Tattoo im Namen Christi: Christliche Tätowiermotive

20.11.2015  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Archiv TätowierMagazin
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Tattoo im Namen Christi: Christliche Tätowiermotive
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Verboten, geduldet, erwünscht? Das Verhältnis zwischen Tattoos und Christentum ist vielschichtig und wandelte sich im Laufe der Geschichte.
 
Tätowierungen und Religion stehen oft in einem ambivalenten Verhältnis, denn ein Tattoo ist durch seine besonderen Merkmale grundsätzlich ausgezeichnet dazu geeignet, religiöse Überzeugungen auszudrücken: Seine Permanenz und Unauslöschlichkeit drücken den Ernst des Bekenntnisses und die lebenslange Verpflichtung aus, die man eingehen möchte, und der Schmerz, der zum Erwerb der Tätowierung notwendig ist, betont zusätzlich die Bereitschaft, für seine religiöse Überzeugung zu leiden und Opfer zu bringen. Gerade für das Christentum, in dem durch das Beispiel des Opfertodes Jesu Christi körperliches Leiden eine größere Rolle spielt als in anderen Religionen, scheinen Tattoos als Ausdruck religiöser Inbrunst eigentlich wie geschaffen. Doch auf der anderen Seite steht bei den monotheistischen Religionen wie eben dem Christentum, aber auch dem Islam und dem Judentum, ein explizites Tattooverbot gegenüber.

Ein minimalistisches Kreuzigungsbild von Liam Sparkes aus London.

Der gottgegebene Körper darf nicht verändert werden
Die Idee dahinter ist, dass in den Religionen, die sich nur auf eine Gottheit beziehen, dieser eine Gott den Menschen erschaffen hat; der Mensch hat dieser Auffassung zufolge nur ein eingeschränktes Verfügungsrecht über seinen eigenen Körper und damit nicht das Recht, diesen nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Polytheistische Religionen, bei denen das Verhältnis zwischen Gottheiten und Menschen weniger hierarchisch ausgeprägt ist, sind da deutlich toleranter und aufgeschlossener bezüglich des Rechts des Einzelnen, den Körper nach eigenen Vorstellungen zu modifizieren.

Theologen und Historiker halten es für möglich, dass der Apostel Paulus tätowiert war
Tatsächlich spielt jedoch ein Verbot von Tätowierungen im Christentum heute kaum noch eine Rolle. Im alten Testament gibt es im 3. Buch Moses eine Textstelle, derzufolge sich die Angehörigen des Volkes Israel »keine Zeichen um der Toten willen auf den Leib ritzen sollen«, was meist als Tattooverbot interpretiert wird. Die Textstelle ist insofern interessant, als sie den indirekten Schluss zulässt, dass zu jener Zeit andere Völker Bräuche praktizierten, die Tätowierungen in Zusammenhang mit Totenkulten beinhalteten. Das Tattooverbot für die Israeliten war also vorrangig ein Verbot, einen heidnischen Brauch auszuüben, und diente zudem dazu, sich äußerlich erkennbar von Angehörigen anderer Religionen zu unterscheiden.

Der derzeitige Papst Franziskus erfreut sich großer Beliebtheit. Tätowiert wurde er von Mario Dumalaon von den Philippinen.

Verbot und Duldung
Es ist anzunehmen, dass der Beschluss des Konzils von Calcuth im britischen Northumberland im Jahr 787, der Christenmenschen das Tätowieren untersagte, genau denselben Hintergrund hatt, denn heidnische Skoten und Pikten, die nördlich der christlich-angelsächsischen Königreiche Britanniens lebten, tätowierten sich, die Pikten offenbar sogar in einem solchen Ausmaß, dass sie den Hautbildern ihren Namen (abgeleitet von  lat. »pictura«) verdanken.
So kann man also die Abgrenzung von heidnischen Völkern neben dem Frevel, Gottes Schöpfung umzugestalten, als zweiten roten Faden für eine Ablehnung von Tätowierungen im Christentum ansehen.

Eine Unterbindung der Tätowiersitte hatte für die Kirche offenbar keine große Dringlichkeit
Interessanterweise gibt es aber neben dem mehrfachen expliziten Verbot – schon vor dem Konzil von Northumberland hatte Kaiser Konstantin im Jahr 400 ein solches Verbot erlassen – eine praktisch parallel verlaufende Tradition christlicher Tätowierungen, die sich womöglich sogar bis zu Paulus, einem der Jünger Jesu, zurückverfolgen lässt. Von diesem heißt es in einem seiner Briefe an die Galater: »Fortan bereite mir niemand mehr Mühsal, denn ich trage die Malzeichen meines Herrn Jesu am Leib!« Zwar könnten damit auch die Stigmata an Händen und Füßen gemeint sein, die Jesus durch die Kreuzigung erlitt, einige Theologen und Historiker halten es aber durchaus für möglich, dass Paulus tatsächlich tätowiert war, denn dass die frühchristlichen Gemeinden, die sich schon bald nach dem Tod Jesus bildeten, sich Zeichen zur Erkennung untereinander tätowierten, gilt mittlerweile als gesichert. Die Symbole waren entweder die Buchstaben I N für Jesus Nazarenus oder der Fisch, altgriechisch Ichthys, der als Symbol für die Anfangsbuchstaben des Glaubensbekenntnisses »Jesus Christos Theo Ios Soter«, also »Jesus der Erlöser und Sohn Gottes« stand. Auch das Kreuz oder das Opferlamm sollen zu dieser Zeit schon verwendet worden sein.

