Ein bunter Vogel jagt mit Vögeln

26.01.2018  |  Text: Dirk-Boris Rödel   |   Bilder: Bilder:
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Ein bunter Vogel jagt mit Vögeln
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Ein zutätowierter Punk, der zusammen mit seinem Vater die uralte Kunst der Beizjagd pflegt und sich dabei auf die Lehren des Stauferkaisers Friedrich II. bezieht – das wollten wir uns doch 
mal genauer ansehen!
»Komisch, deine Gesichtstattoos sind mir auf den Fotos deiner Facebook-Seite gar nicht aufgefallen«, wundere ich mich, als ich Erik Pelz im Café des Klosters Lorch gegenübersitze. »Die hast du auch noch nicht gesehen, die sind ganz neu. Ich bin total glücklich damit, aber mein Vater fand sie nicht so gut.«

Dakota ist der wohl imposanteste Greifvogel bei Familie Pelz, es ist ein amerikanischer Weißkopfseeadler.

Eriks Vater Gunter sitzt bei uns am Tisch. »Hat es Sie denn gestört, als Erik anfing, sich tätowieren zu lassen?«, frage ich ihn. »Ich bin nicht die Art Vater, die man um Erlaubnis fragen muss«, antwortet er und Erik ergänzt grinsend, »… und ich bin nicht die Art von Sohn, die fragen würde.« »Er war der Punk mit dem höchsten Iro in Schwäbisch Gmünd«, schiebt Eriks Vater lachend als Erklärung nach.

Als ob es nicht eh schon klar wäre: Ein Punk, der mit seinem Vater zusammen direkt am altehrwürdigen Kloster Lorch eine Falknerei mit Flugshows betreibt, das ist schon ein ganz besonderes Gespann.

Kein komischer Kauz, sondern ein Perlkauz. Was hier so niedlich ausschaut, ist sauaggressiv: »Wenn der so groß wäre wie ein Uhu, würde er wahrscheinlich Kühe jagen!«, erzählt Erik. Deshalb heißt das kleine Zornickelchen wohl auch Attila …

Vor allem interessieren mich jetzt aber erst mal die Vögel, denn so nah erlebt man Falken, Bussarde und Uhus nicht jeden Tag. »Und warum fliegen die nicht einfach weg?« Es gibt in jedem Bereich diese »blöden« Standardfragen – beim Tätowieren wäre das »Was kostet ein Tattoo?« oder »Tut das nicht weh?«, bei der Greifvogelschau ist es eben »Warum fliegen die nicht weg?« Aber Erik antwortet geduldig. »Weil Greifvögel sehr pragmatisch sind und möglichst effizient arbeiten. Draußen in der Natur müssen sie sich ihr Futter erjagen, das kostet viel Energie. Hier ist es viel einfacher für sie – also bleiben sie hier.«

Auch die Vorstellung, dass die Vögel außerhalb der Käfige und Volieren doch ihre Freiheit genießen und hinfliegen könnten, wohin sie wollten, ist eine vermenschlichte Sicht. »Die Vögel fliegen ja hauptsächlich, um zu jagen, und wenn sie dafür weniger fliegen müssen, sprich weniger Energie aufwenden müssen, dann ist ihnen das nur recht.«

Ony, der sibirische Uhu, war vor einem Jahr noch ein drolliges, fluffiges Federknäuel – jetzt könnte er einem wahrscheinlich grad mal so den Finger abzwicken.

Von einhundert Greifvögeln überleben in der Natur gerade mal dreißig das erste Lebensjahr – der Rest stirbt, erklärt mir Erik, vor allem, weil sie nicht erfolgreich genug jagen. Da wären die Falken, Eulen, Habichte und Adler, die Erik und sein Vater unter ihren Fittichen haben, ganz schön blöd, wenn sie ihr easy living in der Stauferfalknerei aufgeben würden. Und wie wird man Falkner? »Falknerei ist ja erst mal nur eine Form der Jagd, die es schon seit viertausend Jahren gibt«, erläutert Erik, »dazu muss man einen Jagdschein machen, dann noch einen Falknerschein und dann kann man sich einen Vogel kaufen und loslegen. Aber wir machen nicht nur das, wir machen auch Flugshows, Kurse und Seminare.«

Bei solchen Krallen und Schnäbeln ist der dicke Handschuh Pflicht – Verletzungen gibt es dennoch regelmäßig.

