Weibliche Freibeuter und Piraten

25.04.2008  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: TM-Archiv
Weibliche Freibeuter und Piraten
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Piratenbräute gelten gemeinhin als Hollywood-Fantasien oder als Erfindungen zweitklassiger Romanautoren. Aber Piratinnen gab es wirklich – und einige von ihnen waren sehr erfolgreich in der Männerdomäne der Seeräuberei!
Entersäbel in zarten Händen – Piratenbräute gelten gemeinhin als Hollywood-Fantasien und der Versuch zweitklassiger Romanautoren, ihren Abenteuergeschichten ein bisschen Pep zu verleihen. Aber Piratinnen gab es wirklich – und einige von ihnen waren sehr erfolgreich in der Männerdomäne der Seeräuberei!

Piratenbraut Rücken-Tattoo von Genko, Nagoya, J
»Echte« Piratinnen kleideten sich weniger freizügig. Opulentes Rücken-Tattoo von Genko, Nagoya, J


Im Jahr 1995 hangelte sich Schauspielerin Geena Davis als »Piratenbraut« säbelschwingend durch die Takelage, einige Jahre später mischte Keira Knightley in »Fluch der Karibik« als Elisabeth Swann die karibische und chinesische Piratenszene auf und schwang sich sogar kurzzeitig zur Führerin eines gewaltigen Piratenbundes auf. Auch auf tätowierter Haut sind großbusige Freibeuterinnen überproportional oft vertreten. Frauen in der harten Männerwelt der Seeräuber und Bukaniere; das ist natürlich völliger Unfug und lediglich der Fantasie von Hollywood-Drehbuchautoren und Tätowierern entsprungen, die das Thema gern mit etwas Sex-Appeal, langen Beinen und verführerischem Augenaufschlag aufpeppen möchten. Oder etwa nicht?

Beim Thema Piraten fallen zunächst stets die »großen« Namen wie Störtebeker, der Seeräuber, der sich auf der Nord- und Ostsee mit dem Kaufmannsbund der Hanse anlegte, Sir Francis Drake, ein Freibeuter im Auftrag der Königin von England, der sogar in den Adelsstand erhoben wurde oder auch der gefürchtete Blackbeard, der die Ostküste Amerikas unsicher machte und schließlich von Lieutnant Robert Maynard im Seekampf bei Ocracoke getötet wurde. Befasst man sich etwas eingehender mit dem Thema Piraterie stösst man auf Henry Morgan (der übrigens im fränkischen Bamberg geboren wurde!), Bartholomew Roberts, Thomas Dew oder auch Christopher Condent – wiederum alles Männer. Ein weiterer bekannter Pirat war Jack Rackham, besser bekannt als Calico Jack – doch der war bereits etwas weniger »männlich« als man es wohl aufgrund seines rauen Gewerbes erwartet hätte. Darauf, dass Rackham kein Raubein wie Blackbeard oder Roberts war, deutete schon sein Spitzname hin.

Piratin, tätowiert von Jo Harrison, Birmingham, UK
Piratin mit Liebe zum Detail: Auf Brust, Unterarm und Handrücken trägt sie ausgebleichte Tätowierungen (von Jo Harrison, Birmingham, UK)


Als »Calico« bezeichnete man besonderen, oft rotgefärbten Baumwollstoff für Unterwäsche – und Rackham legte großen Wert darauf, auch beim Entern und Plündern schick gekleidet zu sein. Nichtsdestotrotz, schon wieder ein Kerl. Doch schaut man sich Rackhams Crew etwas genauer an, wird man endlich fündig – gleich zwei weibliche Piraten finden sich in der Mannschaft des wohl leicht tuntigen Seeräuberhauptmanns, der posthum für die Rolle des grandios von Johnny Depp gespielten Jack Sparrow, Pate gestanden hatte. Und Anne Bonny sowie Mary Read befanden sich nicht an Bord von Rackhams Piratenschiff um dort den Abwasch zu erledigen oder Labskaus zu kochen – beide Frauen waren aktiv am Piratenhandwerk und somit auch an Kämpfen beteiligt. Dass es sich bei den beiden wirklich um Frauen handelte, gilt als sicher – unklar ist aber, ob dieser Umstand auch der Crew Rackhams bekannt war oder ob es Anne Bonny und Mary Read gelang, ihre wahre Identität unter Männerkleidung zu verbergen.

