Rauchende Colts – Von Schiesseisen und Kugelspritzen

Rauchende Colts – Von Schiesseisen und Kugelspritzen
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Mordwerkzeug und Jagdwaffe, Symbol für Männlichkeit und Sportgerät: Revolver und Pistolen weisen einen überraschend vielseitigen Symbolgehalt auf!


Die Weiterentwicklung der Waffentechnik spielte in der Geschichte der Menschheit eine enorm große Rolle. Bereits primitive Waffen wie Faustkeil, Keule oder Steinaxt ermöglichten es den Menschen der Urzeit, sich gegen wilde Tiere zur Wehr zu setzen – oder sich bei Streitigkeiten gegenseitig den Schädel einzuschlagen. Ein Quantensprung in der Entwicklung der Waffentechnik waren solche Waffen, mit denen man auf große Entfernung töten konnte, ohne selbst in die Reichweite des Opfers – sei es Tier oder Mensch – zu geraten. Steine und Speere, die von Hand geschleudert wurden, waren die ersten solcher Langdistanz-Waffen, doch schon bald entwickelten die Menschen Geräte und Vorrichtungen, mit denen Projektile wie Steine und Pfeile präziser und mit größerer Wucht ins Ziel befördert werden konnten. Steinschleudern, Blasrohre, hölzerne Wurfarme für Speere und schließlich Pfeil und Bogen waren die Errungenschaften dieser Stufe der Waffenproduktion. Besonders der Bogen war über Jahrhunderte die Langstreckenwaffe schlechthin. Verschiedene Kulturen entwickelten unterschiedliche Modelle, vom kurzen Bogen der Mongolen, der für den Einsatz vom Pferd aus praktisch war, über den englischen Langbogen mit enormer Durchschlagskraft bis zum überlangen und präzisen japanischen Bogen.

Revolver-Paar in Hüfthöhe; Symbolik und die Ausrichtung der Läufe sprechen für sich (von Osti, Bamberg) Vorderlader-Pistole von Jason Kundell (Australien)

Doch all diese Waffen hatten einen großen Nachteil; sie waren relativ groß und unhandlich. Auch die ersten Waffen, die mit dem im Mittelalter entwickelten Schwarzpulver betrieben wurden, nämlich Kanonen, konnten zunächst nicht durch besondere Handlichkeit punkten. Rasch begann man aber damit, neben großen mauerbrechenden Kanonen auch kleinere Modelle zu entwickeln, die getragen werden konnten, bis sich der Massstab schließlich auf die Größe von ersten Gewehren und Pistolen reduzierte.

Als Erfinder des ersten automatischen Zündmechanismus,
des so genannten Radschlosses, gilt Leonardo da Vinci. Rad schloss-Pistolen waren im 16. und 17. Jahrhundert eine Waffe der Kavallerie, während die Waffe des Fußvolks, die Muskete der nach ihr benannten Musketiere, mit einem Luntenschloss gezündet wurde. Um 1700 verdrängte das Steinschloss die vorigen Zündmechanismen. Auch wenn die ersten Pistolen und Musketen den Nachteil hatten, dass sie oft nur einschüssig waren und das Nachladen relativ viel Zeit in Anspruch nahm, hatten die Waffen auch neben der großen Reichweite und relativen Präzision einen weiteren, zweifelhaften »Vorteil«: Im Gegensatz zu heutigen Handfeuerwaffen, die relativ kleine und saubere Einschusskanäle verursachen, rissen die Bleikugeln der damaligen Pistolen große, ausgefranste Löcher in den Körper des Opfers, die zudem sofort mit Resten des abgebrannten Schwarzpulvers verunreinigt wurden. Auch wenn keine lebenswichtigen Organe getroffen waren, war es also höchst wahrscheinlich, dass der Getroffene schwere Wundinfektionen erlitt, die auch im Feldlazarett kaum behandelt werden konnten. So starb eine große Zahl von Soldaten früher nicht am Einschuss, sondern am darauf folgenden Wundbrand.

Klassiker: Yosemite-Sam aus den Lonney Toons mit Revolver (von Marcus Broeter, Bochum) Gangsta-Style: Automatik-Pistole im Gürtel (Bob Tyrrell, Detroit, USA) Oldschooliger Revolver für die Ladies (von Tschiggy, Jungbluth, Hamburg)

Auch im Duell war die Pistole
neben dem Degen eine beliebte Waffe. Fühlte sich ein Angehöriger der Adelsschicht von einem anderen beleidigt, konnte er vom Gegenüber »Satisfaktion« fordern, ihn also zum Duell fordern. Der Herausgeforderte durfte über Zeit Ort und die Art der Waffen entscheiden. Viele Adlige hatten einen kleinen Koffer mit einem Paar Pistolen in ihrem Besitz, die einzig und allein für das Duell bestimmt waren. So wurde die Waffe, die ursprünglich zur Jagd oder auch zu Verteidigung und Angriff konzipiert war, also für relativ konkrete Ziele, nun auch zum Zweck der Verteidigung eines abstrakten Ehrbegriffs verwendet. Ähnlich wie das Schwert der Ritter oder auch der Degen gilt die Pistole dementsprechend auch manchmal als »Ehrenwaffe«. Absurdität der Duelle: Beide Duellanten durften sich nicht von der Stelle rühren, bis jeder seinen Schuss abgefeuert hatte; hatte also der erste Schütze sein Ziel verfehlt, musste er regungslos verharren und bangen, ob sein Gegner ihn töten oder verschonen würde.

