Bodysuspension zum Einsatz

Doch was veranlasst einen Piercer dazu, statt niedlicher Nasenringe, dicke Haken durch die Haut zu jagen? »Zu Anfang war es pure Neugier. Heute mache ich das, um Leute glücklich zu machen. So wie beim Piercen auch. Wer mich als Freund kennt, der weiß, dass ich immer versuche, das Beste aus dem anderen rauszuholen und das Beste zu geben. Und so ist es bei den Suspensions auch«, erklärt Boris seine Beweggründe.

Bei Nic fing alles vor rund drei Jahren an, als er eine ziemlich schlechte Woche hinter sich hatte. Sein Freund Boris empfahl ihm daraufhin, zu einer Suspension-Session mitzufahren, um das mal anzugucken und gemeinsam ein wenig zu chillen. »Bei mir ist das aber schon immer so gewesen: Wenn ich etwas sehe, woran ich schon immer Interesse hatte, dauert es nicht lange, bis ich es ausprobieren will. So waren recht schnell die Haken gesetzt und der Rest ist Geschichte.« Nic hing zum ersten Mal draußen im Freien bei strömendem Regen, er fühlte sich etwas steif. »Und dann verschwindet plötzlich deine Angst und das Kribbeln wird größer.« In den Anfängen hingen die Monkeys fast nur draußen. Ein Spot – die Hängevorrichtung an der Decke – in Nics Tattoo- und Piercingstudio Anarchist Tattoo Colletive in Heidelberg ermöglicht mittlerweile privatere Indoor-Sessions.

Die Eigenen Grenzen erweitern und loslassen sind beim Fliegen essentiell.

Boris und seine Crew unterscheiden in den meisten Fällen – mit Ausnahme von Conventions wie dem Monster Ink Tattoo Fest – zwischen privater und Kunden-Session. »Wenn wir Kunden haben, die bei uns hängen wollen, ist es fast nicht möglich, selbst teilzunehmen, da wir uns voll auf den Teilnehmer konzentrieren möchten.« So wie bei der Session an einem ruhigen Sonntag in Heidelberg, als die jungen Frauen Lisa, Judith und Jessi zum ersten Mal fliegen wollten. Was bringt einen Menschen dazu, sich fünf Millimeter dicke Nadeln in den Rücken jagen zu lassen und sich über einen Seilzug an einer Vorrichtung an der Decke aufhängen zu lassen? »Es sind Neugier und der Wunsch nach einer Grenzerfahrung«, sagt Boris postwendend. Nic ergänzt, dass sich heute jene Grenzen außerdem verschoben haben: »Vor fünfzehn, zwanzig Jahren dachte man noch, man macht jetzt was Krasses, wenn man sich die Ohrlöcher zu Tunnel dehnt. Das geht eben immer weiter.

Unter Bodymoddern ist es ähnlich: Vor zehn Jahren war eine gespaltene Zunge das Verrückteste und heute sind tätowierte Augäpfel schon nicht mehr so krass und selten.« Nic bringt auch noch einen anderen Punkt auf: »Dadurch, dass die Gesellschaft immer schnelllebiger wird, werden native Riten wie normale Meditation oder Suspensions immer wichtiger, um einen Punkt zu finden, an dem man wieder zu sich zurückkommt und seine Ruhe in sich findet.«

Flying Monkeys Suspension Crew

Für wen ist das geeignet? »Ich würde es nur jemandem empfehlen, der das Verlangen verspürt, sich in eine Grenzsituation zu begeben. Das ist kein ›ich probiers mal aus‹-Ding.« In den meisten Fällen kommen die, die sich wirklich hängen lassen, aus dem Tattoo- und Piercingumfeld, doch auch hier bestätigen die Ausnahmen die Regel. Für die beiden Piercer Boris und Nic ist die Suspension nicht mit einem herkömmlichen Piercingtermin zu vergleichen, bei dem der Kunde vorbeikommt und nach einem kurzen Vorgespräch sein Piercing bekommt und wieder gehen darf. »Bei einer Suspension gibst du enorm viel von dir selbst. Das ist emotional sehr anstrengend«, erzählt Nic. »Du weißt ja, was in deinem Kunden vorgeht, wenn er versucht, sich hängen zu lassen. Da bist du die ganze Zeit dabei, hast Kontakt. Und kennst die einzelnen Stadien, die er durchlebt. Er fühlt sich ja erstmal steif, sowohl vom Körper als auch vom Geist. Und dann öffnet sich plötzlich was.« Das alles aufzunehmen schlaucht.

Dass hier mehr passiert, als die reine Bearbeitung eines Kundenauftrags, spürt jeder Anwesende, der einer solchen Session mal als stiller Beobachter beiwohnt. Es ist eine ganz intime Erfahrung mit anzusehen, wie andere Menschen ihre Grenzen überwinden und sich einer ganz neuen Stärke bewusst werden. Da passiert etwas. Es ist schwer mit Worten zu beschreiben und dennoch ganz klar spürbar. Es hat etwas Erhabenes zu sehen, wie der Mensch immer mehr Vertrauen gewinnt und der Moment, wenn die Füße endlich den Boden verlassen, bedeutet pures Glück und Stolz. 
Wichtig ist, dass die Chemie zwischen Suspension-Crew und Teilnehmern passt. Da muss man sich Wohlfühlen können, gerade weil so eine Wechselwirkung auf psychischer Ebene entsteht. Die Anfragen, die über Facebook reinkommen, häufen sich und auch auf Events gibt es immer mehr Neugierige – dennoch wird nicht jeder angenommen, denn es muss untereinander funktionieren.

»Wer bin ich darüber zu urteilen, wenn es  deine Entscheidung ist und es dir gut tut?«


Suspension hat nichts mit Sex zu tun

Etwas, was viele Menschen, die es nicht besser wissen, Suspension-Teilnehmern unterstellen, sind Perversion und spezielle sexuelle Neigungen. Das ist eine Annahme, von der man sich befreien muss, bevor man einer solchen Session beiwohnt und sich mit dem Thema befasst. Tatsächlich geht es den meisten überhaupt gar nicht darum, die Motivation ist eine gänzlich andere. »Wir hatten eine Kundin, deren Mutter dachte, während ihre Tochter dort hängt, würden die Männer drum herumstehen und onanieren. So was ist natürlich Quatsch.«
Rein rechtlich gesehen handelt es sich bei der Suspension auch um eine Verletzungshandlung, bei der, wie beim Piercing, das Übliche gilt: Eine Einwilligungserklärung ist erforderlich. Die Ablehnung und Empörung Außenstehender ist immer noch groß. Doch das geschieht oft, wenn man Menschen mit Themen konfrontiert, die sie nicht verstehen und die außerdem die Grenzen im Kopf und den eigenen Horizont zu sprengen drohen. Doch hier lässt sich eine Haltung ganz treffend übertragen: »Wer bin ich darüber zu urteilen, wenn es deine Entscheidung ist und es dir gut tut?« Eine Bodysuspension wie etwa bei der Flying Monkeys Suspension Crew geschieht auf freiwilliger Basis.

Kontakt:
Flying Monkey Suspension Crew
Kontakt für private Suspensions oder 
Events über E-Mail oder Facebook:
flyingmonkeyscrew@gmail.com
www.facebook.com/FlyingMonkeysSuspensionCrew
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Stand:18 November 2017 05:51:08/szene/fuehlt+sich+bodysuspension+wie+fliegen+an_171024.html