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19.05.2017  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Nori, Black Pearl Tattoo
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Erlebnis-Tattooing


Tätowieren im Studio? Da ist doch was für Langweiler. Warum nicht mal ’ne Tattoosession im Hot Rod oder auf dem Leuchtturm? Für Tätowierer Nori von Black Pearl Tattoo kein Problem – er ist Vollprofi in Sachen Erlebnis-Tattooing.


Es war im Prinzip nur eine Frage der Zeit und man wundert sich, dass nicht schon lange jemand auf diese Idee gekommen ist. Nori vom Black Pearl Tattoo aus Husby im hohen Norden macht es einfach: Erlebnis-Tattooing. Denn wer im Urlaub Wildwasser-Rafting, Kite-Surfing, Freeclimbing oder Base-Jumping macht, der setzt sich zum Tätowieren nicht in ein angenehm klimatisiertes Studio bei gefälliger Hintergrundmusik in einen mehrfach verstellbaren und ergonomisch geformten Behandlungsstuhl. Nein, der lässt sich bei ordentlich Seegang im Fischkutter stechen oder im schwankenden Rettungskorb der Feuerwehr oder auch mal auf der Spitze einer sturmumtosten Windkraftanlage. 

Obenraus mit der Feuerwehr: Mittlerweile ist Nori es gewohnt, seine Tattoomaschine an seltsamen Orten rauszuholen. Als aber die Drehleiter des Hubrettungsfahrzeugs (jawohl, so heißt das Teil) ausgefahren wurde, wurde ihm doch ganz schön schwummrig. Dem Tattoo sieht man es zum Glück nicht an.

Na ja, eigentlich stimmt das so nicht ganz. Denn von der Grundidee her wollte Nori eigentlich nicht adrenalinsüchtige Tattoofans befriedigen, sondern suchte in erster Linie nach einer Möglichkeit, sich in den sozialen Medien so zu präsentieren, dass er neben der überwältigenden Zahl von Mitbewerbern noch wahrgenommen wird. 

Klar war: Am liebsten schauen die Leute Videos. Aber ebenso klar ist auch: Die meisten Tattoovideos sind so langweilig, dass einem die Füße einschlafen. »Wir wussten, dass wir auf alle Fälle was Besonderes machen wollten. Wie genau wir jetzt auf die Idee kamen? Ich glaube, das hatte irgendwie mit Schnaps zu tun«, erinnert sich Nori. Und eigentlich entwickelte sich das Ganze eher zufällig, als eine Mitarbeiterin des Studios ein Leuchtturm-Tattoo haben wollte.

Warum nicht den Leuchtturm auf einem Leuchtturm tätowieren? Da der infrage kommende Leuchtturm ohnehin auch für Hochzeiten und andere Festivitäten buchbar war, war es auch noch nicht besonders schwierig, die Betreiber dieser Location von dem Tattoovorhaben zu überzeugen. Bei anderen Örtlichkeiten ist das oft um einiges komplizierter, berichtet Nori: »Wenn du ’nem Betreiber einer Windkraftanlage erzählst, ›Hallo, wir würden gern auf eurer Windmühle tätowieren!‹, dann sagt der dir eben, ›das ist aber schön, dass ihr das wollt – wird aber nicht passieren‹. Als wir mal jemandem in einem Schloss eine Krone tätowieren wollten, lautete die Absage des Schlossbesitzers, dass der Herzog, dem das Anwesen einst gehörte, ja gar keine Krone getragen habe, und dass das deswegen nicht ginge.« Zumindest bekommt man kreative Absagen … 

Auf leuchtenden Türmen! Gute vierundzwanzig Meter hoch ist der Leuchtturm Falshöft, der an der Flensburger Außenförde steht. Im Jahr 2002 wurde sein Leuchtfeuer gelöscht, seitdem dient er als Location für Hochzeitszeremonien – oder eben auch für Tattoosessions.

Dass ausgefallene Locations dennoch oft funktionieren, liegt vor allem am Networking – als Tätowierer lernt man ja schließlich Leute aus unterschiedlichen Berufen kennen. »Kontakte schaden nur dem, der keine hat«, erklärt Nori, »und ich hab mich erinnert, dass einer meiner Kunden Techniker für solche Windkraftanlagen ist. Dem hab ich dann erklärt, dass wir da einer jungen Frau eine kleine Windmühle tätowieren wollen und angefragt, wie das denn klappen könnte.« Dass man gerade im Falle der Windkraftanlage einen ganzen Stapel von Einverständnis- und Verzichtserklärungen unterschreiben muss, bevor man da hoch darf, ist da noch der leichteste Teil der ganzen Aktion. »Auch das Tätowieren an einem solchen Ort ist natürlich eine Herausforderung.

