Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer

27.03.2015  |  Interview: Pacal Bagot, Übersetzung: Heide Heim  |   Bilder: Horiyoshi III, Pascal Bagot
Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer
Das japanische Namakubi-Motiv: Abgeschlagene Köpfe als Glücksbringer
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Tätowiermeister Horiyoshi III erklärt die Hintergründe eines der blutrünstigsten klassischen japanischen Motive, des Namakubi. Die richtige Darstellung eines frisch abgeschlagenen Kopfes stellt für Tätowierer eine große Herausforderung dar.


Welchen Stellenwert hat das »Namakubi«-Motiv in der Bilderwelt der japanischen Tätowierungen?
Namakubi war in der Vergangenheit ein ganz übliches und häufig gestochenes Tattoomotiv. Getragen wurde es von ganz bestimmten Personen, beispielsweise von Leuten, die in großer Höhe gearbeitet haben, wie Gerüstbauer. Und auch von Mitgliedern der Yakuza, denn von der Gesellschaft wurde dieses Motiv gehasst. Also von Leuten, die in gefährlichen Berufen arbeiteten oder die ihre Stärke zeigen wollten. Dem Motiv wurden übernatürliche Kräfte nachgesagt. So soll es vor dem Teufel, vor Unfällen und Verletzungen schützen. Ich weiß nicht, wo dieser Glaube herkommt, aber diese Kraft wird dem Motiv in der Tattoowelt zugesprochen.

Noch heute ist Horiyoshi III stolz auf sein Buch»Namakubi zushû«. Mit dem Werk wurde der Begriff Namakubi in der japanischen Gesellschaft wieder bekannt.

Heute handelt es sich um einen Klassiker.
Als ich im Jahr 2004 eine Sammlung an entsprechenden Zeichnungen mit dem Titel »Namakubi zushû« veröffentlichte, wurde das Motiv wieder populär, der Begriff »Namakubi« war plötzlich wieder bekannt. Das macht mich sehr glücklich, denn es zeigt auch, wie populär das traditionelle japanische Tätowieren, das »Irezumi«, heute ist. Das Motiv kann sich heute jeder tätowieren lassen, jedoch kennen die Leute oft nicht seine Bedeutung. Und die Tätowierer wissen nicht, wie der abgeschlagene Kopf zu zeichnen ist, damit dem Betrachter die Botschaft klar wird. Eigentlich habe ich noch nie einen Namakubi gesehen, der mich wirklich beeindruckt hat. Technisch ist es ein sehr schwieriges Motiv.

Warum das?
Ein Schädel kann vor Stunden oder sogar Tagen abgeschlagen worden sein, wenn man aber von Namakubi spricht, handelt es sich um einen ganz frisch abgeschlagenen. Ein Totenschädel ist einfach, du musst ihn nur sehr blass zeichnen, weiß wie ein Blatt Papier. Der Name Namakubi setzt sich zusammen aus »nama«, was frisch bedeutet und es erforderlich macht, den Zustand zwischen Leben und Tod einzufangen, und »kubi«, was sich auf den Kopf, den Nacken bezieht. Es hat nichts mit dem Kopf eines Leichnams zu tun, sondern er muss für das Lebende stehen, ohne am Leben zu sein. In den Augen darf kein Licht mehr sein, sie sind nebelhaft, leer und ohne Fokus. Auf der anderen Seite müssen diese Augen die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen. Dieses Motiv stellt den Künstler vor eine große Herausforderung, ich habe davor einen großen Respekt. Es ist nach dem »Yurei« das schwierigste Motiv. Der »Yurei« ist ein Geist, der die Seele eines Menschen darstellt, welcher Gestalt angenommen hat und herumirrt und nicht das Jenseits erreicht. Die »Yurei« verharren wie die Namakubi im Zustand zwischen Leben und Tod. Diesen Ausdruck muss man treffen.

Horiyoshis Aussage nach hat er noch keinen tätowierten Namakubi gesehen, der seinen Ansprüchen gerecht würde. Dieser stammt von ihm selbst.

Bei manchen Darstellungen durchbohrt ein Schwert die Wangen …
Das steht für Krieg. Es wird auch gemacht, um der Zeichnung noch einen höheren Realitätsgrad zu verleihen, oder soll verdeutlichen, dass der Geköpfte abgrundtief hassenswert war und es nicht reichte, ihm einfach nur den Kopf abzuschlagen. Man musste ihm auch noch ein Messer durch den Schädel rammen.

Um die besondere Verachtungswürdigkeit des Geköpften zu unterstreichen, werden noch Dolche in den Schädel gerammt. Tattoo von Gabbiano vom Berliner Studio Seven Devils Tattoo.

Hatte das Motiv früher einen besonderen Stellenwert unter den Tätowierungen?
Wie ich schon sagte, es war ein ganz normales Design. Es geht zurück auf die Edo-Periode (1603-1867). Viele japanische Künstler, mit Ausnahme der dem Kaiserhaus nahestehenden Schulen wie die Kanô und Maruyama, haben daran gearbeitet. Auch Künstler wie Katsushika Hokusai, Tsukioka Yoshitoshi, Utagawa Kuniyoshi, sogar Kitagawa Utamaro und später auch Ito Seiu (Showa-Ära, 1926-1989), ein Schüler von Toyohara Kunichika. Auf einem der Drucke von Yoshitoshi, es heißt »Der Kampf am Sannô-Schrein«, ist ein Krieger dargestellt, der das Motiv eines geköpften Schädels auf dem Rücken seiner Jacke trägt. Es steht für seine Entschlossenheit und Philosophie, die sagt: »Wenn du im Krieg bist und hast keine Angst, dein Leben zu verlieren, öffnet sich der Weg von selbst.«  

Das Motiv des abgeschlagenen Kopfes findet man auch in der westlichen Kunstwelt; ich denke an die Salome-Geschichte. In Japan beschwört das Motiv etwas Mysteriöses. Hokusai ist sehr tief eingestiegen und seine abgeschlagenen Köpfe sind unglaublich. Niemand hat sie seitdem besser gezeichnet.

