Zeit

25.06.2010  |  Text: Dirk-Boris, Nicole Jankowiak  |   Bilder: TM-Archiv, Gili Shani
Zeit
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»Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit« Michael Ende, Momo
»Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit«, verrät Michael Ende in seinem Kinderbuch Momo. Das 1973 erschienene Buch beschäftigt sich, laut Untertitel, mit der seltsamen Geschichte von den Zeit-Dieben und dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte.


Sanduhr tattoo

Die Sanduhr läuft – verschwende nicht dein Leben! Tätowierte Mahnung aus dem italienischen Studio Clockwork Tattoos in Naturns.


Zeit ist eine komische Sache; man kann sie eigentlich kaum definieren: »Wenn mich keiner danach fragt, dann weiß ich was Zeit ist – doch will ich es einem Fragenden erklären, kann ich es nicht!« beschrieb der Philosoph Augustinus im vierten Jahrhundert das Phänomen, dass weder Physik noch Philosophie restlos erklären können. Zumindest scheint fest zu stehen, dass Zeit irgendwie »vergeht« oder zumindest in einer Richtung »abläuft«. Diesen Ablauf kann man zwar messen; beobachten kann man ihn aber paradoxerweise nicht, da ein Beobachter nie außerhalb der Zeit stehen kann sondern sich stets mit ihr zusammen mitbewegt. Doch selbst das Messen der Zeit, das den Menschen glauben lässt, er könne sich das Phänomen Zeit begreifbar machen, ist letztlich eine Illusion; denn an unterschiedlichen Orten im Universum vergeht Zeit in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Für einen Astronauten im schwerelosen Weltraum läuft die Zeit aufgrund des »Zeitdilatation« genannten Phänomens schneller ab als für einen Menschen auf der Erde. Wenn ein Astronaut also zur Erde zurückkehrt, ist er, so unglaublich es klingen mag, immer auch in die Zukunft gereist – auch wenn diese Zeitreisen im Bereich von Millionstel Sekunden liegen und nicht wahrnehmbar sind.

Salvador Dali Tattoo
Salvador Dali stellt die Flüchtigkeit der Zeit mit seiner berühmten zerlaufenden Uhr dar: tätowiert wurde das Bild von Paul is evil, Pow Wow, Karlsruhe.


Aber auch auf der Erde scheint die – zumindest relativ – präzise Messbarkeit von Zeit nur bedingten Nutzen zu haben. Ein Jahr hat 365 Tage und sechs Stunden (zumindest nach dem julianischen Kalender, der gregorianische Kalender definiert das Jahr als 365 Tage, 5 Stunden, 49 Minuten und 12 Sekunden); das ist überall und für alle Menschen auf der Welt gleich. Aber zeigt unsere eigene Erfahrung nicht, dass das nicht stimmen kann oder zumindest, dass diese anscheinend feste Größe eigentlich keinen Wert hat? Als Kind dauerte ein Jahr unendlich lang; der Sommer hörte anscheinend nie auf, der Winter dauerte ewig. Wenn man im Frühjahr oder Sommer an Weihnachten dachte, so schien das vollkommen unvorstellbar weit entfernt zu liegen. Und heute? Kaum hat man Sylvester gefeiert, ist Ostern, dann geht es in den Sommerurlaub und dann wird es aber auch schon langsam Zeit, die Herbstkleidung aus dem Schrank zu holen und sich Gedanken um Weihnachtsgeschenke zu machen. Was machen wir denn dieses Jahr überhaupt an Sylvester? Was, schon wieder ein Jahr vorbei …? Immer schneller scheint unsere Zeit zu verstreichen und während wir früher nicht abwarten konnten, endlich 15 zu werden, weil man da dann Mofa fahren durfte oder mit 18 endlich volljährig zu sein, fangen wir mit zunehmendem Alter an, uns vor unseren Geburtstagen zu grausen; unaufhaltsam schreitet die Zeit voran, und die Zeit, die wir bereits durchlebt haben, verschwindet immer weiter in der Vergangenheit, während die Zukunft immer schneller einzutreten scheint. Und ein Tag mehr ist immer ein Tag weniger … denn der letzte Punkt in unserer individuellen Zeitmessung ist unser eigener Tod, auf den wir unaufhaltsam zusteuern.

Zeit Tattoo

Mit dem Fluss der Zeit zu gehen, rät dieses Tattoo von Jo Harrison aus England.


Aufhalten lässt sich die Zeit nicht. Also muss man sie nutzen, so gut wie möglich! Nur keine Zeit verschwenden! »Carpe Diem« lautet ein Sinnspruch, den man oft auch als Tattoo verewigt sieht; »Nutze den Tag« wollen sich die Träger dieser Worte immer wieder ins Bewusstsein rufen. Aber … wie nutzt man denn die Zeit am besten? Indem man Zeit spart, wie es die grauen Männer in Michael Endes Roman Momo den Menschen einreden wollen? Unzählige Gerätschaften, Vorrichtungen und Maschinen helfen uns dabei Zeit zu sparen, weil man mit ihnen bestimmte Arbeiten schneller erledigen kann. Schneller Wände streichen, schneller Wäsche waschen, schneller Fenster putzen und Boden wischen. Und die eingesparte Zeit, die kann man sich ja dann nehmen! Wofür? Na zum Beispiel für Sport! Aber auch da gibt es ja schon Geräte, die helfen, Zeit einzusparen; Waschbrettbauch mit nur fünf Minuten Training täglich – toll, schon wieder Zeit gespart! »Keine Zeit!« beklagt sich ja schon der Hase in »Alice im Wunderland«. Und je mehr man spart, umso mehr hat man doch – oder ist das bei der Zeit anders? »Tempus fugit«, besagt ein anderer Spruch; »Die Zeit flieht«, sie lässt sich nicht aufhalten, sie rinnt einem wie Sand durch die Finger – oder wie durch die Sanduhr, das Stundenglas, das der Sensenmann in der Hand hält, um den Sterblichen zu zeigen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. In den Flaggen vieler Piraten war die Sanduhr abgebildet und auch auf Grabsteinen mahnte sie früher, sich der Endlichkeit des Lebens bewusst zu sein, das vorbei ist, sobald das letzte Sandkorn fällt.

Uhrwerk Tattoo

Fantastisch detailliertes Uhrwerk von Julian, Corpsepainter Tattoo, München.


Oder ist es vielleicht doch die bessere Strategie, sich Zeit zu lassen? »Entschleunigung« nennt man das auf neudeutsch. Tätowierte Uhren lassen die Zeit still stehen und symbolisieren das, was physikalisch unmöglich ist und was doch vielen so wünschenswert erscheint: Die Zeit anhalten, innehalten, aussteigen aus dem unablässigen Lauf der Zeit. Doch das paradoxe Wesen der Zeit läuft unseren Wünschen auch hier zuwider; gerade die Zeiten, die wir besonders genießen, scheinen im Flug zu verstreichen, während nur die Zeiten voller Langweile langsam und träge wie Blei vergehen. Und je mehr man bestrebt ist, die Zeit zu beherrschen, um so mehr scheint sie sich einem zu entziehen: Alle haben Uhren – aber niemand hat Zeit … Liegt das Geheimnis der Macht über die Zeit vielleicht am Ende darin, sie einfach zu ignorieren? »Die Zeit ist eine Erfindung der menschlichen Unrast,« sinnierte der Schriftsteller Paul Bertololy; »der Erfüllte kennt sie nicht!«     

Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Juli-Ausgabe 2010
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