Am Anfang hilft es einem bei der Arbeit mit den Greifvögeln, wenn der Vater schon Falkner ist – und Eriks Vater begann mit der Falknerei im zarten Alter von acht Jahren. »Ich hatte damals ein Foto von einem Jäger mit einem Falken gesehen, bin damit zu meinem Vater und hab zu ihm gesagt ›Das will ich machen!‹ Und mein Vater, der auch schon Jäger war, hat gesagt: ›Gut, dann helf ich dir dabei.‹« Aha, so geht das also. Eine besondere Familie, ganz offensichtlich. Da ich eh schon dabei bin, blöde Fragen zu stellen, geniere ich mich auch nicht vor der nächsten plumpen Frage: Warum jagt man denn ausgerechnet mit Falken? »Falknerei ist nur der Oberbegriff«, antwortet Erik, »man kann auch mit anderen Greifvögeln jagen. Falken waren im Mittelalter dem Hochadel zur Jagd vorbehalten, der niedere Adel durfte nur mit Habichten oder Bussarden jagen.« Fun Fact: Auch adlige Damen durften mit Greifvögeln jagen, allerdings nur mit sehr kleinen Falken. Der Name dieser Tiere, die die Damen als Freizeitbeschäftigung hielten: Hobby! Ja genau, daher kommt unser heutiges Wort Hobby ‒ zumindest wenn man einem der möglichen etymologischen Ansätze folgt. Wieder was gelernt. Aber zurück zur Frage: Was macht denn nun den Falken »edler« im Vergleich zum Habicht beispielsweise? »Mit Falken hat man einfach spektakulärere Jagdflüge. Man muss sich ja auch überlegen, wozu im Mittelalter die Beizjagd diente: Das war nicht dafür gedacht, den Kochtopf zu füllen, dafür gab es effektivere Jagdmethoden. Eigentlich geht es vor allem um das Spektakel und auch um die Inszenierung. Oft ist es sogar spannender, wenn der Vogel seine Beute gar nicht erwischt und maximal gefordert wird. Und der kurze Flug eines Habichts auf ein Kaninchen macht da halt weniger her.« – »Da können wir jetzt auch noch lang drüber reden«, unterbricht uns Gunter Pelz, »das muss man selber erlebt haben, um es zu verstehen!«

Dakira ist ein Jagdfalke

Fotografin Martina und ich werden zum Flugshow-Bereich geleitet, wir bekommen dicke Lederhandschuhe an und (… nix für Vegetarier!) ein Kükenbeinchen in die behandschuhte Hand. Assistentin Vivian, die einen Wüstenbussard für uns ausgewählt hat, lässt in einiger Entfernung das majestätische Tier fliegen. Mit weit ausgebreiteten Schwingen hält der Bussard genau auf mich zu, schlägt seine Krallen in den Handschuh und frisst das Futter aus meiner Hand. Wahnsinn! Ich hab Gänsehaut und das Adrenalin schießt bis in die Haarwurzeln! Geduldig sitzt der bildschöne Vogel auf meinem Arm und lässt sich aus wenigen Zentimetern Entfernung betrachten, bis Vivian ihn wieder mit etwas Futter zu sich zurücklockt. Ich bin noch ganz benommen von der Begegnung, als Erik mir eine wunderschöne Schleiereule auf den Arm setzt, die sich geduldig streicheln lässt – ich fühle mich wie Harry Potter. Fotografin Martina geht es ähnlich, auch sie ist völlig elektrisiert.

Nach diesen Erlebnissen hat man keine Fragen mehr dazu, was jemanden an der Arbeit mit Greifvögeln fasziniert.

»Normalerweise sind ja Tattoos im Gesicht und an den Händen bei Jobs mit Kundenkontakt ein heikles Thema – und mehr Kundenkontakt als du mit deinen Flugshows, zu denen bis zu zweihundert Besucher kommen, das geht ja kaum. Irritiert das denn die Besucher?«, will ich von Erik wissen. »Ich hab noch nie negative Erfahrungen gemacht«, sinniert Erik, »aber ich weiß natürlich auch nicht immer, was die Leute denken. Vielleicht hört man mal Getuschel, eventuell kommt mal ein Spruch von ’ner Rentnergruppe, manchmal werd ich auch von anderen Tätowierten im Publikum angesprochen, aber eigentlich denke ich eher, dass ich dadurch, dass ich so einen außergewöhnlichen Job hab, auch eine gewisse Narrenfreiheit bezüglich meines Aussehens genieße.« Probleme in der Kombination Falknerei und Tattoos ergeben sich weniger aus den Kundenkontakten, erklärt Erik, sondern eher aus der Arbeit mit den Vögeln, denn Lederhandschuhe hin oder her, kleine Wunden durch Krallen und Schnäbel sind bei der Arbeit unvermeidlich, wodurch gerade die Tattoos auf seinen Unterarmen schon ein wenig gelitten haben.