Heiligenverehrung findet heutzutage auch immer öfter auf der Haut statt. Häufig tätowiertes Motiv ist die seliggesprochene Mutter Teresa. Hier tätowiert von Abner Agustin von Divine Tattoo in Imus Cavite.

Tätowierte Kreuzritter und Souvenir-Tattoos
Christliche Symbole waren auch bei den Kreuzrittern als Tätowierungen keine Seltenheit: Hier stand aber wohl nicht nur religiöse Inbrunst, sondern auch Pragmatismus hinter der unauslöschlichen Kennzeichnung, denn im (sehr wahrscheinlichen) Falle des Todes im Kampf konnten die Kreuzfahrer zumindest auf eine christliche Bestattung hoffen. Die Kirche trug dem Bedürfnis nach religiöser Selbststigmatisierung Rechnung, indem sie die Tattooverbote relativierte: Wer »um des Herrn willen Unbill erleide«, dem seien die Zeichen gestattet. Das kam insbesondere denjenigen zugute, die sich im heiligen Land »Souvenir-Tattoos« stechen ließen, quasi als Beleg für eine abgeschlossene Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten der Christenheit. Pilgertattoos waren über viele Jahrhunderte hinweg üblich, auch heute noch gibt es in Jerusalem die Familie Razzouk, die schon seit Generationen christliche Pilger mit Symbolen wie Kruzifix oder dem Wappen Jerusalems tätowiert.
 
Nur selten wurden solche Tätowierungen dokumentiert, wie im Falle des christlichen Mystikers Heinrich Seuse, der Anfang des 14. Jahrhunderts in Form eines Gebetes berichtete, wie er sich offenbar selbst tätowierte – wie man aus seiner Biografie weiß, stach er sich während des Gebets mittels eines Schreibgriffels die Buchstaben IHS, das griechische Monogramm für Jesus, in die Brust: »Oh Herr, ich bitte Dich, dass Du Dich in den Grund meines Herzens drückst und Deinen heiligen Namen in mich zeichnest, dass Du nie mehr scheidest aus meinem Herzen!«

Die Perspektive dieses Tattoos lässt den Träger mit der Jesus-Darstellung verschmelzen, was für eine hohe Identifikation mit dem Gekreuzigten spricht. Tattoo von Maui Meherzi vom Opus Magnum aus Wien.

Verbote ohne Konsequenzen
Während man von anderen Kulturen, in denen das Tätowieren verboten war – beispielsweise im feudalen Japan des 19. Jahrhunderts –  weiß, dass Tätowierte und Tätowierer tatsächlich belangt wurden, ist aus dem christlichen Einflussbereich kein Fall bekannt, in dem jemand aufgrund einer Tätowierung irgendwelche Konsequenzen durch die Kirche erleiden musste. Da aber aus dem Raum des europäischen Mittelalters zahlreiche Fälle bekannt sind, in denen definitiv Tätowierungen gestochen wurden, kann man daraus schließen, dass eine Unterbindung der Tätowiersitte von kirchlicher Seite aus keine große Dringlichkeit hatte. Entweder drückte man ein Auge zu, wenn es sich – wie oben beschrieben – um christliche Bilder handelte, oder es war tatsächlich so selten, dass es keiner größeren Anstrengung lohnte.
Während sich das Tätowieren unter Anhängern des Judentums nur zögerlich verbreitet und im Islam nach wie vor eine absolute Ausnahmeerscheinung ist, stellt es für Christen heute keinerlei Widerspruch zu ihrem Glauben dar. Ein tätowiertes Kreuz ist ein ebenso selbstverständlich genutztes Mittel, den eigenen Glauben zu zeigen, wie der Fisch-Aufkleber auf dem Kofferraumdeckel, und während man früher Bildchen von Heiligen in der Tasche trug und russische Ikonenbilder über dem Hausaltar hingen, gibt es heute keinen Grund mehr, solche Motive nicht direkt auf der Haut zu tragen.  

Banalität contra Bedeutung
Doch auch christliche Motive unterliegen, wie viele andere klassische Tattoomotive, einem Trend zur Beliebigkeit, der einstmals bedeutungsvolle Bilder zu Fashionstatements degradiert. Wer sich ein Bild der seliggesprochenen Mutter Teresa oder des inzwischen heiliggesprochenen Padre Pio stechen lässt, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit mit diesen Personen und ihren Werten identifizieren. Andere Bilder, wie die inflationär gestochenen betenden Hände von Dürer oder auch manche Jesus-Porträts, haben für viele Träger keinerlei religiöse Bedeutung mehr und sind lediglich schicke Bilder, so ähnlich wie heute auch niemand mehr das Bild einer Schlange um einen Dolch mit dessen ursprünglicher Bedeutung als Racheschwur in Verbindung bringt.
Doch die Banalisierung bestimmter Motive durch die Masse bedeutet nicht, dass sie für den Einzelnen an Gehalt verlieren. Für einen Gläubigen wird ein Porträt Jesu immer bedeutungsvoll bleiben, ungeachtet dessen, ob es anderen lediglich als Fashionstatement dient. Auch wenn heute dabei nur wenige in solch religiöse Ekstase geraten werden wie Heinrich Seuse, der nach vollendeter Tätowierung betete: »Herr, die Liebenden dieser Welt zeichnen den Namen des Liebsten auf ihr Gewand – ich aber, Du meine Liebe, habe Dich ins frische Blut meines Herzens geschrieben!«

Porträt des misshandelten Jesus, tätowiert von Andy Engel aus Marktsteft.
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Stand:18 November 2017 05:52:23/motive/tattoo+im+namen+christi_1511.html