Dirk-Boris Rödel: »Warum es gut ist, dass keiner mehr die alten Tätowierer kennt«

22.12.2017  |  Text: Dirk-Boris Rödel  |   Bilder: Tobias Kirchner
Dirk-Boris Rödel: »Warum es gut ist, dass keiner mehr die alten Tätowierer kennt«
Dirk-Boris Rödel: »Warum es gut ist, dass keiner mehr die alten Tätowierer kennt«
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Gestochen scharf! Der Fachbuchautor, Conventionmoderator und ehemalige TM-Chefredakteur Dirk-Boris ist seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Tattooszene aktiv. In seiner Kolumne »Gestochen scharf« macht er sich Gedanken über Entwicklungen in der Szene.

Warum es gut ist, dass heute keiner mehr die alten Tätowierer kennt


Wenn man in ein gewisses Alter kommt, muss man aufpassen, Leuten nicht damit auf den Sack zu gehen, ständig zu erzählen, früher sei alles besser gewesen. Abgesehen davon, dass Geschichten von früher in den meisten Fällen nicht mal annähernd so spannend sind, wie der Geschichtenerzähler sich das gern einredet, hielt ich es einfach auch noch nie für eine besondere Leistung, lediglich über eine längere Zeit »da gewesen« zu sein. Man hat es dann einfach geschafft, eine Weile lang nicht zu sterben, wofür man meistens nichts Besonderes getan hat. Egal – jedenfalls gibt es gar nicht so wenige Tätowierer, die schon ganz lange »dabei« sind und die gern beklagen, dass niemand sie heute noch kennt. Und obwohl ich altersmäßig qualifiziert wäre, mich an diesem weinerlichen Lamento zu beteiligen, stimme ich da jetzt mal nicht ein, sondern sage: Gut, dass junge Tätowierer euch nicht mehr kennen!

Der Grund dafür ist einfach: In den 80er Jahren und auch bis in die 90er hinein war Tätowieren ein Phänomen von Subkulturen wie Punks, Rockern und Skins, und für lange Zeit reichte diesen ihr überschaubares Repertoire an Designs, das gefühlt zu neunzig Prozent aus Schädeln, Drachen, Schlangen und Rosen bestand, völlig aus. Die nächste Generation von Tätowierern, die mit dem Tattooboom Mitte/Ende der 90er aufkam, hatten in Hinblick auf Technik, Kreativität und künstlerischer Umsetzung bereits höhere Ansprüche. Diese Tätowierer empfanden es nicht mehr als befriedigend, zum fünfundachtzigsten Mal Motiv Nr. 76, den Schädel mit Mongolenzopf, zu tätowieren und begannen damit, individuelle Custom-Tattoos anzubieten. Und das war auch ein großer und wichtiger Schritt – aber mehr war es eben auch nicht. 
 

Tätowierer der zweiten Generation


Es war ein Schritt, kein Bruch. Die Tätowierer der »zweiten Generation« waren eben immer noch die Lehrlinge der Rocker- und Punk-Tätowierer, und auch wenn die Designs nun individueller, technisch versierter und kreativer waren, schlugen sie in puncto Platzierung und Thematik dann eben doch wieder in dieselbe Kerbe wie die Tattoos ihrer Lehrmeister. Der Apfel fällt zwar schon ein Stück weit vom Stamm, aber von einem Apfelbaum fallen eben immer nur Äpfel und keine Birnen.
Eine echte Weiterentwicklung fand in größerem Umfang erst in den letzten Jahren statt, als Absolventen von Kunst- und Grafikschulen das Tätowieren für sich entdeckten – also den umgekehrten Weg wählten wie die Tätowierer vor ihnen, die erst die Technik, dann die Kunst erlernten. Dadurch, dass diese jungen Tätowierer oft nie mit der älteren Tätowierergeneration Kontakt hatten, konnten sie völlig unbeeinflusst von tradierten Herangehensweisen völlig neue, zuvor undenkbare Ansätze ausprobieren. Was dabei herauskommt, ist natürlich oft auch ziemlicher Mist – aber es gibt eben keinen Fortschritt ohne Fehlentwicklungen. Sehr viele neue stilistische Ansätze entsprechen auch nicht meinem Geschmack, aber das ist ja der Punkt, denn auch mein Geschmack ist schließlich geprägt von Skulls, Drachen und anderem 90er-Jahre-Gedöns. Der Blick zurück, die Orientierung an den Oldtimern der Szene verhindert eine Weiterentwicklung natürlich nicht grundsätzlich, doch wirklich neue, von Altem gänzlich unbefleckte Ideen können sich unter solchen Voraussetzungen nur schwer herausbilden.

Nun könnte man natürlich grundsätzlich in Frage stellen, ob Weiterentwicklungen im Tattoobereich überhaupt nötig sind, und viele Oldtimer würden diese Frage sicher eindeutig mit »Nein« beantworten, aber da der Zug ja nun mal eh abgefahren ist, ist diese Frage auch völlig sinnlos. Keinesfalls sinnlos ist jedoch, dass junge Tätowierer sich an einem bestimmten Punkt in ihrer Entwicklung dann doch auch mal anschauen sollten, was die Alten früher gemacht haben, wie sie es gemacht haben und wie das heute aussieht. Denn völlig abgesehen davon, dass die Tätowierer der 80er und 90er die Szene erst erschaffen haben, in der sich junge Tätowierer heute so komfortabel entfalten können, haben sie in puncto Langzeiterfahrung, Technik und Haltbarkeit einfach einen Erfahrungsschatz, der nach zwei, drei oder fünf Jahren eben einfach noch nicht vorhanden sein kann. Und da sind dann mit Sicherheit auch Tipps dabei, die auch für junge Tätowierer wertvoll sind und es ihnen ersparen, das Rad neu erfinden zu müssen. 

Dirk-Boris Rödel
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