Von Ratten und Mäusen - Nagetiere als Tattoo-Motive

24.10.2014  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Archiv TätowierMagazin
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Von Ratten und Mäusen - Nagetiere als Tattoo-Motive
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Zwei verwandte Nagetiere, deren Wirkung als Tattoo unterschiedlicher nicht sein kann: Ratten lösen Urängste aus, Mäuse-Motive meist ein kreischendes »Süüüüüüß!«
Die Welt ist ungerecht und misst mit zweierlei Maß. So sind Mäuse und Ratten zwar eng miteinander verwandt und beide ausgewiesene Fraßschädlinge, die zudem noch Krankheiten auf den Menschen übertragen können, und trotzdem kommen sie bei den Menschen ganz unterschiedlich weg: Mäuse sind putzig und schlau, Ratten sind hässlich und böse. So stehen auf der einen Seite die süße, mit dem Mäusedetektiv Micky verlobte Minnie Maus und der witzige und schlaue Jerry, der den dummen Kater Tom überlistet. Auf der anderen die Comicfigur Rat Fink: Ein grüner, glubschäugiger, gelbzahniger Antiheld aus der Feder von Kustom-Kultur-Schrauber Ed »Big Daddy« Roth. Auch gilt es als nett, wenn man seiner Freundin den Kosenamen »Mäuschen« gibt, wenn sie ihn »Rattenschwänzchen« nennt, dann klingt das eher ein wenig obszön.

Filip Hennigsson vom schwedischen Studio Red Dragon Tattoo in Umeå hat diesen souverän wirkenden Mäusekönig tätowiert.

Außenseiter unter ihresgleichen

Aber Stopp, es gibt sie ja doch auch, die guten Ratten, wie beispielsweise die Leseratte Firmin aus dem gleichnamigen Roman von Sam Savage. Bekannter ist noch die kochende Gourmetratte aus dem Animations-Kinofilm »Ratatouille«. Doch diese positiven Darstellungen können nur kurzfristig an der tiefliegenden Angst der Menschen vor den Nagern kratzen. Selbst Firmin kommt beim Anblick seines Spiegelbildes zu keinem anderen Ergebnis als die meisten Menschen auch. Sein Urteil über sein Aussehen ohne Kinn, mit spitzer Nase und gelben Zähnen interpretiert er als »hinterlistiges, unehrliches Gesicht, wenig Vertrauen erweckend, das Gesicht eines echt miesen Typs.« Die Imagekampagne geht auch deshalb schief, weil beide Figuren im Grunde auch Außenseiter unter ihresgleichen sind; einen echten Wandel im Ansehen der faszinierenden Tiere konnten sie nicht einleiten.

Comic-Mäuse:  Der schlaue Jerry, der Kater Tom immer wieder austrickst, stammt von Max Lugitsch vom Mystery Touch in Gleisdorf.

Symbol des Todes

In Misskredit geraten sind Ratten – wie teils auch Mäuse – weil sie sich als sogenannte Kulturfolger des Menschen in dessen Nähe aufhalten. Was wir gern essen, das schmeckt auch ihnen. In früherer Zeit war das vor allem in Hungerzeiten ein Problem, denn die durch Ratten angerichteten Schäden an den Getreidevorräten waren für die Menschen lebensbedrohend. Noch schlimmer für ihr Ansehen war jedoch, dass die Haus- oder Dachratten zum Sündenbock für die Pest gemacht wurden, an der im Mittelalter ein Drittel der europäischen Bevölkerung starb.
Wie man heute weiß, haben die Ratten die Krankheit nicht direkt übertragen, sondern der in ihrem Fell lebende Rattenfloh gibt das Pestbakterium weiter. Die Mäuse spielten bei der Ausbreitung der Pest eine untergeordnete Rolle.

So sehen Ratten im Westen aus: Böse und gefährlich! Das Ratten-Skull-Tattoo stammt von Elias Scialabba aus dem Studio Black Horse Tattoo in Rom.

Rats get fat while good men die
 

Der schlechte Ruf von Ratten ist auch an Tätowierungen ablesbar. Traditionelle Tattoo-Motive spiegeln generell die Befindlichkeiten der Menschen deutlich wider; ihre Symbolik ist intuitiv erkenn- und verstehbar. Ein bei uns früher sehr verbreiteter Motivklassiker ist die Darstellung einer auf einem Schädel sitzenden Ratte, die von einem Zweizeiler über- bzw. unterschrieben ist: Rats get fat while good men die (Ratten werden fett während die Guten sterben). Noch heute lassen sich US-Soldaten dieses Motiv tätowieren, das sich auch in alten Sailor-Jerry-Collins-Flashes findet. Sailor Jerry selbst diente bei der Navy und nachdem er sein Studio in Hawaii eröffnet hatte, waren es vor allem die Navy-Angehörigen, die sich nach oder vor der Gefahr eines Kampfeinsatzes solch ein Motiv stechen ließen. Die Aussage: Während sie als tapfere Kämpfer ihren Arsch für das Vaterland riskieren, drücken sich die Verantwortlichen vor dem Dienst oder bereichern sich sogar am Krieg.


Das klassische Motiv Ratte und Schädel: »Rats get fat while good men die«, gestochen von Matzon vom Zombie Tattoo aus Helsinki.

Gesellschaftschreck

Zum tierischen Symbol einer ganzen Jugendbewegung wurden Ratten ab den 1970er Jahren. Selbst Bürgerschreck, schmusten die Punks bevorzugt mit dem Nager auf der Schulter und verstörten – wie erhofft – die seriösen Bürger. Heute macht sich die Bewegung des Anti-Establishments in Internetforen intensiv Gedanken über artgerechte Tierhaltung und die nacktschwänzigen Felltiere sind nur noch selten Begleiter der – die Inflation macht auch vor ihnen nicht halt – mittlerweile 2 Euro schnorrenden Rebellen. Da die nachtaktiven Nager den Tag am liebsten in einer ruhigen dunklen Höhle verschlafen, sind Licht und Lärm echter Stress für die früher häufig auf Lederjacken lebenden Exemplare.

