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23.06.2017  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Archiv Tätowiermagazin
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Cover-ups: Zweite Chance für verpfuschte Tattoos


Eine professionelle Überdeckungstätowierung kann so manche Jugendsünde verschwinden lassen – aber es gibt auch hier Grenzen des Machbaren. Wir erklären, was und wie es funktioniert!


Satz mit x – war wohl nix. So erfreulich schöne Tätowierungen sind, so verdrießlich ist es, wenn man eben doch mal die falsche Entscheidung getroffen hat, dem falschen Tätowierer vertraut hat oder wenn ein Tattoo einfach nicht mehr zur aktuellen Lebenssituation passt. Über die Möglichkeiten, ein Tattoo per Laser wieder zu entfernen, hatten wir in unserer letzten Ausgabe berichtet. Wenn man aber Tattoos nicht grundsätzlich ablehnt oder wenn das missliebige Tattoo entweder zu groß ist, um per Laser entfernt zu werden, oder so klein, dass eine Laserentfernung oder -aufhellung gar nicht nötig ist, dann ist eine Überdeckungstätowierung, also ein Cover-up, wohl die geeignete Methode, um Gras über alten Plunder wachsen zu lassen. 

Bei dieser Überdeckung nutzte Adam Hoopes vom Prophecy Tattoo in Jamestown, N.Y., die helleren Flächen im sehr dunklen Kreuz, um in der Sonnenblume noch Lichtpunkte zu setzen.

Ein Bild mit einem anderen, neuen Bild zu überdecken, das kennt man aus der Kunst; früher war es keine Seltenheit, dass Künstler nicht jedes ihrer Werke auf eine neue, jungfräuliche Leinwand pinselten, vielmehr war es üblich, alte Bilder zu übermalen – Leinwand war schließlich teuer. Noch heute bergen jahrhundertealte Gemälde unter der obersten Schicht der Ölfarbe noch Überraschungen, die erst bei Restaurierungsarbeiten oder aufwendigen Spektral­analysen zutage treten. 

Allerdings hatten es die alten Meister mit ihren »Cover-ups« alter Pinseleien einfacher als Tätowierer heute, denn ihre Ölfarben waren deckend – Tätowierungen sind dies aber nur bedingt. Mit Ölfarbe kann man eine Schicht über der anderen auftragen und die Konsistenz der Farbe ermöglicht es dabei, dass unter einer hellen Farbe eine dunklere komplett verschwindet.

Die ältere Rose wurde von Sjard von der Trioxin Gallery (Frankfurt) nur zum Teil mit dem schwarzen Darth-Vader-Helm gecovert.

Tattoofarbe hat aber nicht nur eine andere Konsistenz als die pasteuse Ölfarbe, sie landet auch beim ersten, zweiten und dritten Überdeckungsversuch immer in der selben Hautschicht wie bereits das Tattoo, das überdeckt werden soll. Die Bezeichnung »Überdeckung« ist daher eigentlich unzutreffend. Und das schränkt die Möglichkeiten, die einem Tätowierer bei einem Cover zur Verfügung stehen, stark ein, denn dunkle Stellen im Originaltattoo können bei einer Überdeckung kaum heller werden. 

Die grünen Blätter und Stiele des alten Tattoos dürfen später ruhig durchschimmern, denn dadurch fungieren sie als Schattierungen in den Blütenblättern der neuen Rose.

Man sieht zwar immer wieder Cover-ups, bei denen es anscheinend gelungen ist, selbst dunkle Stellen des Originals mit relativ hellen Farben zu überdecken. Der Knackpunkt ist aber, dass beispielsweise das Schwarz in einer sehr alten Tätowierung oft längst kein echtes Schwarz mehr ist, sondern Grau – manchmal sogar ein relativ helles Grau. Deshalb kann es durchaus sein, dass selbst subjektiv hell erscheinende Farben tatsächlich immer noch dunkler sind als das inzwischen zu Grau verblasste Schwarz des Sternchens. 

Dadurch, dass Adam Hoopes (Prophecy Tattoo, Jamestown, N.Y.) die Struktur der Cover-ups an die Formen der älteren Tattoos anpasste, kann man die ursprünglichen Bilder nicht mehr erkennen; die Kringelform des Chamäleons geht völlig im kreisförmigen Blütenstand der Rose auf.

Doch auch die Pigmentdichte in der Haut spielt hier eine Rolle; diese ist bei einer neuen Tätowierung höher als bei einer älteren, und der Eindruck das Verblassens beruht auch darauf, dass die Anzahl der Pigmente im Lauf der Jahre abnimmt. Und das wiederum bedeutet für das Cover-up, dass der Überdeckungserfolg mit hellen Farben oft zeitlich begrenzt ist; denn sobald auch die neuen Farben in derselben Weise an Kraft und Dichte verloren haben wie die älteren, können sich die dunklen Umrisslinien des überdeckten Sternchens wieder mehr oder weniger deutlich in der neuen Tätowierung abzeichnen. 

Dadurch, dass Adam Hoopes (Prophecy Tattoo, Jamestown, N.Y.) die Struktur der Cover-ups an die Formen der älteren Tattoos anpasste, kann man die ursprünglichen Bilder nicht mehr erkennen, die Rinden- und Fellstruktur im rechten Tattoo verschwindet im ebenso vertikal ausgerichteten Federkleid der Eule.