Horiyoshis Ansicht nach verstand es Katsushika Hokusai, der bedeutendste Vertreter des Ukiyo-e-Genres, am besten, den speziellen Ausdruck eines Namakubi herauszuarbeiten.

Künstler lassen sich von der Realität inspirieren. Ist das Köpfen ein Teil der japanischen Geschichte?
Ja. Bestrafung, Krieg, Neid, persönliche Resentiments … Im 14. und 15. Jahrhundert, während des Bürgerkriegs, wurde man ausgezeichnet, wenn man den Kopf eines Anführers abschlug, was zu einer Art Wettbewerb unter den Kriegern führte. Bis zur Abschaffung 1869 existierte die Bestrafung durch Köpfen über 1000 Jahre. Am Ende der schwierigen Edo-Periode herrschte in Japan viel Gewalt und Mord, der Anblick von Blut war allgegenwärtig. Die Köpfe wurden zur Abschreckung ausgestellt und um die Verurteilten selbst nach ihrem Tod noch zu demütigen. Angesehene Personen wurden beerdigt, die anderen ließ man verrotten.

Vor gut zehn Jahren, im Jahr 2004, veröffentlichten Sie das Buch »Namakubi zushû«, in dem ausschließlich  Illustrationen von abgeschlagenen Köpfen zu sehen sind. Was waren Ihre Beweggründe?
Viele Künstler haben Namakubi gezeichnet, aber niemand hatte bis dahin ein Buch dazu veröffentlicht. Ich wollte etwas machen, was bisher noch keiner gemacht hatte. Inspiriert hat mich Hokusai, ein Künstler, für den ich den höchsten Respekt empfinde, seine Arbeiten sind überirdisch. Im philosophischen Sinne gehört für mich Leben und Tod zusammen. Das sollte man nie vergessen.

Wie haben Sie an der Darstellungen gearbeitet?
Wenn ich eine Figur ausgewählt hatte, dachte ich über die Geschichte nach, die hinter dem Geköpften lag. Es kann ein Kerl gewesen sein, der die Frau eines anderen Mannes überfallen hat oder der von den Göttern bestraft wurde … Ich versuchte, eine Geschichte zu konstruieren, ansonsten wäre alles oberflächlich geblieben. Die Geschichten der geköpften Figuren, die ich dargestellt habe, haben alle etwas mit Neid und Rache zu tun.  

»Namakubi schweben zwischen Leben und Tod. Ein Zustand, der sehr schwierig darzustellen ist«, befindet Horiyoshi III, der hier den Ausdruck eines solchen Schädels nachstellt.

Warum haben Sie echtes Blut bei ihren Zeichnungen benutzt?
Damit diese real werden. Das ist ein Zustand, den man nicht ausschließlich mit Zeichnen herstellen kann. Ich habe mein eigenes Blut zum Zeichnen verwendet, ich wollte kein Blut eines Tieres oder eines anderen Menschen. Als ich im Krankenhaus zur Dialyse war, habe ich ein wenig meines Blutes mitgenommen. Blut verändert im Alterungsprozess seine Farbe, es wird schwarz. In einem besonderen Sinne bleibt es also lebendig, es verkörpert also Leben und Tod. Blut ist gleichermaßen wunderbar und auch grotesk. Wenn ich mein Blut benutze, bekommt der abgeschlagene Kopf wieder etwas von diesem Absurden, darüber hinaus verstärkt es auch den im Thema liegenden Aspekt des Grauenhaften.

Als Yoshitoshi an der Bilderreihe »28 berühmte Mörder« (1866-1867) arbeitete, soll er den Drucker gefragt haben, ob der etwas Gelatine in die rote Farbe machen könne. Gelatine wird ja aus Haut und Knochen gemacht, auch er wollte das Blut realer haben.

Aus dem Set von Zeichnungen mit dem Titel »Namkubi zushû«, das Horiyoshi III im Jahr 2004 veröffentlichte, stammt diese Namakubi-Darstellung.

Sie haben von den magischen Kräfte der Namakubi gesprochen, dass sie wie ein Talisman funktionieren sollen …
Ja, die Motive wurden als Glücksbringer angesehen. Schauen Sie sich das Triptychon von Tsukioka Yoshitoshi, »Der Kampf am Sannô-Schrein«, an, von dem ich vorhin gesprochen habe. Diese Darstellung ist symp-tomatisch dafür, dass dieser Charakter dem Krieger als Schutz vor Unbill gedient hat. Es ist nicht einfach zu glauben, dass ein solches Symbol ein Glücksbringer sein soll.

Tsukioka Yoshitoshi (Japan, 1839-1892) stellt im kolorierten Farbholzschnitt »Der Kampf am Sannō-Schrein« einen Namakubi-Kopf auf der Jacke eines Kriegers dar und drückt damit die Entschlossenheit des Kriegers aus. Bildquelle: www.lacma.org.
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Stand:24 November 2017 15:36:46/motive/zwischen+leben+und+tod_152.html