Im Studio hast du vielleicht mal jemanden, der ein bisschen auf der Liege zappelt, aber auf einer Windkraftanlage, im Fischkutter bei Seegang oder im Rettungskorb der Feuerwehr ist das dagegen noch mal ein ganz anderer Schnack!« Inzwischen stellt sich bei Nori aber auch eine gewisse Routine beim Tätowieren ein, so dass der Tattooprozess selbst gar nicht mehr das größte Problem ist. »Gerade bei der Session im Feuerwehrkorb – als wir da hochgefahren wurden und es nichts zu tun gab, bis wir oben waren – da wurde mir schon ganz schwummrig. Aber sobald ich mit Tätowieren loslegen konnte, war ich ganz auf meine Arbeit fokussiert und die Höhenangst war wie weggeblasen. Da hat man dann andere Probleme, in dem Fall war es der fehlende Platz.« 



Um sich für solche Special-Sessions vorzubereiten, baut Nori inzwischen vorher alles im Studio so auf, wie er es nachher auch vor Ort zur Verfügung hat. »Weniger Farbkappen, kleinere Flaschen – ich reduziere alles auf ein Minimum.« Aber auch da gibt es Grenzen und Projekte, die einfach nicht funktionieren: »Die Session im Hot Rod während der Fahrt, die mussten wir dann abbrechen.« Prinzipiell wollte Nori einfach nur in einem Hot Rod tätowieren – dass das während der Fahrt passieren soll, war der Wunsch eines Fernsehsenders, der über Noris Tattooprojekte berichtete und das Ganze etwas spektakulärer darstellen wollte.

»Aber wenn man eben merkt, das funktioniert so nicht, dann muss man da auch so verantwortungsvoll sein, das abzubrechen, und so haben wir das dann in der Garage ordentlich zu Ende gebracht. Ich wollte da auch kein Jackass-Tattoo draus machen. Es geht ja gar nicht immer um Action oder besonders hoch, besonders schnell – es darf auch einfach mal eine besonders schöne Location sein!« Der Eiffelturm oder das Empire State Building stehen zum Beispiel noch auf Noris Wunschzettel.



Inzwischen hat sich aus der ursprünglichen Marketingidee schon so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal entwickelt und Leute kommen von sich aus mit besonderen Ideen zum Black Pearl Tattoo. »Die wollen dann ’ne Kiwi in der Gemüseabteilung ihres Lieblingssupermarktes tätowiert bekommen, eine Tattoosession, während sie auf ihrem Pferd reiten … da ist natürlich nicht alles umsetzbar«, erklärt Nori – gerade, wenn zum Beispiel im Pferdestall die hygienischen Voraussetzungen für eine Tattoosession einfach nicht gegeben sind. »Man muss auch nicht alles machen!«

In windige Höhen! Das bläst und wackelt und war insgesamt ganz schön aufwendig, bis das süße Windrad gestochen war. Und dafür sind die Linien doch ordentlich drin. Für die Trägerin eine tolle Erinnerung und eine Erfahrung, von der sie noch ihren Enkeln erzählen kann.

Und für die Kunden? Ist es der reine Fun-Faktor, der sie an solchen Aktionen reizt, oder verbinden sie mehr mit diesen besonderen Projekten? »Ja, auf alle Fälle. Für viele ist ein Tattoo an sich ja nichts Besonderes mehr. Und gerade in dem Fall mit dem Hot Rod – obwohl es ja nur ein kleines Tattoo ist, hat die Tatsache, dass der Kunde das in seinem eigenen Fahrzeug bekommen hat, für ihn eine ganz besondere Bedeutung, es ist ein außergewöhnliches Erlebnis und auch die Erinnerung daran ist etwas besonders Wertvolles.« Aber auch wenn man über Geld nicht redet – der außergewöhnliche Aufwand solcher Projekte, die lange Vorbereitungszeit, die Anzahl der involvierten Personen, das muss sich doch auch auf den Preis niederschlagen? »Klar muss man da ein Auge auf die Kosten haben. Aber letzten Endes schlägt es sich gar nicht so auf den Preis nieder, denn es ist ja bei jedem Tätowierer so: Wenn man Bock drauf hat … und diese Aktionen, die bringen ja auch mich selber weiter und machen mir Spaß!«

Black Pearl Tattoo
Flensburgerstr. 51A
24975 Husby
www.blackpearl-flensburg.de
FB: blackpearlflensburg

Text: Dirk-Boris
Bilder: Nori, Black Pearl Tattoo

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