Wappen – Traditionsverbundene Tattoo-Motive

22.02.2008  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: TM-Archiv
Wappen – Traditionsverbundene Tattoo-Motive
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Wappen stehen für Tradition und Beständigkeit, für Feudalismus, Aristokratie und alte Werte. Die ersten Wappen wurden zur Mitte des zwölften Jahrhunderts entworfen; einfache grafische Muster in kontrastreichen Farben dienten zur …
Wappen stehen für Tradition und Beständigkeit, für Feudalismus, Aristokratie und alte Werte. Die ersten Wappen wurden zur Mitte des zwölften Jahrhunderts entworfen; einfache grafische Muster in kontrastreichen Farben dienten zur Unterscheidung von Freund und Feind im unübersichtlichen Schlachtengetümmel der Ritterheere.

Wundervolles Wappen-Tattoo
Wundervolles Wappen-Tattoo von Nico, Slams Tattoo, Nordhausen.


Flaggen mit den jeweiligen Zeichen zeigten den Standort der zugehörigen Truppen an und dienten der Koordination und Orientierung auf dem Schlachtfeld. Wappenzeichen auf Helm, Schild und Waffenrock identifizierten den Gegenüber als Verbündeten oder Gegner. Die Wappen des 12. und 13. Jahrhunderts waren selbst angenommene Wappen, d.h. die Wappenträger stellten sich ihre Zeichen selbst zusammen. Erst ab dem 14. Jahrhundert nahmen Könige das alleinige Recht für sich in Anspruch, Wappen an Untergebene zu verleihen. Das Repertoire an Elementen, aus denen sich Wappen zusammensetzen ist relativ übersichtlich, da ein Wappen als Herkunftszeichen idealerweise optisch schnell erfassbar sein sollte – zu unübersichtliche Wappen hätten zumindest in der Frühzeit der Wappen, als diese noch ganz unmittelbare Bedeutung auf dem Schlachtfeld hatten, ihre Aufgabe verfehlt. Komplizierte Wappen, bei denen mehrere Bilder in einem Wappenschild vereinigt wurden, kamen im Laufe der Zeit durch Bündnisse oder Heiraten zustande. Die Aufteilung der Schildfläche und die Position der einzelnen Zeichen erfolgt nach strengen Regeln, die in der so genannten Wappenkunst festgelegt sind. Die Wappenkunst stellt wiederum neben Wappenkunde und Wappenrecht einen der drei Bereiche des Wappenwesens dar, auch Heraldik genannt.

Rats-Siegel Tattoo der Stadt Zittau
Im kleinen Rats-Siegel der Stadt Zittau findet sich der böhmische Löwe, das Z für Zittau sowie darüber der Helm mit den zweifarbigen Adlerflügeln. Tätowiert von Geiß'l, Colour, Blood & Steel (Zittau)


Besondere Bedeutung kommt in der Wappenkunst den Farben zu, die nur nach bestimmten Vorschriften kombiniert werden dürfen. Die herausragende Bedeutung der Farbwahl spiegelt sich auch in der Sprache wieder; man sprach oft gleichbedeutend nicht davon welches Wappen, sondern welche Farben ein Ritter trug. Eine wahrscheinlich nicht völlig zufällige Übereinstimmung findet sich dazu heute übrigens bei vielen Motorradclubs: Deren Club-Zeichen werden schlicht »Colours« genannt und anstelle des Clubnamens reicht Szene-Insidern schon die Nennung bestimmter Farbkombinationen wie Rot-Weiß oder Red & Gold, da diese jeweils gleichbedeutend für verschiedene Clubs stehen.