Holzbein-Piratin Tätowierung von Judd, True Love Tattoo, AUS
Dass bei Seeschlachten öfter mal Augen und andere Körperteile abhanden kamen, war nicht ungewöhnlich. Holzbein-Piratin von Judd, True Love Tattoo, AUS


Sicher ist auch, dass ihnen die Maskerade zumindest zum Zeitpunkt des Anheuerns gelungen sein muss, denn Frauen waren als Mitglieder einer Schiffscrew völlig undenkbar. Das war auch unter Piraten nicht anders, denn dass Frauen an Bord unter lauter Männern Unglück bringen, hat nichts mit Aberglaube zu tun sondern wohl eher mit Hormonen – und Hahnenkämpfe an Bord konnten auch Seeräuber absolut nicht gebrauchen. Allerdings »verkleideten« sich weder Bonny noch Read im eigentlichen Sinne, denn beide waren von Kindesbeinen an als Jungs erzogen worden und konnten, neudeutsch ausgedrückt, zwischen beiden Geschlechtern »switchen«. Es kam zu jener Zeit immer wieder vor, dass Eltern aus verschiedensten Gründen Töchter einfach in der Rolle eines Sohnes erzogen und entsprechend sozialisierten, etwa wenn männlicher Nachwuchs ausblieb. Aber auch für rebellische Frauen, die sich mit dem wenig Freiheit verheissenden Rollenbild der Frau im 18. Jahrhundert nicht anfreunden konnten, blieb in der starren Gesellschaftsordnung kaum eine andere Möglichkeit als zumindest in Kleidung und Habitus zum Mann zu mutieren, um in den Genuss männlicher Freiheiten zu gelangen.

Geister-Piratin, gestochen vonm Tätowierer Jo Harrison
Geister-Piratin im Stil von »Fluch der Karibik«, gestochen vonm Tätowierer Jo Harrison, Birmingham, UK


Jack Rackham wusste auf jeden Fall um Annes Identität, denn er lernte sie in der Kneipe ihres Mannes John Bonny kennen, die beiden verliebten sich und brannten zusammen durch. Auch Mary Read war zunächst im Gaststättengewerbe tätig. Sie betrieb eine Kneipe im niederländischen Breda, allerdings ohne großen Erfolg; so besann sie sich wieder auf ihre Rolle als »Mann«, verbrachte einige Zeit in der Armee als Infanterist, bevor sie schließlich auf einem Schiff anheuerte, das später von Rackham gekapert wurde. Dass die Mannschaft eines gekapertern Schiffes komplett oder in Teilen zu den Piraten überlief, war nichts besonderes – schließlich hatten sie ja gerade erst eindrucksvoll vorgeführt bekommen, dass man mit Piraterie weiter kommt als mit ehrlichem Handel. So gelangte die zweite Frau in Rackhams Crew – diesmal allerdings ohne dass er um deren wahre Identität wusste. Als Rackham mit seiner Mannschaft gefangen und verurteilt wurde, kamen die beiden Frauen, die sich vor Gericht als solche zu erkennen gaben, mit dem Leben davon – Anne Bonny war zudem schwanger von Calico Jack und durfte allein deswegen nicht gehängt werden. Für ihren Liebhaber, der sich ganz im Gegensatz zu den beiden Frauen nicht mit Waffengewalt der Verhaftung widersetzen konnte, weil er schlichtweg zu besoffen dazu war, hatte Anne kurz vor dessen Hinrichtung nur wenig Aufmunterndes übrig: »Tut mir leid dich hier zu sehen, Jack« sollen ihre letzten Worte an den Piratenhauptmann gewesen sein, »aber hättest du gekämpft wie ein Mann, dann müsstest du jetzt nicht hängen wie ein Hund!«

Seeräuberin im Frau Antjes Stil. Tattoo von Absolute Ink, Vigevano, Italien
Frau Antjes Zweitjob: Kapern und Plündern. Tattoo von Absolute Ink, Vigevano (I)


