Auf gruseliger Spurensuche

21.04.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Boris Glatthaar
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Auf gruseliger Spurensuche
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Morbider Fund auf dem Dachboden: Eine Sammlung säuberlich abgetrennter, tätowierter Hautstücke macht einen Erben aus Bonn ratlos. Das TätowierMagazin schaute sich den Fund genauer an.
Am besten lässt sich die Tätowierung auf der Haut erkennen, wenn das Licht durch sie scheint. Wenn man das abgetrennte Stück Haut, längst steif geworden wie Blech, mit zwei Fingern gegen die Sonne hält. Dann werden die vielen feinen Äderchen sichtbar, die sich über Jahrzehnte erhalten haben. Und das tätowierte Motiv ist glasklar zu sehen: Ein Mann mit großem Phallus steht vor einer Frau, die ihn begierig zu erwarten scheint. Auch vor geschätzt mehr als 100 Jahren waren Tattoos schon Kunstwerke höchstpersönlicher Art. Ein anderes Stück Haut zeigt ein Schiff und in großen Lettern steht »Fulda« darunter geschrieben. Dieses Hautstück war es, das dem Finder kalte Nackenschauer verpasste. Alain, ein Bonner Versicherungsmakler, hatte zunächst keinen blassen Schimmer davon, was er da in Händen hielt, bis es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. 
Doch zurück zum Anfang: Als Alain sich als Erbe seines verstorbenen Onkels um dessen Haushaltsauflösung in Bebra kümmern musste, ahnte er längst nicht, dass sich auf dem Dachboden noch ein ganz ungewöhnliches Päckchen befindet. »Ich befreite das Haus von allem möglichen nutzlosen Zeug und war schon sicher, außer der Arbeit damit nichts weiter geerbt zu haben. Dann fand ich eine Tüte mit diversen Schriftstücken und lederartigen Platten, auf denen sich Zeichnungen befanden.« Noch ahnungslos, doch mit der vagen Vermutung, hier etwas Interessantes ausgegraben zu haben, machte sich Alain wieder auf nach Bonn. 
In seinem cleanen, hellen Büro inspizierte er das Erbe genauer. Diverse Zeichnungen, manche undeutlich, andere wiederum lassen klare Elemente erkennen: Ein Frauenkopf, ein Tiger oder das Paragraphen-symbol und die Zahl 11. Bis auf wenige Ausnahmen sind die lederartigen Stücke ganz fest, mal weniger, mal mehr transparent, fast alle vergilbt und bräunlich. Es dauert, bis Alain dämmert, was er in Händen hält. Doch nachdem ihm ein wichtiges Detail auffällt, verfällt er in Schockstarre: Als er das Stück mit dem Schiff und dem »Fulda«-Schriftzug näher betrachtete, war es ihm, als könne man eine Brustwarze erkennen. Und beim näheren Hinsehen addierten sich zu diesem Bild noch weitere Merkmale: feine Äderchen, Haare, gewebeartige Strukturen. Und die Zeichnungen? Das könnten Tätowierungen sein. 

Bei näherer Betrachtung wird klar: Es handelt sich um die Tätowierung einer menschlichen Brust.
 

Alain fällt in Schockstarre, als er die Brustwarze erkennt


»Als mir nach akribisch genauem Hinsehen plötzlich die Brustwarze ins Auge fiel, ließ ich vor Schreck das Stück Haut fallen und saß wie angewurzelt da. Ich glaube, ich habe den Rekord im Etwas-fallen-lassen aufgestellt.« Ganz wohl ist Alain auch heute noch nicht in Gegenwart des bizarren Erbes. Und mit bloßen Händen anfassen möchte er die Stücke auch nicht mehr. Doch was tat der Erbe, nachdem ihm klar wurde, womit er es hier zu tun hat? Er fragte in seinem Bekanntenkreis nach Rat. Auch einen befreundeten Arzt bat er um seine Einschätzung. Dieser konnte zunächst bestätigen, dass es sich um Menschenhaut handelt und er stellte auch Vermutungen an, weshalb einige wenige Fundstücke ganz anders geraten sind. Diese sind wesentlich dicker, dabei aber viel weicher, in der Farbe ganz weiß und das Tattoomotiv sieht bläulich und versunken aus. Es könnte sich hierbei um die Haut eines Dunkelhäutigen handeln, die nachträglich an Pigment verloren habe oder behandelt worden sei, habe man ihm gesagt. Ich konnte hierfür aber keine Beweise finden. Ohnehin lieferten Gespräche und Internetrecherche keine aufschlussreichen Erklärungen. Auch die Analyse der diversen Schriftstücke und Briefe, die in der Tüte mit enthalten waren, warfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gaben. Auf den eher wahllos und willkürlich enthaltenen Schriftstücken – mal handschriftlich verfasst, mal auf Schreibmaschine – stehen zum Teil medizinische Beobachtungen, die etwas mit afrikanischen Volksstämmen zu tun haben. Hier ein Auszug: »Ueber die Beschneidung kann ich auch jetzt nicht viel mehr sagen, als was in meinem Buch pag. 128 angeführt ist. ›Das Volk der Xosa Kaffern‹. Die Hottentotten und die ihnen verwandten Stämme, den Buschleuten Korannas – mit anderen Stämmen bin ich nicht in Berührung gekommen – war die Beschneidung circumcisio nicht in Gebrauch; ebenso keine incisio, wie bei den Masai.« – Die Schriften sind allerdings unvollständig und ohne erkennbaren Zusammenhang und lassen so viel Raum für Spekulation. Gekennzeichnet sind einige jedoch von der »Generalverwaltung der Königlichen Museen für Völkerkunde Berlin«, das legt zumindest den Verdacht nahe, es könne sich um Teile einer Sammlung handeln, die man vor langer Zeit mal dem Museum übergab. Alain konnte bei seinen Nachforschungen allerdings noch keinen wirklichen Erfolg verzeichnen.