Heute leben viel weniger gesellschaftspessimistische Tierfreunde mit einer Ratte als Haustier zusammen. Die domestizierten, sehr sozialen Hausratten, auch Farbratten genannt, sind Nachfahren der zu Versuchszwecken in Laboren missbrauchten Tiere. Sie sind weitaus leichter zu zähmen als ihre Vorfahren, die wildlebenden Wanderratten.
 

Mit Pfeil und Bogen bewehrte Wanderrate von Wendy Pham aus dem Berliner Studio Conspiracy Inc..

Reittier Ratte

Wie auch schon bei Schweinen und Schlangen zu beobachten, haben in asiatischen Kulturkreisen viele Tiere eine ganz andere Bedeutung als bei uns; so auch die Ratten. Ein besonders hohes Ansehen genießen sie im Hinduismus. Ganze Tempelanlagen sind ihnen gewidmet, wo sie ein wahres Luxusleben führen. Der Hauptgrund liegt darin, dass eine Ratte (wahlweise eine Maus) das Reittier des wohl beliebtesten indischen Gottes ist, dem elefantenköpfigen Gott Ganesha. Diese üppige Gottheit soll auf dem Rücken einer Ratte reiten? Ja, weil Ratten Kraft und Intelligenz symbolisieren und damit in der Lage sind, solch eine Anforderung zu erfüllen. So sollte bei einem Ganesha-Tattoo ein Ratten- oder Maustattoo eigentlich nicht fehlen. Im chinesischen Tierkreis steht die Ratte für Fleiß, Genügsamkeit und Zähigkeit.

Die Ratte ist das Reittier von Ganesha und sollte bei keinem Tattoo der hinduistischen Gottheit fehlen, wie hier bei diesem eindrucksvollen Rückentattoo von Errol vom Rotterdamer Studio Inkstitution.


Spiel mit dem (Vor-)Urteil
 

Als Tattoo entsprechen Ratten- und Mausmotive heute weitestgehend den (Vor-)Urteilen: die Ratte ist ein Symbol für Tod, Gefahr und Verderben, Mäuse dürfen dagegen süß und putzig sein. Denn genau von dieser eigentlich von jedem zu entschlüsselnden Bedeutung leben Tattoo-Motive. Wer schlägt zuerst das Lexikon der Symbole auf, um zu erkennen, was der Träger einer Tätowierung mit dem Motiv wohl ausdrücken mag?

Bei Ratten ist das zumindest in unserem Kulturkreis klar: Hier kommt das Böse und Gefährliche. Wer wenig aggressiv auf seine Umwelt wirken möchte, kann ein Mäuschen wählen – und das zum Beispiel noch in eine Teetasse setzen. Das löst zwar auch ein Kreischen aus, aber nicht aus Angst, sondern vor Begeisterung: »Wie süüüüß!«

Vor allem die felllosen Schwänze empfinden viele Menschen als abstoßend. Hier eindrucksvoll als »Rattenkönig« dargestellt von Matt W. Lambdin vom Studio Ironclad Tattoo Co aus USA.

Ratten in Europa


Ratten leben noch gar nicht so lange in Europa. Über den Schiffsweg immigrierte Rattus rattus, die Haus- oder Dachratte, ab dem frühen 13. Jahrhundert aus dem südostasiatischen Raum nach Europa und wurde zum Sündenbock für das Auftreten der Schwarzen Pest. Heute sind diese Haus- oder Dachratten fast ausgestorben, im Gegensatz zu den im Erdreich oder auch in der Kanalisation lebenden Wanderratten, Rattus norvegicus, die erst Ende des 18. Jahrhunderts über Handelsverbindungen aus Zentralasien nach Mitteleuropa kamen. Die wasserliebenden Wanderratten ernähren sich sowohl von pflanzlicher als auch von fleischlicher Kost und finden in der Kanalisation einen von den Menschen über die Toilettenspülung reich gedeckten Tisch. Oder aber in Abfallkörben, auf Mülldeponien und auf mit Essensresten bestückten Komposthaufen.
Wanderratten sind ein echtes Erfolgsmodell: Wenig spezialisiert, aber sehr anpassungsfähig, gelten sie nach wie vor als Nahrungsschädlinge und als Bedrohung für den Menschen. Sie übertragen direkt oder indirekt Krankheiten wie beispielsweise Salmonellen, Trichinose, Ruhr, Cholera oder Leptospirose.
Ihre Bekämpfung ist darüber hinaus sehr schwierig. Ein Grund liegt in ihrer hohen Fertilität. Je nach Klima und Lebensbedingungen können die Weibchen bis zu zwölfmal im Jahr zwischen drei und 15 Jungen zur Welt bringen. Und der sich rasant bildenden Familienclan hält zusammen; er bietet Schutz vor Feinden, Futterquellen werden schneller gefunden, die Aufzucht des Nachwuchses kann unter Umständen von einer Ersatzmutter übernommen werden. Kommuniziert wird über für den Mensch nicht hörbaren Laute und über Duftsignale.

Ron Antonick vom US-Studio Gen X Tattoos tätowierte die Anarcho-Ratte »Rat Fink« nach der Vorlage von Kustom-Kultur-Schrauber Ed »Big Daddy« Roth.
 
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Stand:22 November 2017 08:07:10/motive/von+ratten+und+maeusen_1410.html