Aber auch wenn Read und Bonny ihren Anführer an Kampfesmut übertrafen, waren sie doch »nur« Teil der Crew und mussten zudem größtenteils ihre weibliche Identität verbergen – also doch nur eine Ausnahme, eine zufällige Laune der Geschichte? Sicher waren Frauen im Piraterie-Gewerbe eher selten – aber mit der Rolle des als Mann verkleideten Crew-Mitglieds mussten sie sich nicht zwangsläufig begnügen, wie das Beispiel der irischen Piratin Grace O’Malley zeigt. Schon als Mädchen hatte die junge Grace darauf bestanden, ihren Vater auf dessen Handelsfahrten zu begleiten. Als dessen Schiff eines Tages von englischen Piraten angegriffen wurde, soll sie sich wie eine Furie auf die Angreifer gestürzt haben um ihren Vater zu beschützen. Im späteren Verlauf ihres Lebens wechselte Grace O’Malley die Seiten vom Händler zur Piratin und befehligte eine ansehnliche Flotte. Es wird erzählt, dass sie eines Tages, nur kurz nachdem sie an Bord eines ihrer Schiffe einen Sohn gebar, von türkischen Korsaren angegriffen wurde. Ungeachtet ihrer angeschlagenen Konstitution, so die Legende, habe Grace sich eine Pistole gegriffen um ihrer Mannschaft bei der Abwehr der Korsaren zur Seite zu stehen. Im Alter von 56 wurde die irische Piratin von den Engländern gefangen und entging wie ihre Kolleginnen Bonny und Read nur knapp dem Strang – einer ihrer Schwiegersöhne bot sich als Geisel für das Leben seiner Schwiegermutter an und unter der Auflage, nicht weiter Piraterie zu betreiben kam O’Malley auf freien Fuß. Im Jahr 1588 kämpfte sie an der Seite der Engländer gegen die Spanier und soll, knapp 60jährig, auf dem Schiff des Spaniers Don Pedro de Mendoza unzählige Spanier eigenhändig erschlagen haben.  

Piratenbraut, tätowiert von Doc Forest
Bewaffnet und gefährlich: Weibliche Piraten standen männlichen Kollegen in Kampfeslust in nichts nach. Tattoo von Doc Forest.


Die größte Karriere machte jedoch eine chinesische Piratin. Denn einen Piratenbund, wie er im dritten Teil der Disney-Produktion »Fluch der Karibik – Am Ende der Welt« dargestellt wird, gab es tatsächlich – und angeführt wurde er tatsächlich von einer Frau! Im Jahr 1807 übernahm Cheng Sao, oft auch einfach Mrs. Cheng genannt, von ihrem verstorbenen Mann die Führung über eine Konföderation von zahlreichen Seeräubergruppen im chinesischen Meer, die nach den Farben ihrer Flaggen unterschieden wurden. Der chinesische Piratenbund verfügte über die enorme Zahl von 200 Dschunken, die jeweils mit bis zu 40 Kanonen bestückt waren und mehrere hundert Mann Besatzung hatten. Zur »Blütezeit« des Bundes befehligte Mrs. Cheng die unglaubliche Anzahl von 50.000 Piraten! Die Kriegsschiffe des Bundes waren generalstabsmässig in Geschwader unterteilt, die jeweils aus elf Dschunken bestanden und schwimmenden Festungen gleichkamen. Erst als die britische Kolonialmacht windunabhängige und hochgerüstete Schaufelraddampfer gegen die Piraten einsetzte, konnte die Royal Navy nennenswerte Erfolge verbuchen. 1841 zerstörte der britische Kriegsdampfer »Nemesis« (zu deutsch: »Rache« oder auch »gerechter Zorn«) einen Großteil der chinesischen Flotte, als er diese durch geschickte Ausnutzung der Windverhältnisse in die Enge treiben und wie auf dem Jahrmarktsschießstand in Grund und Boden schiessen konnte.

Sicher sind lasziv Säbel-schwingende Amazonen mit luftigem Hemd und knapper Hose eher Männerträume als historisch korrekte Darstellungen weiblichen Piratentums. Doch es gab sie, die weiblichen Seeräuber und Freibeuter – und wahrscheinlich gab es sogar mehr, als heute bekannt sind. Die wahre Identität von Mary Read und Anne Bonny wurde erst nach ihrer Verhaftung offenbar, doch man kann mutmassen, dass es neben ihnen noch weitere weibliche Piraten gegeben haben mag, denen es gelang ihre weibliche Identität bis an ihr Lebensende geheim zu halten. Denn vom »Berufseinstieg« als Pirat bis zum Tod durch Kanonenkugeln, Messerstiche, Galgen oder Schiffsuntergang vergingen ohnehin meist nur ein paar Jahre ...       

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Stand:24 November 2017 15:55:26/motive/weibliche+freibeuter+und+piraten_084.html