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24.03.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Christin Gloriousink, Jessica Svartvit/TM
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Copycats – nein Danke!


Wenn Tätowierer die Arbeiten von Kollegen kopieren, entweder von veröffentlichten Tattoofotos oder gezeichneten Vorlagen, ist das für die kopierten keine Ehre. Die Künstler empfinden es einfach als Beschiss und die Träger des Originaltattoos fühlen sich um die Individualität ihrer Arbeit betrogen. Wir widmeten uns in einem großen Copycat-Special dieser besonders unschönen Sache!


Es ist eine Unverfrorenheit, bereits vorhandene  Tattoos als Vorlage zu nehmen und sie sich ein weiteres Mal stechen zu lassen, im übertragenen Sinne also Tattoos zu klauen. Dennoch passiert es immer wieder und gegen sogenannte »Copycats« scheint kein Kraut gewachsen. Was wir auf Kundenseite noch unter Unwissenheit abtun könnten, funktioniert auf Tätowiererseite nicht mehr: Das Tattoo eines Kollegen einfach erneut zu stechen und es, wenn überhaupt, nur ein klein wenig abzuändern, ist respektlos. Eigentlich verbietet der Berufscodex solchen Motivklau, ein »guter Tätowierer« setzt keine Motividee eines anderen Tätowierers ein zweites Mal um. Und dennoch sieht die Praxis anders aus. In Zeiten, in denen es Tätowierer wie Sand am Meer gibt, wundert es nicht sonderlich, dass dabei auch die Zahl der schwarzen Schafe nicht gerade klein ist.
Es ist wieder an der Zeit, sich in Sachen Motivklau erneut zu positionieren. Vor genau elf Jahren hatten wir schon einmal eine »Copycats – nein danke!«-Aktion gestartet und jetzt ist es wieder so weit. Wir sprachen zu diesem Anlass nicht nur mit betroffenen Tätowierern, sondern auch mit Urban Slamal, dem »Tattoo-Jurist«. Denn wie sieht die Sachlage juristisch aus? Machen sich Copycats strafbar?
Ein Goodie rundet unsere Aktion dann noch ab: Wir haben auch den »Copycats – nein danke!«-Aufkleber von 2006 wiederbelebt und in ein völlig neues Gewand gepackt. Und obendrein gibt es auch wieder die Urkunde, diesmal zum Raustrennen aus dem Heft und zum Download auf unserer Website. So können sich Tätowierer klar positionieren und Flagge gegen Motivklau zeigen.


Copycats – nein Danke! Eine Aktion von TätowierMagazin.


Christin Gloriousink und ihre Haltung zu Copycats


Tätowiererin Christin GloriousInk ist schon unzählige Male Opfer von Motivklau geworden. Ihre verträumten Feenwesen sind nur allzu oft im Visier der Copycats. Nicht selten fallen ihr die gestohlenen Werke direkt bei Facebook auf, denn manchmal ist sie mit den Dieben sogar dort »befreundet«. Wie fühlt man sich, wenn man Zeuge davon wird, wie sich Berufskollegen mit den eigenen Werken profilieren? »Wie soll man sich da fühlen? Ich bin natürlich sauer und wütend! Ich bin doch kein kostenloser Designhandel für solche drecksfaulen Leute, die sich Tätowierer nennen«, findet Christin klare Worte. Fast alle Motive, die sie zeichnet und tätowiert, wenn es keine Wanna-dos sind, werden immer nach Kundenwünschen angefertigt.
»Das Einzige, was mich beruhigt, ist, dass alle, wirklich ausnahmslos alle Kopien scheiße sind. Und mal ganz ehrlich: Kein Tätowierer mit Respekt vor der Arbeit, die er liebt, dem Kunden und anderen Kollegen gegenüber, schiebt geklaute Motive einfach über den Kopierer. Egal, ob er sie selbst runtergeladen hat oder der Kunde die Ausdrucke mitbringt – das macht man nicht. Fertig!«
Bei der Tätowiererin brodelt es bei diesem Thema. Schaut man sich die Masse an geklauten Tattoos an, kann man das leicht nachvollziehen. Christin nimmt auch Kontakt zu den Dieben auf: »Oft kommt dann der blöde Kommentar: ›Ach, dann lade doch nichts ins Internet!‹ Klar, das wäre einfach.« Aber wie jeder andere Dienstleister oder Künstler möchte und muss Christin Werbung für sich und ihre Arbeit machen. »Warum soll ich mir meine Art zu arbeiten, nämlich mit meinen Kunden und Followern in Kontakt zu bleiben und ihnen regelmäßig zu zeigen, was ich so mache, verbieten oder verkneifen? Einige Diebe reden sich raus mit: ›Ach, das hat mir der Kunde mitgebracht!‹ Oder sie löschen einfach die Bilder aus dem Internet, als wäre es damit ungeschehen, als wäre gerade nichts geklaut worden. Die Kunden erklären es auch mit: ›Ich wollt nicht so lange warten‹«, erzählt uns Christin, die auch hierfür wenig Verständnis hat. »Hmmm, sorry, aber gute Tätowierer haben kein Schild am Laden auf dem steht: ›Termine ohne Anmeldung zu vergeben! Sofort drankommen ohne Wartezeit!‹«

Tätowiererin Christin Gloriousink ärgert sich massiv über Copycats.

Wie sich die Tätowiererin den Motivklau erklärt? »Viele Tätowierer können einfach weder zeichnen noch tätowieren. Schnelles Geld machen und dem Kunden abgepauste Motive als eigene verkaufen ist lukrativer. Manchen Kunden ist das auch schlichtweg egal. Da sich immer noch jeder Tätowierer nennen darf und Studios aus dem Boden schießen, wird sich daran auch nichts ändern.« Andere sind einfach stinkend faul: »Schnell Motive auf Pinterest oder Google ausdrucken ist da doch viel einfacher. Und wieder andere tätowieren ihren Kunden einfach alles, egal, welche künstlerische Qualität die Vorlage hat und welche Geschichte dahinter steht. Es ist ihnen egal.«
Christin kann sich vorstellen, dass Tattooneulinge unter den Kunden es nicht besser wissen. »Sie wissen nicht, dass man zwar mit Bildern zu einem Tätowierer gehen kann, diese aber nur dazu dienen sollten, eine Motividee zu vermitteln und nicht als Tattoovorlage. Da ist es an uns Tätowierern, ihnen zu erklären, warum man die Vorlage nicht eins zu eins nehmen kann.« Ihre Lösung? »Man sollte ihnen vorschlagen, dass man ihnen ein Motiv im eigenen Stil entwerfen kann und damit ein Unikat schafft. Aus meiner Erfahrung heraus wissen das fünfundneunzig Prozent der Kunden zu schätzen. Die meisten sagen, dass sie es einfach nicht besser wussten.« Christins Verständnis hört allerdings bei den Tätowierern gänzlich auf. Motive zu klauen ist für sie durch nichts zu entschuldigen.
Doch wie fühlen sich Christins Kunden, denen oft sehr persönliche Tätowierungen gestohlen werden? »Sie sind verletzt! Viele haben in die Motive Persönliches mit eingearbeitet, haben sich manchmal jahrelang Gedanken darüber gemacht, was sie gerne haben möchten und nun wird es von jemand anderem getragen, der nichts mit ihnen zu tun hat. Andere sind einfach nur sauer über so viel Dreistigkeit und fragen mich, ob es denn kein ungeschriebenes Gesetz gibt, das den Motivklau von anderen Kollegen verbietet.« Ja, so ist es eigentlich. Hier wären wir wieder beim Berufs- oder Ehrencodex. Doch in Christins Augen gibt es eben viele von der Sorte, die den Titel Tätowierer oder Künstler nicht verdienen.

Hier links das orignal Tattoo von Christin, rechts die unverschämte Kopie.

Sich zu schützen ist nicht so einfach, manchmal versucht die Tätowiererin die Tattoobilder aus schräger Perspektive zu fotografieren und hochzuladen – doch das geht nicht immer.
Wie geht sie überhaupt persönlich damit um? Dass es stolz machen müsste, kopiert zu werden, ist jedenfalls eine falsche Annahme: »Motivklau hat meiner Meinung nach nichts damit zu tun, sich geehrt zu fühlen. Motivklau bezahlt weder meine Miete noch mein Essen, also hat nur der andere was davon. Es nervt einfach wahnsinnig.« Wir behandelten vor genau elf Jahren schon mal das Thema »Copycats« im Magazin. Ob sich seit dem was verändert hat in dieser Beziehung? »Ich denke, den Neulingen unter den Tätowierern, gerade wenn sie aus guten Studios kommen, wird direkt mit auf den Weg gegeben, so etwas nicht zu machen. Dennoch gibt’s – wie überall – schwarze Schafe, die auch Wiederholungstäter sind, oder gar nur mit geklauten Motiven werben.«
Oft liegt die Grenze zwischen sich inspirieren lassen und stehlen nah beieinander. »Mal nur die Blüte ändern, die neben dem Hauptmotiv sitzt, ist Diebstahl. Es ist immer noch mein Motiv, nur mit anderer Blüte.« So ist es der Berlinerin beispielsweise mit ihrem Tinkerbell-Tattoo passiert. »Dieses Motiv war gerade mal wenige Tage online, da sah ich es schon tätowiert, was mir schon mal viel über den Terminplaner der damaligen ›Tätowiererin‹ sagt. Ich habe mich darauf hin mit meiner Kundin, die erst zwei oder drei Monate später den festen Termin dafür hatte, kurzgeschlossen und das Tattoo nachträglich abgeändert.« Vielleicht wäre es eine Idee, Zeichnungen, die für einen bestimmten Kunden gedacht sind, vorher erst gar nicht zu veröffnentlichen. Was die Tätowiererin den Copycats da draußen außerdem sagen möchte? »Euch sollen eure Dreckspfoten abfaulen!«

Kontakt
christingloriousink@mail.de
IG: @christingloriousink



Jessica Svartvit ist ebenfalls schon Opfer von Motivklau geworden


Auch Jessica Svartvit, unsere Nachwuchscontest-Siegerin von 2015 wurde schon häufig von Motivdieben ins Visier genommen. Wir schnappten uns die junge Dame und fühlten ihr zu dem hässlichen Side-Effect des Tätowierberufs mal auf den Zahn.
»Tatsächlich haben mich Kunden bei Instagram unter den jeweiligen Beiträgen markiert, so sinngemäß: ›Jessi, ist das nicht von dir?‹. So wurde ich zum ersten Mal darauf aufmerksam. Ich habe aber sogar mit meinen Zeichnungen schon solche Erfahrungen gemacht. Wobei ich das hier nicht ganz so eng sehe wie bei meinen Tätowierungen. Es dient ja zur Übung, sich von Zeichnungen inspirieren zu lassen.«
Das Unverständnis und der Ärger waren bei Jessica nicht gleich zu Beginn so groß wie heute. Als es mit den Tattoos anfing, fand sie das zu Anfang noch ganz cool. »Je öfter das aber passierte, desto weniger schmeichelhaft fand ich das. Mit jedem, der dann noch unter das Bild geschrieben hat ›Na, fühl dich halt geehrt‹, bekam ich nur noch mehr einen Hals. Das hat mit sich geehrt fühlen nämlich gar nichts mehr zu tun, eher ist es ein Schlag in die Fresse.«
Es gibt wohl nicht nur einen Unterschied zwischen geklauter Zeichnung und gemopstem Tattoo, auch bei Tätowierungen macht es einen Unterschied: Der Härtegrad scheint davon abzuhängen wie persönlich die Motivideen auf den Kunden zugeschnitten sind. Ein Tattoo macht ihr da besonders zu schaffen: »Das Bild mit dem Hirsch hat mich am meisten genervt, das behandelt nämlich wirklich eine persönliche Geschichte. Auch wenn man das dem Tattoo nicht direkt ansieht, die Anzahl der Rosen und so weiter, dahinter steckt eine besondere Familiengeschichte. Das Motiv gab es auch nicht als Sketch, von daher muss es vom Tattoo eins zu eins geklaut worden sein, also von dem Foto im Internet, das sogar mein Logo enthält. Den Link dazu hat mir Tobi Tietchen über WhatsApp geschickt mit dem natürlich nicht ganz ernst gemeinten Satz ›Jetzt fühlst dich mal geehrt, Jessi‹.«
Auf dem Profil des Diebs finden sich außerdem geklaute Tattoos von Bob Mosquito, Tobi Tietchen und vielen anderen. Er scheint ein Profi-Copycat zu sein.