Insofern ist es ratsam, auch bei einem Cover-up den Zeitfaktor und die damit verbundene Veränderung der Farbe zu berücksichtigen: Wer dunkle Stellen mit dunkleren Farben covert, ist auf der sicheren Seite. 

Dadurch, dass Adam Hoopes (Prophecy Tattoo, Jamestown, N.Y.) die Struktur der Cover-ups an die Formen der älteren Tattoos anpasste, kann man die ursprünglichen Bilder nicht mehr erkennen, die Rinden- und Fellstruktur im rechten Tattoo verschwindet im ebenso vertikal ausgerichteten Federkleid der Eule.

Ein weiterer Kniff guter Cover-up-Tätowierer ist es, mit optischen Täuschungen und visuellen Tricks zu arbeiten, indem sie beispielsweise das ursprüngliche Tattoo im wahrsten Wortsinne aus dem Fokus nehmen, so dass es nicht in der Mitte des neuen Tattoos liegt, sondern an seinem Randbereich. So lässt sich das Zentrum der neuen Tätowierung auf »jungfräulicher« Haut sehr hell gestalten, während problematischere Stellen aus dem Fokus heraus gerückt werden, der die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. 

Da das chinesische Schrizftzeichen mittig überm Po sitzt, kann man es nicht in den Randbereich eines Cover-ups legen, da dies sonst dezentriert liegen müsste. Weil es aber nur sehr klein ist, kann man es entgegen der goldenen Cover-Regel hier auch unauffällig in die Schürze des Mädchens integrieren, ohne dass diese zu dunkel wirkt. Gecovert von Imme Böhme, The Sinner And The Saint (Aachen).

Am wichtigsten bei einem Cover-up-Projekt ist jedoch die Erfahrung und auch die Kreativität des Tätowierers, der ein Motiv entwerfen muss, das im Idealfall das Pfusch-Tattoo komplett verbirgt – aber eben dennoch origineller ist als die 08/15-Standardlösungen »schwarzer Panther« oder »Sensenmann mit schwarzem Umhang«.  

Da das chinesische Schrizftzeichen mittig überm Po sitzt, kann man es nicht in den Randbereich eines Cover-ups legen, da dies sonst dezentriert liegen müsste. Weil es aber nur sehr klein ist, kann man es entgegen der goldenen Cover-Regel hier auch unauffällig in die Schürze des Mädchens integrieren, ohne dass diese zu dunkel wirkt. Gecovert von Imme Böhme, The Sinner And The Saint (Aachen).


Wie funktioniert ein Cover-up?
Dipl. Ing. (FH) Michl Dirks, ehem. Gründungsmitglied der HAN-GmbH und aktuelles Board Member der European Society of Tattoo and Pigment Research, beschäftigt sich seit vielen Jahren professionell mit Tätowierfarben.



Wenn eine alte Tätowierung mit einem Cover-up »überdeckt« wird, dann landet doch die neue Tattoofarbe in derselben Hautschicht wie die des alten Tattoos, oder?
Jein. Die Pigmente sind zwar in der mittleren Hautschicht, allerdings sinken Pigmente im Laufe der Zeit innerhalb dieser Schicht tiefer ein. Wenn man dann drüber tätowiert, gelangen die neuen Pigmente zwar in dieselbe Hautschicht, liegen da aber etwas höher.

Kann man also mit helleren Farben dunklere »überdecken«?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Allerdings sieht ein frisches Cover-up aus eben genanntem Grund besser und deckender aus als ein altes. Denn wenn es altert, dann sacken diese neueren Farbpigmente ja auch ab, und dann kann das alte Tattoo wieder durchschimmern. 

Ein weiterer Grund dafür, dass Cover-ups im frischen Zustand stark deckend wirken, ist die Pigmentdichte der Farbe in der Haut, die bei neuen Tattoos auch höher sein dürfte?
Durch UV-Strahlung werden Pigmente zerstört beziehungsweise in Fragmente aufgespalten, die dann vom Auge nicht mehr als Farbe erkannt werden. Und wenn man beim Cover-up dann eine höhere Pigmentdichte erreicht, deckt das natürlich zunächst. Aber nach einiger Zeit, wenn dieser Prozess auch bei den neuen Farbpigmenten eingetreten ist, können auch ältere Sachen wieder durchscheinen.

Aber das Wunder-Cover-up, mit dem sich Schwarz dauerhaft durch helle Farben wie Weiß oder Gelb decken lässt, das gibt es nicht?
Eigentlich gibt es das nicht. Da wird bei helleren Farben früher oder später immer was durchkommen. Diese weißen Motive auf schwarzen Flächen, die man jetzt manchmal sieht, die sehen toll aus, wenn man ein Foto vom frischen Tattoo macht, aber das Schwarz wird da wieder durch kommen. Und selbst wenn man etwas komplett schwärzt, dann sieht man ja auch da oft immer noch die Umrisse darunter liegender Tattoos als Narben durch. 

Text: Dirk-Boris
Bilder: Archiv Tätowiermagazin

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Stand:23 October 2017 02:31:00/szene/cover-ups+zweite+chance+fuer+verpfuschte+tattoos_176.html