Nero ein Buntfalke. Bei kleineren Greifvögeln kann man den Hand-schuh auch mal weglassen – gekratzt und gezwickt wird man sowieso immer mal wieder.

Als Tätowierer für sein spektakuläres Rückentattoo – das natürlich einen Falken zeigt – hat er sich Luke Atkinson vom Checker Demon Tattoo in Stuttgart ausgewählt. »Das hab ich mir lange gewünscht und drauf gewartet. Aber ich bin da nicht festgelegt und hab Tattoos von mehreren Tätowierern.« Stilistisch orientiert sich Erik mehr in Richtung der traditionellen Stile wie Old School, Japanisch, Tribal – »modernere Sachen wie Realistic, das ist nicht so meins. Momentan bin ich öfter in Mannheim, meine Verlobte lässt sich bei Clemens Hahn tätowieren und da schau ich, dass ich möglichst zur selben Zeit Termine bei Erkan Keser bekomme, dann können wir immer zusammen zum Electric Circus.« Für die Fotosession, bei der Martina den Falkner mit Uhu, Falke und Weißkopseeadler porträtiert, muss Erik ein wenig leiden, denn es ist saukalt. »Im Winter ist bestimmt kein Betrieb bei euch?«, frage ich. »Keine Flugshows, aber die Kurse und Workshops laufen weiter. Den Vögeln ist es ja egal, welche Jahreszeit ist, die müssen immer versorgt werden.« Martina, die völlig begeistert ist von den wunderschönen Tieren, reserviert sich dann auch gleich einen Platz im nächsten Kurs.

Denn das ist das Tolle an der Stauferfalknerei am Kloster Lorch: Hier kann unter fachkundiger Aussicht wirklich jeder seine ganz eigenen, hautnahen Erfahrungen mit den edlen Greifvögeln machen. Zur Auswahl stehen zum Beispiel der Zwei-Tages-Kurs »Faszination Greifvogel«, es gibt aber auch zum Reinschnuppern drei- oder vierstündige Kurse mit Greifvögeln und Eulen und, um auch kleinere Naturfans für dieses Thema zu begeistern, es werden auch spezielle Kinderkurse angeboten. Und Fragen zu seinen Tattoos beantwortet Erik natürlich auch gerne.

Friedrich II. und Franz von Assisi, Ausschnitt aus dem Stauferrundbild im Kapitelsaal des Klosters Lorch, gemalt von Hans Kloss, fertiggestellt 2002.


Der Stauferkaiser Friedrich II. und die Kunst, mit Falken zu jagen

Die Kunst, mit Greifvögeln zu jagen, ist schon viertausend Jahre alt. Entwickelt wurde diese Form der Jagd von den Steppenvölkern Asiens, mit der Völkerwanderung gelangte die Kunst der Beizjagd dann auch nach Europa. Im Hochmittelalter war die Falkenjagd dem Hochadel vorbehalten und besonders Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen setzte sich sehr intensiv mit der Falknerei auseinander. Sein Werk »De arte venandi cum avibus / Die Kunst, mit Vögeln zu jagen«, das er ab 1241 schrieb, ist in weiten Teilen bis heute gültig und kann als eines der ersten Werke der Verhaltensbiologie angesehen werden. Bemerkenswert ist, dass Friedrich darin nicht nur das Verhalten der Vögel beschrieb, sondern auch, welche Fähigkeiten ein Mensch haben musste, der mit Vögeln arbeiten wollte.

Das monumentale »Stauferrundbild«, das man im 1100 von den Staufern gegründeten Benediktinerkloster direkt neben der Falknerei von Günter und Erik Pelz besichtigen kann, zeigt ein Gespräch des Stauferkaisers mit dem Heiligen Franz von Assisi; Friedrich mit Falke, Franziskus, der angeblich die Sprache der Vögel verstand, mit der Friedenstaube.



KONTAKT
Touristikbüro Kloster Lorch
Tel.: 07127 928497
info@stauferfalknerei
www.stauferfalknerei.de

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