Was auf dem Duellplatz zum Ritual gehörte,
war auf dem Schlachtfeld sehr nachteilig; zwar gab es auch zweischüssige Pistolen und Gewehre, dennoch war die Schussfrequenz noch zu langsam, das Nachladen zu zeitaufwändig. Eine weitere Revolution der Schießeisen stellte deshalb der aus Western bekannte »Six Shooter« dar, der Revolver mit drehbarer Trommel (to revolve; engl.: sich drehen), in der sechs Patronen Platz hatten, die überdies sehr rasch gewechselt werden konnten. Erfinder des Revolvers war Samuel Colt, der ihn 1836 zum Patent anmeldete. Auch Revolver der Marke Smith & Wesson erlangten rasch Kultstatus. Der Revolver wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika ein Attribut für Macht und Männlichkeit – ein Psychologe würde sicher auf das lange Mündungsrohr und die abgeschossenen Kugeln als phallische Symbole verweisen. Auch das »aus der Hüfte schiessen« unterstreicht die männliche Symbolik dieser Waffe – auch wenn diese aus Western bekannte Technik in der Realität kaum zu befriedigenden Resultaten und Treffern geführt hätte. Im Gegensatz zu den als männlich geltenden Revolvern galten die kleinen zweischüssigen Derringer-Pistolen als Waffen von Frauen oder Feiglingen; die sehr kompakten zweischüssigen Handfeuerwaffen waren nämlich besonders bei Falschspielern beliebt, da man sie leicht im Ärmel verstecken konnte, während der Revolver ja stets deutlich sichtbar am Gürtel getragen wurde.


Klischee oder Realität? Frauen stehen auf große Kanonen! (Flash von Stachyra)

Ab 1893 kamen die ersten automatischen Pistolen auf,
bei denen die Patronen in einem Magazin in den Griff eingeschoben werden. Herausragende Hersteller solcher Waffen sind Walther, Browning, Beretta oder Luger. Es sind die Waffen, die man aus Polizei- und Gangsterfilmen kennt oder auch von James Bond, der stets eine Walther, Modell PPK, bei sich trägt. Allerdings gibt es hinsichtlich der Symbolik dieser Waffen leichte Unterschiede, was westliche Mafia-Filme und japanische Yakuza-Filme betrifft. Während man im Westen Entschlossenheit und Stärke mit der Pistole assoziiert, wird sie im japanischen Gangsterfilm oft mit Feigheit gleichgesetzt; der »echte«, traditionelle Yakuza vertraut – zumindest im Film – lieber im Kampf Mann gegen Mann auf sein Schwert als auf das Schießeisen. Heute sind Pistolen und Gewehre nicht nur Mordwerkzeuge, sondern auch vollwertige Sportgeräte; vom Biathlon über Tontaubenschießen, vom Luftpistolen-Schießen im Garten bis zum Paintball-Abenteuer im Wald finden sich unterschiedlichste Möglichkeiten, mit den faszinierenden Schießeisen auch friedlichen Spaß zu haben.


Überdeutliche Phallus-Symbolik: Patronen als fliegende Mini-Penisse von Cpt. Obermeier (Mönchengladbach) Eher selten: zwei gekreuzte Automatik-Pistolen mit Qualm in Flügelform (Tätowierstudio Bielefeld)

Die Bedeutungsbreite der Symbolik dieser Waffen
findet sich auch in Tätowierungen wieder, die Pistolen, Revolver und dergleichen darstellen. Nur die wenigsten dieser Tätowierungen drücken unverhohlen Gewaltbereitschaft aus. Die meisten im Traditional-Stil gehaltenen Pistolen-Tattoos knüpfen augenzwinkernd an die idealisierte Wildwest-Romantik an. Die dargestellten, oft aufwändig verzierten Schießeisen mit verspielten Details stellen offensichtlich eher Dekoration als Gebrauchsgegenstand dar. Obwohl der Revolver eigentlich eine Männerwaffe ist, trifft man auf das klassische Revolverpaar als Tattoo, gern in Hüfthöhe angebracht, eher bei Frauen; das unzweifelhaft phallische Symbol dient hier als erotischer Reiz, der die Hüftregion der Frau betont und zum Blickfang macht. Weisen die Revolverläufe zudem in Richtung Schambereich, ist die sexuelle Komponente nicht mehr zu übersehen.

Mit Tattoos von Automatik-Waffen
wird gern auf die Welt der vermeintlich »ehrenwerten Gesellschaft«, der Mafia, angespielt; die Träger solcher Tattoos dürften aber eher Fans von Kino-Klassikern wie »Der Pate« oder »Es war einmal in Amerika« als wirklich Angehörige der Cosa Nostra sein. Und zudem bietet ein Pistolen-Tattoo vor allem in Deutschland die Möglichkeit, ohne Waffenschein und polizeiliches Führungszeugnis zu einer eindrucksvollen Waffe zu gelangen – die garantiert nicht aus Versehen losgeht.

Text: DIRK-BORIS • Fotos: ARCHIV TM
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Stand:24 November 2017 15:48:54/motive/rauchende+colts+-+von+schiesseisen+und+kugelspritzen_081.html