Pferde

30.07.2010  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: TM-Archiv
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Die einen denken an Freiheit. