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21.04.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Robin Brecht/SRF Inked (www.srf.ch/inked)
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Bettina Bestgen macht die erste Tattoo-Doku der Schweiz


»Endlich mal eine gescheite Tattoosendung« las man in den sozialen Netzwerken kurz nachdem das Format »Inked« von der Schweiz rüber nach Deutschland geschwappt war. Wir trafen den Menschen hinter der Sendung, die Radiomoderatorin Bettina Bestgen.


Zwölf Folgen umfasste die erste Staffel der Tattoo-Doku, die beim SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) als Webserie erschien und schnell große Wellen schlug. Die erste Tattoosendung der Schweiz porträtiert Menschen und ihre Geschichten und geht dabei auch Fragen auf den Grund, die sich jeder schon mal gestellt hat, der mit dem Thema Tattoo in Berührung kam. Wie etwa »Was tun, wenn das Tattoo nicht mehr gefällt?« oder »Wie bleiben Tattoos noch nach Jahrzehnten schön?« Wir trafen die Produzentin und Moderatorin von »Inked« in Zürich. Hier arbeitet Bettina, die liebenswerte junge Frau mit den eisblauen Augen, die wir aus den »Inked«-Folgen bereits kennen. Sie ist Radiomoderatorin und hatte vor Kurzem sogar ihr Debüt im Schweizer Fernsehen. 
»Das ist komisch, eigentlich bin immer ich diejenige, die sonst die Fragen stellt, jetzt soll ich welche beantworten«, grinst mich die gut gelaunte Schweizerin an, während wir in ihrem liebsten Züricher Lokal zu Mittag essen. Vorher schaute ich Bettina bei der Moderation der Morningshow des Radiosenders SRF Virus über die Schulter.
Bettina legt bei ihrer Arbeit eine enorme Leidenschaft an den Tag und sie kann gut mit Menschen. Das Gespür, die Geschichten hinter den Personen zu erzählen, scheint ihr im Blut zu liegen. Das ist es auch, was ihre Tattoo-Doku »Inked« so besonders macht. Statt Effekthascherei sehen wir Persönlichkeiten, denen viel Zeit und Raum gegeben wird, ihre Story zu erzählen. Eingefangen in tollen Bildern und in stets unaufgeregter Atmosphäre. So gewährten Bettina und ihrem Team auch Größen wie Filip Leu oder Maxime Büchi einen intimen Einblick in ihr Leben – eigentlich schon eine Auszeichnung für sich. »Inked« ist Bettinas Baby, sie lag ihren Chefs mit dem Vorhaben lange in den Ohren, ihr Argument: »Die Schweiz braucht endlich eine Tattoosendung.«

Bettina Bestgen, die Frau hinter der Tattoo-Doku Inked ist selbst ordentlich tätowiert.

12 Folgen »Inked« bereits ausgestrahlt

Mittlerweile ist die erste Staffel ausgestrahlt und wir schauen auf zwölf wunderbare Episoden zurück. Wie lautet Bettinas Konzept? »Wichtig war mir, dass es nicht so eine Cover-up-Sendung wird. Die Menschen und die Geschichten sollen im Zentrum stehen. Der Tätowierte wie auch der 08/15-Schweizer ohne Tattoos sollen gleichermaßen angesprochen werden. Ich möchte, dass auch die Frau Müller mit dem kleinen versteckten Tattoo unter der Bluse gerne zuschaut.« Der Plan ging voll auf. »Es meldeten sich viele, die sagten ›Hey, ich habe noch kein Tattoo und mich interessieren Tattoos auch nicht, aber ich finde die Sendung extrem schön‹. Andere sind von oben bis unten tätowiert oder selbst Tätowierer und sagten mir, dass sie meine Sendung lieben. Das ist doch das Schönste!« 
Bettina strahlt voller Stolz. Auch in Deutschland war die Resonanz auf »Inked« sehr positiv. »Deutschland ist das Land außerhalb der Schweiz, aus dem die meisten Reaktionen kamen«, erzählt Bettina, die sehr gerne bei kommenden »Inked«-Produktionen noch Deutschland und Österreich inhaltlich mit berücksichtigen würde. Seit kurzem weiß Bettina, dass ihre Sendung auch noch eine weitere Staffel bekommt. Ob sie mal die Angst plagte, nicht genügend Futter für die Sendungen zusammenzukriegen? »Nein, keine Sekunde. Schon gleich hatte ich für eine weitere Staffel Material und Ideen zusammen, womit ich viele Folgen füllen könnte. Im Hinblick auf ohnehin tattoointeressierte Menschen mache ich mir da überhaupt keine Sorgen. Die Schwierigkeit liegt eher darin, bei allem auch an diejenigen zu denken, die mit der Thematik noch wenige bis gar keine Berührungspunkte haben und ihr Interesse zu bedienen.«
Bettina sagt, sie hat Wert drauf gelegt, interessante Menschen zu finden, doch wie sucht man diese aus? »Lustigerweise hat mich das echt die meiste Zeit gekostet. Wenn ich überlege, wie es war, bis wir an Filip Leu rangekommen sind. Wir haben über Wochen versucht, allein im Shop mal irgendwen dran zu bekommen. Da hieß es am Anfang immer nur ›Interviews? Pah, nein!‹ Dann sind wir nach Montreux zur Tattoo Convention gefahren und sind so mit Matthieu, Filips Schwager, in Kontakt getreten und haben darauf hin mit ihm Mails geschrieben. Irgendwann haben wir uns aber gesagt ›Ach komm, wir fahren da jetzt einfach hin, nach Sainte-Croix‹. Doch wir wussten nicht, fahren wir da jetzt sechs Sunden – drei hin, drei zurück – vergebens hin, oder gibts da was zu holen? Das kostete uns drei Wochen Zeit, natürlich nicht von morgens bis abends, aber wir waren jeden Tag damit beschäftigt, der Sache hinterherzurennen.« Herausgekommen ist ein rarer und intimer Blick in das Leben der Leus, porträtiert in den heiligen vier Wänden der weltberühmten Tattoofamilie.
»Ansonsten redete ich im Voraus viel mit Tätowierern mit dem Ziel, an diese oder jene Geschichte dranzukommen. Um dann aber letztlich festzustellen ›Hey, das, was du gerade erzählst, ist viel interessanter‹. So ergab sich vieles nach und nach und tatsächlich über Umwege.« 
In der Tattooszene ist Bettina vorher nicht unterwegs gewesen. Sie sieht sich selbst als tätowierte Person und nicht als »eine aus der Szene«. Und Bettinas persönliche Tattoogeschichte? Die geht zurück ins Kindesalter. »Mein Onkel ist volltätowiert und als wir Kinder waren, haben wir – vor allem ich – statt Bilderbücher lieber die Tattoos auf seinem Körper angeschaut. Das fanden wir so cool, darum habe ich schon von klein auf gesagt: ›Sobald ich volljährig bin, mache ich das auch!‹«