Berliner Stadtwappen Tätowierung
Berliner Stadtwappen mit Fernsehturm und Tram
von Niko, Nightliner Tattoo (Berlin)


Wichtiger Bestandteil vieler Wappen sind Tiere, die oft sehr abstrahiert wiedergegeben werden und deren Darstellung in den Augen eines Zoologen kaum Gnade finden würden. So ist der steirische »Panther« auch beim allerbesten Willen nicht als Raubkatze zu identifizieren: Die stilisierte, feuerspuckende, weisse Kreatur im Wappen des österreichischen Bundeslandes Steiermark erinnert eher an einen ausgebleichten Drachen als an Panthera Pardus, die schwarze(!) Form des Leoparden. Klar, dass es den Urhebern und Auftraggebern solcher Wappen nicht um eine naturkundlich korrekte Darstellung der Tierwelt ging: die dargestellten Kreaturen sollten Wehrhaftigkeit, Stärke und Angriffslust vermitteln, womit sich auch das Feuerspeien erklärt (was eine Zeit lang besonders beim steirischen Panther schwer übertrieben wurde – zeitweise spie dieser nämlich nicht nur aus dem Maul, sondern auch aus den Ohren, dem Genitalbereich und dem Hintern Feuer! Gegen Ende des 18. Jahrhunderts empfand man dies als etwas zu viel des Guten und auch leicht anstößig und beschränkte das Wappentier auf »normales« Feuerspucken. Auch die Zunge, die bei Wappentieren grundsätzlich herausgestreckt ist, symbolisierte früher Wildheit und Kampfeslust und war nicht etwa, wie man heute denke könnte, als Beleidigung aufzufassen (übrigens gilt interessanterweise die herausgestreckte Zunge auch bei den Maori Neuseelands als Zeichen von Angriffslust, wie man bei ihren Kriegstänzen heute noch sehen kann). Aufgrund ihrer Symbolik als besonders herrschaftliche, starke und anmutige Tiere fanden vor allem Löwe und Adler, aber auch Hirsch sowie der mythische Greif Eingang in viele Wappen.

Hamburg Wappen Tattoo
In Städtewappen sind Bilder von Burgen,
Türmen und Stadtmauern häufig.


Während einige Wappenmotive wie Waffen, insbesondere Schwerter, kaum der Erklärung bedürfen, erschließen sich andere Bestandteile in ihrer Bedeutung erst, wenn man die damit verbundenen Geschichten und Legenden kennt. So soll der Legende nach die heraldische Form der Lilie auf den Frankenkönig Chlodwig zurückgehen, der als einer der ersten christlichen Herrscher im Jahr 496 die heidnischen Alemannen bezwang. Nach dem Sieg soll Chlodwig ein Engel erschienen sein, der die drei Kröten in Chlodwigs Waffenrock in drei Lilien verwandelt haben soll. Wenn man davon absieht, dass es um diese Zeit noch gar keine Wappen in der Form gab, wie sie später im Mittelalter dargestellt wurden, zeigt sich die eigentliche Kernaussage der Legende, in der es nicht um eine historische Wiedergabe von Ereignissen geht sondern um eine symbolische Botschaft: Durch den Sieg des Christentums über die Heiden wandelt sich das teuflische Symbol der Kröte (im Mittelalter nicht umsonst ein Attribut von Hexen) zum christlichen Bild der Lilie – so wird aus einem einfachen Wappenzeichen ein politisches Statement von fundamentaler Bedeutung.

noch ein tätowiertes Zittau Wappen
In vier Felder unterteiltes Prunkwappen der Stadt Zittau mit dem schlesischen Adler und dem böhmischen Löwen. Tätowiert von Geiß'l, Clolour Blood and Steel (Zittau)