Jessica Svartvit bekam schon diverse Tattoos geklaut

»Das Krasseste war, als ein Kunde von mir in Thailand bei seinem Urlaub in einem Streetshop eines meiner Bilder im Portfolio des dortigen Tätowierers fand. Der hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, das Tattoo zu stechen, er hat mein Foto genommen. Rechtlich dagegen vorzugehen ist leider ein viel zu großer Act, was will man dagegen machen? Klar, es ist ärgerlich, aber die Zeit, die es mich kosten würde, investiere ich lieber in meine Arbeit und darin, selbst besser zu werden.«
In Deutschland ist das der Tätowiererin auch schon passiert, da hat sie die Leute erst auf dem netten Weg angeschrieben oder eben auch schon mal gesagt: »Hey, du machst das jetzt sofort raus. Das ist mein Tattoo!« Und in der Regel sind die Bilder dann auch schnell entfernt worden. Doch von Reue keine Spur. »Die Hauptreaktion ist weniger, dass man sich entschuldigen würde, viel eher sind die Tätowierer pissig, wenn ich sie anspreche. Die meisten wollen es nicht verstehen, argumentieren mit ›Spiel dich mal nicht so auf, du hast die Scheiße nicht erfunden!‹ Natürlich habe ich es nicht erfunden, ich habe Dotwork nicht erfunden. Ich lasse mich auch von anderen inspirieren, aber das geht zu weit.«
Es passt zu Jessicas freundlichem Naturell, dass sie auch hier versucht, zu relativieren und nicht voreingenommen zu sein: »Ich denke, die Kunden haben häufig gar keine böse Absicht dahinter. Vielleicht auch manche Tätowierer nicht. Eventuell hat der Kunde es geschickt abgezeichnet und gibt es als seine Vorlage aus und der Tätowierer forscht nicht nach. Oder aber der Tätowierer ist ein komplettes Arschloch, der sich im Internet Sachen raussucht und sie als seine verkauft. Das weiß man eben nicht. Ich versuche da immer mega offen und nicht gleich wütend ranzugehen und schaue mir erstmal die Erklärung an. Du weißt halt nie: Verarscht der Tätowierer den Kunden, verarscht der Kunde den Tätowierer, verarscht der Tätowierer am Ende den anderen Tätowierer …«
Jessica sprach es selbst an, auch sie lässt sich von anderen inspirieren und bei Zeichnungen sieht sie auch den Übungseffekt. Doch wo hört für sie die Inspiration auf? »Ich denke, ein Bild besteht ja immer aus Kombinationen und es gibt gewisse Trendbilder. Ich würde jetzt nicht von Motivklau sprechen, wenn jemand einen Hirschkopf in einer Raute tätowiert. Ebenso bei einem Mandala nicht. Wenn man allerdings Kombinationen hat von Geometrie, einem bestimmten Hintergrund, verschiedenen Blumen, einem Hirsch und das alles in einem Bild verknüpft, ist die Sache klar. Ach, was war das letzt für eine außergewöhnliche Idee zum Beispiel, die mir geklaut wurde: Ein Flamingo auf einem Hochrad aus dem Pfauenfedern wachsen und der einen Zylinder trägt. Das Ganze ist in einer Galaxie platziert. Wenn du so etwas nochmal siehst, liegt der Motivklau denke ich klar auf der Hand. Man bringt immer seine persönliche Note rein und wenn die kopiert wird, sieht man das schnell.«

Links das original Tattoo von Jessica Svartvit, rechts die fiese Kopie.