Alain ist nach wie vor etwas ratlos und fühlt sich in Gegenwart seines Erbes nicht ganz wohl. Gemeinsam mit ihm schaut sich Jula die Schriftstücke näher an, die ebenfalls im Päckchen enthalten waren.


Noch ist nicht klar woher die tätowierten Hautstücke stammen


Der Erbe hat keine Anhaltspunkte dafür, woher sein Onkel diese Tüte haben könnte. Was Alain jedoch annimt: Diese Sammlung gehörte mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit seinem Großvater, der sie nach dem Krieg mitbrachte. 
Krieg, abgetrennte Hautstücke, ein Fund in Deutschland: Es drängen sich unweigerlich Erzählungen aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte auf. Auch wenn man Ilse Koch, der Frau des Kommandanten des KZs Buchenwald, nie persönlich nachweisen konnte, dass sie Lampenschirme aus tätowierter Haut herstellen ließ, so ist bestätigt, dass die Nazis tätowierte Hautstücke von Toten abgelöst und gegerbt haben. Könnte der Fund auf dem Dachboden in Bebra etwas damit zu tun haben? Das waren auch die ersten Befürchtungen des Erben. Doch Alains Recherche und auch die Datumsangaben auf den beiliegenden Dokumenten (vom Ende des 19. Jahrhunderts) legen nahe, dass die Hautstücke schon viel früher abgetrennt worden sein müssen und somit nicht mit den Gräueltaten des NS-Regimes in Verbindung zu bringen sind.
Wer sich mit historischen Tattooentfernungen auseinandersetzt, kommt auch an diesem Namen nicht vorbei: Christian Warlich. Der Hamburger Tätowierer entwickelte Zeit seines Lebens eine Methode zur Tattooentfernung, die es in sich hatte. Warlich benutzte dafür eine Tinktur, deren Rezeptur er mit ins Grab nahm und deren Zusammensetzung so leider ein Geheimnis bleibt, man kann aber mutmaßen, dass es sich dabei um eine Säure hielt. Mittels seiner Tinktur konnte Warlich ganze Hautstücke ablösen und die Tätowierung blieb quasi als »Tattoobild« erhalten. Er musste also sehr tief ins Corium der Haut mit seiner Tinktur vordringen. Die meist verwendete Chinesische Tusche besteht aus kolloidalem Kohlenstoff, der sich auf chemischem Weg nicht auflöst. Also war es nicht immer mit Zwangsmaßnahmen impliziert, wenn der Anker drückte, das Kreuz plagte und die Rose zwickte. Die Menschen haben sich damals bereits freiwillig dazu entschieden, ein Tattoo entfernen zu lassen. Das Stigma tätowiert zu sein, war damals eben doch noch größer. Insbesondere wenn es sich um solche Bilder wie den Paragraphen 11 handelte. Diesen findet man unter anderem auch auf den Hautstücken aus dem Fund des Erben. Doch was könnte dieser hier in diesem Zusammenhang bedeuten? Es ist davon auszugehen, dass die Tätowierung »§11« im Bezug zum Preußischen Strafgesetzbuch von 1851 steht. In diesem versteht man unter Paragraph 11 den Vollzug der Zuchthausstrafe. Ein Auszug: »Die Verurtheilung zur Zuchthausstrafe zieht den Verlust der bürgerlichen Ehre von Rechtswegen nach sich.«



 

Kontakt zu Historikern und Tattooforschern gesucht

Da Alain einerseits nicht ganz wohl dabei ist, im Besitz echter Menschenhaut zu sein und er schon gar keine Verwendung für selbige hat, da er sich für Tätowierungen und Tattoogeschichte nicht interessiert, wählte er den Weg an die Öffentlichkeit. Der Erbe hofft so mit interessierten Fachleuten in Kontakt zu treten. Hierzu hat er nun eine E-Mail-Adresse eingerichtet. 
Zweifelsohne handelt es sich hier um eine Entdeckung, die unter anderem Historikern als spannend erscheinen dürfte. Immerhin sind es rund fünfzehn säuberlich abgetrennte und gut erhaltene Haustücke mitsamt offenbar zugehörigen Dokumenten unter anderem mit Bezug zum einem Völkerkundemuseum, die reichlich Ansatzpunkte für weitere Nachforschungen bieten.

Info:
Kontakt zum Finder der Hautstücke über tatooverkauf@gmail.com
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