Bettina bei ihrer Morningshow zuzuhören, zaubert dir ein Lächeln ins Gesicht, selbst wenn du gar kein Schweizerisch verstehst.
 

Die Tattoodoku veränderte Bettinas Leben


Bettina wird nun nach der Ausstrahlung ihrer Doku anders wahrgenommen. »Klar, wenn ich wohin komme, heißt es dann schon mal ›Ah, du bist doch die von Inked‹ und dann sprichst du automatisch über die Tätowierszene. Es ist das passiert, was wir gar nicht beabsichtig haben: Wir haben Respekt bekommen für das, was wir tun. Darüber freuen wir uns sehr.« 
Bettina hat durch ihre Produktion sehr viel über die nationale und internationale Tattoogeschichte gelernt. Doch wie schwer war es für eine außenstehende Person, zum Insider zu werden? »Es ist definitiv eine Szene für sich, die erst einmal sagt ›Was, du, hier? Nein …‹ Wenn sie dann aber mal merken, dass du wirklich echtes Interesse hast und nicht nur das Trendtattoo zeigen willst, dann siehst du, wie die Maske runterfällt. Und dann lassen sie dich an sich heran. Wenn du es schaffst, ihnen zu zeigen ›Mensch, es interessiert mich wirklich!‹ – dann kannst du alles haben.« Wie Bettina das gelungen ist? Sie hat den Menschen, die in ihrer Doku im Zentrum stehen, nicht nur die Standardfragen gestellt, die sich nach fünf Minuten Google ergeben – Bettina geht immens gut vorbereitet und mit echter Neugier an die Sache ran.
»Inked« hat in Bettinas Leben noch mehr verändert als nur die Tatsache, jetzt erkannt zu werden: »Ich hätte niemals gedacht, dass Tattoos in meinem Leben mal einen so hohen Stellenwert bekommen. Und dann sind es natürlich die zwölf Menschen, die ich begleitet habe. Heute allein habe ich schon zwei von ihnen gesprochen. Von den meisten höre ich immer noch wöchentlich. Ich bekam Einblick in das Leben von Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte, hörte ihre Erfahrungen und Geschichten. Manchmal muss ich das erstmal im positiven Sinne verdauen.«
Am Ende frage ich Bettina nach ihren eigenen Tattoos, denn sie trägt eine bunte Sammlung auf ihrem Körper. »Das ist lustig, dass sich jetzt jemand für meine Tattoos interessiert«, lacht sie. »Ich glaube, man sieht an meinen Tattoos, dass ich mich selbst nicht so ernst nehme. Ich habe keine Tätowierungen, mit denen ich groß auftragen könnte, wie ›Da ist mein Goldhamster mit fünf Jahren gestorben, das sieht man hieran‹. Habe ich nicht und möchte ich nicht.« Stattdessen trägt Bettina lustige Sachen auf ihrem Körper wie etwa eine panflöte-spielende Artischocke mit Cowboyhut. Oder einen Kaktus, der mit seinem Popo wackelt und tanzt.

Ein Skelett auf einem Fahrrad oder ein Pizzastück – Bettinas Tätowiererin weiß, was zur Moderatorin passt.


Mehr Infos und die ganzen Folgen von Inked unter www.srf.ch/sendungen/inked
 

Schaut hier die Folge mit Filip Leu



 

Text: Jula Reichard
Bilder: Robin Brecht/SRF Inked (www.srf.ch/inked)

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Stand:24 June 2017 03:57:59/szene/bettina+bestgen+macht+die+erste+tattoo-doku+der+schweiz_174.html