Die Beziehung zwischen Tätowierer und Kunde ist nicht selten eng und basiert vor allem auf Vertrauen. Gerade wenn, wie eben angesprochen, Persönliches mit einem Tattoo verarbeitet wird, fühlt man sich als Tätowierer womöglich unweigerlich schuldig und verantwortlich, wenn eben dieses Tattoo durch Dritte geklaut wird. »Bei meinen Kunden habe ich mich jedes Mal entschuldigt, obwohl ich ja eigentlich gar nichts dafür kann. Die meisten haben es locker gesehen. Ich frag jetzt auch wirklich jeden vorher, ob ich die Tattoos im Internet hochladen soll. Bisher hat das noch keiner verneint, aber wenn mal einer nein sagt, ist das auch absolut in Ordnung. Mittlerweile merke ich ja, dass doch wesentlich mehr Menschen sehen, was ich da mache, als angenommen. Dir wird bewusst, dass alles, was du veröffentlichst, Wellen schlägt.«
Was Jessica wirklich am meisten nervt, und das verstehen in ihren Augen wohl nur Tätowierer: »Es ist kein Lob an dich, wenn jemand dein Zeug klaut. Und auch keine Ehre. Es geht um eine persönliche Sache, die unter die Haut geht. Eine Zeichnung kann man noch verdauen, aber ein Tattoo? Nein.«

Kontakt
jessica@rabauke-tattoo.de
IG: @jessicasvartvit


Friedrich Übler erlebte gleich einen besonders frechen Fall


Eine Szene in Kassel, die stutzig machte: Friedrich Übler hat an seinem Stand eine Zeichnung von sich ausgestellt mit der Aufschrift »feel free to copy«. Es handelte sich dabei um eine atemberaubende Zeichnung eines Kriegselefanten, konzipiert für ein Backpiece. Blieb man länger davor stehen, klang es von links und rechts: »Na, haste das nicht mitbekommen?« Wir fragten bei Friedrich nach.

Friedrich Übler erlebte mit einem Backpiece Wanna-do etwas Ungeheuerliches.

Tatsächlich verbirgt sich hinter diesem satirischen Joke, den das Bild hier rechts festhält, eine Copycat-Geschichte der heftigen Sorte: »Ich habe dieses Wanna-do im Netz veröffentlicht, in der Hoffnung einen Abnehmer zu finden. Eine Kundin von mir aus München, Jessica, bekam es und war irre happy darüber. Danach gab es noch weitere Anfragen, unter anderem von einer Person, die es dann tatsächlich nachstechen ließ. Allerdings von irgendeinem Dorftätowierer. Die Diebin und ich kannten uns, sie blockierte mich dann aber. Doch Freunde schickten mir zuhauf den Screenshot von ›ihrem‹ Tattoo, das sie in der Annahme hochlud, es würde keinen weiter interessieren oder erreichen.« Die Aktion schlug Wellen. »In erster Linie tat es mir für meine Kundin wahnsinnig leid, die war wirklich fertig. Ich mein, da bekommst du ein einzigartiges Tattoo und jemand anderes klaut es dir komplett.« Friedrich Übler versteht wie viele seiner Follower diese Dreistigkeit einfach nicht. »So etwas macht man nicht, allein aus Respekt vor den Kollegen«. Apropos Dreistigkeit: Die Tattoodiebin drohte Friedrich und seiner Kundin Jessica im Nachgang noch mit einer Anzeige wegen Urheberrechtsverletzung, da die beiden ihr Foto vom geklauten Tattoo reposteten, um auf den krassen Vorfall aufmerksam zu machen. Das ist der Punkt, an dem jeder nur noch kopfschüttelnd dasteht.

Kontakt:
facebook.com/friedrichuebler
IG: @friedrichuebler
 

Tattoo-Flash – Ja bitte!
Ein Kommentar von Heide Heim.


TM-Redakteurin Heide Heim äußert sich in ihrem Kommentar zum Thema »Tattoo-Flash –  Ja Bitte!«

