Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich

30.09.2016  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Heide, aus dem Archiv des Museums für Hamburgische Geschichte
Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich
Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich
Alle Bilder »
Über fünfzig Jahre nach dem Tod von Christian Warlich rückt das Lebenswerk der Hamburger Tätowierers wieder in den Blickpunkt der Szene. Mit dazu beigetragen hat der Kunsthistoriker Ole Wittmann, der dem TätowierMagazin Einblicke in Warlichs Original-Vorlagenalbum gewährte.
Groß, schwarz und speckig, die Ränder zerschlissen, die Ecken abgegriffen, die Oberfläche fast lieblos ausgebessert. So liegt das querformatige Buch im Museum für Hamburgische Geschichte vor mir. Der mit schwarzem Wachspapier eingeschlagene Umschlag bündelt sechsundsechzig auf gelbstichigem Karton gezeichnete Blätter. Die Rückseiten sind jeweils miteinander verklebt, was ein Buch mit dreiunddreißig Seiten ergibt: Christian Warlichs (05.01.1891-27.02.1964).Vorlagenalbum. Das Album, in dem der Hamburger Tätowierer seine schönsten Tattoomotive bündelte. Kein Werk für die Vitrine; die Bilder in diesem Buch zeigte Christian Warlich seit den 1930er Jahren, womöglich auch schon früher, seinen Kunden, damit sie eine Tattoovorlage aus seinem vielfältigen Repertoire auswählen konnten. Eines aus insgesamt 337 mit Tusche gezeichneten, überwiegend sorgsam mit Wasserfarbe kolorierten Bildern, Vorlagen für eine Tätowierung, die sich seine Kunden von ihm, dem begnadetsten deutschen Tätowierer der 1920er bis 1960er Jahre tätowieren lassen konnten: vom »König der Tätowierer«. 

24,8 Zentimeter in der Höhe, 31,7 Zentimeter in der Breite misst das Vorlagenalbum, in dem Warlich die schönsten seiner Arbeiten gebündelt hatte.
 
In dieses Album haben unzählige Seeleute und anderes tätowierwilliges Volk geschaut. Männer, die zum Tätowierer auf den Hamburger Kiez St. Pauli in die Kieler Straße 44 kamen (1948 in Clemens-Schultz-Straße umbenannt), und sich entscheiden mussten, ob sie zukünftig einen »Adler über Dreimaster« auf der Brust tragen wollten oder ob was Kleineres wie ein Cowboy oder Cowgirl, ein Dolch mit Schlange oder eine Geisha im geblümten Kimono ihre Haut zieren sollte. Vielleicht auch ein Anker mit Hamburg-Schriftzug, oder doch eher ein Erinnerungstattoo an die Liebste zuhause? Der Blick in die Geldbörse hat bei der Entscheidung sicher geholfen. Preise zwischen 50 Pfennig für ein kleines Bild und 3,00 bis 3,50 Mark für eine Brusttätowierung nennt der Volkskundler Adolf Spamer, der im Jahr 1933 seine Forschungsergebnisse »Die Tätowierung in den deutschen Hafenstädten« veröffentlichte. 

Rot, Grün, Gelb und Blau war das Farbrepertoire, das Warlich zur Verfügung stand.
Zeitlich ordnet der Kunsthistoriker Ole Wittmann, der seit Dezember letzten Jahres das Forschungsprojekt »Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich« leitet, die Entstehung des Buches auf vor 1937 ein. 

Stephan Oettermann hat sich mit dem Leben von Christian Warlich und seinem Werk beschäftigt und unter dem Titel »Christian Warlich – Tätowierungen« dieses Vorlagenalbum im Jahr 1981 erstmals in gedruckter Form herausgegeben. Ein kleines blaues Bändchen, das der Harenberg Verlag in der Reihe »Die bibliophilen Taschenbücher« veröffentlichte. »Das war eine ganz bemerkenswerte Sache, dass er das damals veröffentlicht hat«, blickt Ole Wittmann auf die Arbeit von Oettermann zurück. »Welcher Wissenschaftler hat sich denn in den frühen 80er Jahren für einen Tätowierer und seine Tattoovorlagen interessiert?«  

Mit Ausrufezeichen sparte Warlich nicht: Streng reell!!!
 
Nach wie vor dient »das kleine blaue Buch« den Tätowierern heute als Vorlage für Warlich-Tattoos. Vor dem Hintergrund heutiger Standards, wo Tätowierer im Eigenverlag großformatige Prachtbände mit ihren Zeichnungen herausbringen, muss man natürlich sagen, dass dieses Buch Warlichs Arbeit in keiner Weise gerecht wird.

Stephan Oettermann hat sich mit dem Leben von Christian Warlich und seinem Werk beschäftigt und unter dem Titel »Christian Warlich – Tätowierungen« dieses Vorlagenalbum im Jahr 1981 erstmals in gedruckter Form herausgegeben. Ein kleines blaues Bändchen, das der Harenberg Verlag in der Reihe »Die bibliophilen Taschenbücher« veröffentlichte. »Das war eine ganz bemerkenswerte Sache, dass er das damals veröffentlicht hat«, blickt Ole Wittmann auf die Arbeit von Oettermann zurück. »Welcher Wissenschaftler hat sich denn in den frühen 80er Jahren für einen Tätowierer und seine Tattoovorlagen interessiert?«  

Bei einem Herrengedeck zeigte Christian Warlich einem Kunden sein Vorlagenalbum.