Je nach Träger unterscheidet man verschiedene Arten von Wappen. Sicherlich die persönlichsten sind die Familienwappen, die über die männliche Stammlinie vererbt werden. Wer jedoch in Deutschland nachforschen möchte, ob in seiner Familie irgendwann einmal ein Wappen getragen wurde, wird in den allermeisten Fällen nicht weiter als bis zur ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vordringen können. Während des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 wurden unzählige Kirchen und Stadtarchive verwüstet und niedergebrannt, die darin enthaltenen Familienregister gingen unwiederbringlich verloren. Wer dennoch das Glück hat, über Jahrhunderte hinweg von seinen Vorvätern ein Familienwappen ererbt zu haben, kann sich das natürlich problemlos auch tätowieren lassen – eines Zeichens, das die eigene Familie schon seit Jahrhunderten begleitet, wird man sicher nicht so schnell überdrüssig werden. Neben Familienwappen gibt es natürlich noch königliche Wappen, Staatswappen, Wappen von Städten, Gemeinden oder auch Zunftwappen. Prinzipiell kann man sich als waschechter Berliner oder überzeugter Hamburger auch das jeweilige Stadt- oder Landeswappen tätowieren lassen – und gar nicht wenige tun das auch. Ob man das hingegen einfach so darf, ist eine ganz andere Frage, denn die Verwendung der Landeswappen deutscher Bundesländer muss von den jeweiligen Innenministerien genehmigt werden – und das tun diese nur zu künstlerischen, kunstgewerblichen, heraldischen oder wissenschaftlichen Zwecken. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Die Tätowierung einer Privatperson wird in der Regel von den jeweiligen Innenministerien nicht als künstlerisch oder kunstgewerblich genug erachtet, um eine solche Genehmigung zu erhalten. Ansonsten dürfen die Landeswappen nur von staatlichen Stellen verwendet werden. Natürlich könnte man sagen, dass einem das ziemlich wurscht sein kann, denn wie oft schaut einem schon der Hamburger Innensenator oder der sächsische Ministerpräsident auf die nackte Brust oder den entblössten Oberarm? Aber natürlich wollen wir niemanden zum Gesetzesbruch verleiten, denn es gibt eine elegantere Lösung: In der Regel bieten z.B. die Bundesländer neben den hoheitlich geschützten Landeswappen die so genannten Wappenzeichen an, die das Landeswappen in stilisierter Form wiedergeben und frei von Verbänden, Vereinen, Parteien oder auch Privatpersonen genutzt werden dürfen. Man erhält diese auf Anfrage bei den jeweiligen Innenministerien.

geiktes Kroatien-Wappen
Ein typisches Beispiel für ein »geschachtes« Wappen
ist das kroatische Landeswappen (Tätowiert von Zele, Zagreb, HR).


Wer kein eigenes Wappen hat, kann sich übrigens auch eines erstellen lassen
(zumindest in Deutschland, in Österreich ist das Führen von Adels- und Familienwappen seit dem Adelsaufhebungsgesetz seit 1919 verboten, auch wenn das de facto nicht wirklich beachtet wird. Von dieser Möglichkeit machte auch der ehemalige Außenminister Joschka Fischer Gebrauch, der sich von der Rhein-Main-Wappenrolle nach heraldischen Regeln ein Familienwappen zusammenstellen ließ. Die darin enthaltenen Motive beziehen sich teils auf den Namen (ein Fisch) oder auch auf innerhalb der Familie ausgeübte Berufe: Fleischerbeile stehen für den Beruf des Metzgers, den sechs Generationen in Fischers Familie ausübten, Flügel auf dem Helm über dem Wappenschild beziehen sich auf Fischers Amt als Außenminister. Die Veröffentlichung in einem Wappenbuch sowie ein Wappenbrief machen auch neue Wappen zu eingetragenen Zeichen, die genau so wie der Eigenname nach § 12 BGB rechtlich geschützt sind und gemäß Namensrecht nur innerhalb der Familie weitergegeben werden dürfen.

Wenn ihr auch gern ein eigenes Wappen hättet aber nicht das erforderliche Kleingeld habt um euren Familienstammbaum bis zu den Kreuzzügen zurückverfolgen zu lassen und auch die Ausgaben scheut, euch ein offizielles und eingetragenes Wappen erstellen zu lassen, bleibt euch natürlich immer noch die Möglichkeit, euch ein ganz individuelles Wappen zusammen mit eurem Tätowierer zu entwerfen. Ob ihr dazu die strengen Regeln der Heraldik befolgt (Sachbücher gibt es dazu en masse, auch das Internet ist voll von Seiten zu Ahnenforschung und Heraldik) oder nach Lust und Laune in einem Wappen zusammen stellt, was für euch persönlich von Bedeutung ist, bleibt dabei völlig euch überlassen!
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Stand:24 November 2017 15:31:06/motive/wappen+-+traditionsverbundene+tattoo-motive_082.html