Klar sind wir alle froh darüber, wie sich das Tätowieren in den letzten zehn, fünfzehn Jahren entwickelt hat. Beim Durchblättern alter TätowierMagazin-Ausgaben aus dem Jahr 2006, als wir erstmals die Copycat-Aktion starteten, werden Erinnerungen wach. Es war eine spannende Aufbruchszeit, die Entwicklung ging weg von Standardvorlagen und hin zu Tätowierungen, die einzigartig waren.
Heute befindet sich in fast jeder mittelgroßen Stadt ein Studio, das Tätowierungen auf einem Niveau anbietet, das wir damals mit Superlativen überschüttet hätten. Und doch stelle ich mir an heißen Sommertagen oft die Frage: Wieso trägt diese junge Frau diesen wahllos zusammengeworfenen Kuddelmuddel aus Sternen, Vogelsilhouetten und noch irgendwas? Meist gibt man sich selbst die Antwort: Jeder bekommt die Tätowierung, die er verdient.
Das ist aber nicht die Lösung, wenn die Person es eben einfach nicht sieht, dass das Design so nicht funktioniert.
Früher war ja nicht alles schlechter und der Blick zurück würde vielleicht einen Lösungsansatz bieten: Damals gab es für weniger künstlerisch ambitionierte Tätowierer Flashs! Also von Profis gezeichnete Vorlagen, die Tätowierer kaufen und als Motiv anbieten und tätowieren konnten. Alles ganz korrekt; der Zeichner (meist ein Tätowierer) brachte so seine Designs unter die Leute und verdiente an seiner künstlerischen Arbeit und andere Tätowierer hatten damit eine Arbeitsgrundlage. Die käuflich erworbenen Tattoovorlagen lagen in A3-großen Ordnern für die Kunden aus; diese konnten dann entweder aus einer breiten Reihe an Standards oder aus künstlerisch anspruchsvolleren Motiven wählen. Mal ehrlich, viele der heute angesagten Brot-und-Butter-Motive könnten so in einer wirklich guten Qualität angeboten und gestochen werden. Nicht jede Unendlichkeitsschleife gewinnt dadurch an Individualität und künstlerischem Anspruch, wenn auch noch ein Traumfängerfederchen mit eingebaut wird. Aber viele Traumfänger sähen womöglich ordentlich aus, wenn der Tätowierer eine saubere Vorlage gehabt hätte und nicht jeder meinte, dass er Künstler sei.  
Es gibt einfach klassische Dienstleister, die in der Lage sind, ein Motiv technisch sauber in die Haut zu bringen, aber denen leider jedes künstlerisches Gespür fehlt, ein ordentliches Design zu entwerfen. Man könnte auf die Motivflut im Internet verweisen, aber genau das passiert ja; es werden Rosenblüten von Pinterest mit einem Schädelmotiv von www.3-C-tattoovorlagen.to mit einem vom Kollegen geklauten Kreuzmotiv am Computer zusammengesetzt und das Ganze als individuell gestaltetes Erinnerungstattoo auf die Haut gebracht. Mit diesem Aus-jedem-Dorf-ein-Köter-Ansatz gelingt aber meist kein in sich geschlossenes Design.
Eine saubere, nach einer Vorlage gestochene Tätowierung ist mir persönlich lieber, als eine Customarbeit, die als Motiv nicht taugt. Dafür müssten Tätowierer sich einfach mal ’nem Realitätscheck unterziehen, gegebenenfalls ihr Ego auf die Seite legen und der Devise folgen: Kauft wieder Flashs! Und die Welt würde wirklich schöner.


Rechtslage zum Motivklau
Eine Einschätzung von Urban Slamal


Rechtsanwalt Urban Slamal klärt zur Rechtslage beim Motivklau auf.


Wie sieht eigentlich die Rechtslage bei Motivklau im Tattoobereich aus?
Grundsätzlich ist jede Tätowierung – solange sie eine gewisse schöpferische Leistung darstellt – ein urheberrechtlich geschütztes Werk. Als solches ist eine Vervielfältigung desselben nur mit Erlaubnis des Urhebers, also in der Regel des Tätowierers, zulässig. Eine unerlaubte Vervielfältigung zieht zum einen Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche nach sich und stellt zum anderen eine Straftat dar.

Gibt es einen Unterschied zwischen geklauten Flashs, die für Shirts oder andere Werbeprodukte genutzt werden, und tatsächlich tätowierten Tattoos?
Hier muss man zunächst mit dem Begriff »Flash« etwas vorsichtig umgehen. Traditionell wurden als »Flash« ja Vorlagen bezeichnet, die gerade zur weiteren Vervielfältigung gedacht waren. Insoweit ist bei solchen Werken eine Kopie regelmäßig unproblematisch. Heute wird dieser Begriff indes oft für jede Art von Motiventwurf, Vorzeichnung oder Ähnlichem verwendet. Hier ist es wie bei Tätowierungen: Zeichnungen, Motiventwürfe oder fertige Motive zur Verwendung auf Werbemitteln sind natürlich – eine gewisse Schöpfungshöhe unterstellt – ebenso urheberrechtlich geschützte Werke, deren Vervielfältigung einer Erlaubnis des Erschaffers bedarf. Auf oder von welchem Medium die Kopie erfolgt, ist dabei völlig egal. Man sollte als Tätowierer auch bei dem Erwerb solcher »Vorlagenbücher« darauf achten, ob die Nutzung der darin befindlichen Werke durch den Käufer des Buches tatsächlich erlaubt ist. In aller Regel ist das nämlich nicht der Fall – und durch den Kauf eines Buches alleine erwerbe ich natürlich nicht automatisch das Recht, den Inhalt desselben auch zu kopieren.