Nach wie vor dient »das kleine blaue Buch« den Tätowierern heute als Vorlage für Warlich-Tattoos. Vor dem Hintergrund heutiger Standards, wo Tätowierer im Eigenverlag großformatige Prachtbände mit ihren Zeichnungen herausbringen, muss man natürlich sagen, dass dieses Buch Warlichs Arbeit in keiner Weise gerecht wird.

Nur wenige haben die Originale bisher gesehen und das TätowierMagazin ist natürlich sehr glücklich, dass wir einen Teil der Motive hier erstmals in ihrer ganzen Schönheit einer breiten Öffentlichkeit zeigen dürfen. Nur ein kleiner Ausschnitt von Warlichs Hauptwerk können wir zeigen, glücklicherweise plant das Museum für Hamburgische Geschichte die Herausgabe einer Art Faksimile des Vorlagenbuches.

Auch aktuell arbeitende Tätowierer sind von der poetischen Kraft der Warlich-Vorlagen begeistert. Wir haben Tätowierer zu ihrer Rezeption und Adaption der Motive von Christian Warlich befragt, und zeigen ihre Tätowierungen, die sie nach den Motiven des »Königs der Tätowierer« gestochen haben. Erfahrt mehr dazu auf unserem Blog (www.taetowiermagazin.de/blog).
 
Der Kunsthistoriker Ole Wittmann arbeitet seit Dezember 2015 am auf drei Jahre angelegten Forschungs- projekt »Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich«. Ermöglicht wurde diese Arbeit durch die Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur in Kooperation mit dem Museum für Hamburgische Geschichte. 

Kunsthistoriker Ole Wittmann arbeitet seit 2015 am Forschungs- projekt »Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich«.

Ole Wittmann ist bei seiner Arbeit natürlich auf die Hilfe von außen angewiesen. Wenn ihr jemanden kennt, der ein Warlich-Objekt (Flash, Zeichnung, Schablone, Fotografie, Brief, Visitenkarte o. Ä.) in seiner Sammlung hat oder ein Tattoo von Christian Warlich trägt, der Bekanntschaft mit Warlich gemacht oder Hinweise zu weiteren Nachkommen hat, dann kontaktiert doch bitte Ole Wittmann über die E-Mail-Adresse ole.wittmann@hamburgmuseum.de und www.christian-warlich.org.
 
Szeneshop-Angebote
Der König der Tätowierer

Der König der Tätowierer

 

Das Hafenmilieu und Tattoos sind seit jeher eng miteinander verbunden – so auch in Hamburg. Wir sprachen mit dem Kunsthistoriker Ole Wittmann über die…

Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass

Karl »Kuddl« Finkes Tattoo-Nachlass

 

Der neue Sensationsfund zur deutschen Tätowiergeschichte: Der Kunsthistoriker Ole Wittmann hat das Vorlagenalbum des Hamburger Tätowierers Karl »Kuddl«…

Der Motivklassiker »Death Before Dishonor«

Der Motivklassiker »Death Before Dishonor«

 

Das Tattoomotiv »Death Before Dishonor« – »Tod vor Schande« ist ein echter Klassiker. Das Motiv zeigt einen Dolch, der von einer Banderole mit dem Schriftzug…

Hongkongs goldenes Tattoo-Zeitalter

Hongkongs goldenes Tattoo-Zeitalter

 

Mit dem Tätowierer James Ho, einem ehemaligen Mechaniker der Handelsmarine, begann 1946 das goldene Zeitalter des elektrischen Tätowierens in Hongkong.…

Über Geld spricht man!

Über Geld spricht man!

 

Über Geld spricht man in Deutschland ungern, so auch kaum über Preise von Tattoos, was nicht immer hilfreich ist. Unerfahrene sollten zumindest grob wissen,…

Elektrischer Tätowierer

Elektrischer Tätowierer

 

Maik Gnass’ Technik ist sehr traditionell, die Motive sind aber alles andere als altbacken. In seinem Rotterdamer Studio »The Office Electric Tattooing«…

Neo-Traditionals von Cionka und Jesper Jorgensen

Neo-Traditionals von Cionka und Jesper Jorgensen

 

Zwei Tätowierer, zwei unterschiedliche Konzepte. Mit Cionka und Jesper Jørgensen stellen wir zwei Traditional-Tätowierer vor, die unterschiedlicher gar…

Kängurus mit Eingeweiden

Kängurus mit Eingeweiden

 

Obwohl Aborigines nie tätowiert waren, wurden Symbolik und Stil ihrer traditionellen Kunst zur Inspirationsquelle für die australische Tätowiererin Tatu…

Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

 

Ein Tätowierer mit rumänischen Wurzeln, einem spanischen Herzen und einer unkontrollierbaren Leidenschaft für Japan. So soll er sein, der perfekte Tätowierer,…

Der Tätowierer mit der goldenen Nadel

Der Tätowierer mit der goldenen Nadel

 

Er ist einer der großen Stars der Tattoo-Szene: Nikko Hurtado vom Black Anchor Collective. Nicht, weil sich viele Promis unter seine Nadel legen wie die…

»Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja

»Ich steche Tattoos, keine Aufkleber!« – Tätowiererin Xenija Wokresenskaja

 

Farbenfroh, elegant und illustrativ: Wie aus einem Fabel- oder Märchenbuch entsprungen, wirken die ausdrucksstarken Tierdarstellungen der Tätowiererin…

Szeneshop-Angebote
Stand:24 November 2017 15:50:35/szene/der+heilige+gral_169.html