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04.10.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: TM-Archiv
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Alte Tattoos mit Schwarz covern: Black it up!


Ungewünschte Tattoos kann man mit einem neuen Motiv covern, ein Blast-over drüberknallen oder die Haut einfach schwärzen. Diese Variante scheint auf den ersten Blick der einfachste Weg zu sein – ist es aber nicht. Wer großflächig alte Tätowierungen mit Schwarz covert, braucht mächtig Eier.


Ungewollte Tätowierungen einfach mit Schwarz zu überdecken, ist die Ultima Ratio des Coverns – nach Schwarz kommt nichts mehr. Außer womöglich noch mehr Schwarz. Es gibt kein zurück, keinen doppelten Boden, kein Netz, kein Laser macht die Entscheidung reversibel: die Haut bleibt Schwarz, und zwar für immer.

Die Kundin von Lionel Fahy,  »Les Derniers Trappeurs«, Paris, ließ sich beide Arme schwärzen, die von einem Kollegen gestochenen Rosen verleihen den Armen Eleganz.

Was sich auf den ersten Blick wie die simpelste Variante eines Cover-ups anhört, ist ein Statement, für das man die Eier haben muss. Provokanter kann man sich nämlich nicht tätowieren lassen. Nichts reizt anscheinend manche Menschen so sehr wie diese schwarze Fläche, die ganz ohne lesbare Botschaft oder offensichtliche Bedeutung auskommt. Das schwarze Bild wirkt entpersonalisiert und widerspricht der westlichen Vorstellung von Tätowierungen als Merkmal der Individualisierung. Keine Nachricht, keine Information, keine Schublade: das Tattoos wird zur reinen Projektionsfläche für Gedanken und Einstellungen des Betrachters selbst. Heavy Blackwork, das vollständige Bedecken der Haut, ist in den Augen vieler Menschen nach wie vor eine Grenzüberschreitung. Das ist keine Übertreibung.
»Mit Schwarz großflächig zu covern ist eine große optische Veränderung für sehr starke Menschen«, weiß Tätowierer Lionel Fahy. Gerhard Wiesbeck von »Blut und Eisen« in Berlin sieht es weniger dramatisch, prinzipiell rät er aber, dass nur derjenige Kunde sich ein Tattoo mit Schwarz covern lassen sollte, der sowieso auf die Ästhetik von Blackwork steht. »Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Cover-up in Schwarz nicht zu der Person passt, würde ich davon abraten. Cover-up bedeutet, mit einer Vorgabe zu arbeiten, was Kompromisse unumgänglich macht. Aber dieser sollte für den Kunden immer akzeptabel sein. Wenn es sich um große Cover-ups handelt, versuche ich das Design ausgeglichen zu gestalten, so dass es als Gesamtkonzept zu sehen ist und nicht als offensichtliches Cover-up.«

Die untätowierten Hautflächen gestaltet Gerhard Wiesbeck (Blut und Eisen, Berlin) neu und verbindet sie mit Cover-up in Schwarz.

Wer diesen Schritt geht, der ist seiner alten Tätowierungen überdrüssig, kann und will sich mit der Bildsprache und Ästhetik der alten Tattoos nicht mehr identifizieren, empfindet sie als Relikte aus einer Zeit, deren Bild- und Formensprache nicht mehr zum jetzigen Selbstverständnis passen. Anstatt jetzt den Kompromiss eines normalen Cover-ups einzugehen, wählen immer mehr Tätowierte ganz bewusst die radikale, nicht-bildhafte Sprache der Schwärzung. Dieser Weg, der ja einhergeht mit der Ablehnung der Präferenzen von früher, ist nicht selten Ausdruck einer inneren Metamorphose, einer Neudefinition seiner selbst.
»Ob man eine solide Schwarzfläche hinbekommt, hängt von mehreren Faktoren ab: Hauttyp, Pflege, Körperstelle. Manchmal reicht eine Lage Schwarz, es kann aber auch eine zweite oder dritte Lage nötig sein,  und das in Abständen von mindestens acht Wochen. Die Tiefenabheilung kann jedoch noch länger dauern, das Schwarz muss sich setzen, das ist ganz normal«, so Wiesbeck, der in Deutschland als eine der Top-Adressen für Konzepttätowierungen in Schwarz gilt. Beim Covern von Tattoos ist es nicht klar, ob man die darunterliegende Farblage wirklich auslöscht. Wenn es nach der ersten Tätowierung zu Narbenbildung der Haut kam, wird man die Narben auch nach dem Covern als sich reliefartig abzeichnende Struktur sehen können. »Wenn eine Tätowierung vernarbt, muss das nicht am Tätowierer liegen, sondern eventuell auch am Hauttyp. Die plastisch aus der Haut hervortretenden Linien wirken nach dem Covern mit Schwarz oft ebener«, so die Erfahrung des Berliner Spezialisten.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Gerhard Wiesbeck von »Blut und Eisen« (Berlin). Er bindet das schwarze Cover-up in eine formreduzierte Tätowierung  ein, das Tattoo entwickelt seine ästhetischen und kraftvolle Wirkung vor allem beim Betrachten aus der Distanz.

Ganz neu ist das freilich nicht. Der Performance-Künstler Lucky Diamond Rich begann schon um die Jahrtausendwende damit, seinen bereits vollständig tätowierten Körper mit Schwarz zu covern. Der darauf folgende Schritt, auf das Schwarz mit Weiß zu tätowieren, ist eine weitere Entwicklung, die er vorwegnahm. Weiß auf Schwarz ist nicht gerade populär, aber es ist immer häufiger zu sehen, dass die schwarzen Fläche mit gegenständlichen Motiven in Weiß aufgebrochen werden. Mehrmaliges Ziehen der Linien mit Weiß ist notwendig, wenn das Bild deutlich zu sehen sein soll. Soll dieser Effekt über Jahre andauern, kommt der Träger meist nicht umhin, in regelmäßigen Abständen zum Tätowierer zu gehen. Über kurz oder lang werden die dunklen Pigmente wieder hervortreten und das Weiß wie Grau aussehen lassen.
Eine weitere Variante, die das Ergebnis – falls überhaupt gewünscht – ästhetisch enorm aufwertet, ist das Integrieren nicht tätowierter Hautflächen oder die passende Neugestaltung dieser. In Kombination mit Endlosmustern, auch als Dotwork ausgeführt, können sehr kraftvolle Neo-Tribal-Tätowierungen entstehen. »Die Bildinformation ist bei schwarzen Flächen eher auf Distanz und im Zusammenspiel mit dem ganzen Körper zu sehen. Ich verwende Schwarz als grafisches Stilmittel und Teil eines Gesamtkonzepts und oft in einer sehr reduzierten Formgebung«, erklärt Gerhard sein Konzept. Aber auch die Kombination mit stark vereinfachten, gegenständlichen Motiven, in die das Schwarz übergeht und eine harmonische Einheit zwischen neu gestalteter und gecoverter Fläche schafft, kann reizvoll sein.
Einfach mit Schwarz zu covern ist ein echter Kraftakt, das gilt sowohl für die Entstehung als auch für das Tragen. Und trotzdem ist die Ultima Ratio für viele Menschen eine Befreiung. Im besten Fall ist solch eine straighte Tätowierung nämlich eine echte Ansage.

Der Entertainer Lucky Diamond Rich war einer der Ersten, die sich medienwirksam ihren ganzen Körper mit Schwarz covern ließen. Danach ließ er sich mit Weiß den Jesus auf die Brust und »Karma« auf den Hals stechen.

Text: Heide Heim
Bilder: TM-Archiv

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