Kann sich ein Tätowierer oder Kunde dahingehend irgendwie schützen?
Na ja, eigentlich liefert das Urheberrechtsgesetz einen diesbezüglichen Schutz – jedenfalls für den Tätowierer. Rein faktisch kann man eine Kopie der eigenen Werke nur verhindern, indem man sie der Öffentlichkeit nicht zugänglich macht. Aber der rechtliche Schutz ist recht umfassend, leider wissen das viele nicht.
Von Gesetzeswegen ist der Schutz völlig ausreichend und eigentlich weiß ja auch jeder Tätowierer, dass die Umsetzung bereits bestehender Tattoos jedenfalls nicht okay ist. Man mag sich vielleicht nicht so richtig der möglichen Konsequenzen bewusst sein, aber ein ganz grundsätzliches Gefühl von richtig und falsch haben die meisten ja schon. Und, dass man fremde Schaffensleistung nicht einfach nutzt, ohne zu fragen, müsste eigentlich selbstverständlich sein.
Wo es tatsächlich ein gewisses Defizit in der Rechtswahrnehmung gibt, ist bei der Tatsache, dass man als Tätowierer natürlich auch andere Werke als Tätowierungen, beispielsweise Fotografien, ohne Zustimmung des Urhebers nicht in eine Tätowierung überführen darf.

Bekommst du häufig Anfragen, die deine rechtliche Unterstützung zum Thema suchen?
Ja, das Thema habe ich hier tatsächlich ziemlich oft. Letztlich scheuen sich aber viele Tätowierer dann nach einer Beratung doch, ihre Kollegen abzumahnen. Und das, obwohl da in der Regel die Rechtslage ziemlich eindeutig ist. In dem ein oder anderen Fall hat es auch von mir schon tatsächlich Abmahnungen gegeben.
Etwas problematisch wird es dort, wo die Rechtsverletzung im Ausland begangen wird. Da muss man sich tatsächlich überlegen, ob Aufwand und Kosten der Rechtsverfolgung durch den Anlass gerechtfertigt sind. So einen Unterlassungstitel etwa in China zu vollstrecken, ist nicht so ganz unproblematisch.

Kontakt
Rechtsanwalt Urban Slamal
rechtsanwalt@slamal.de

 

Spread the word: mit Sticker und Urkunde


Copycats – nein Danke! Eine Aktion von TätowierMagazin.

Diese Selbstverpflichtungserklärung können sich Tätowierer, die unsere Aktion unterstützen und mittragen wollen, ausschneiden oder von unserer Homepage runterladen und ausdrucken. Geht einfach auf www.taetowiermagazin.de und klickt auf unser Copycat-Logo. Euren Studionamen könnt ihr direkt in die entsprechende Zeile in der Erklärung eintragen, er wird dann auch direkt in eine Online-Liste übernommen, auf der sämtliche teilnehmenden Studios aufgeführt werden.
Die Aufkleber kann jeder bei uns bestellen, schickt uns einfach einen an euch selbst adressierten und mit 70 Cent frankierten Rückumschlag (normaler Briefumschlag) an:

TätowierMagazin
»Copycat-Aufkleber«
Markircher-Str. 9a
68229 Mannheim


und ihr erhaltet postwendend vier unserer Copycat-Kleber.

Text: Jula Reichard
Bilder: Christin Gloriousink, Jessica Svartvit/TM

Kommentare zum Artikel





Aktuell am Kiosk: TätowierMagazin 8/17

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Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

Im Huber-Verlag erscheinen auch:

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Stand:17 August 2017 09:56:20/szene/copycats+-+nein+danke_173.html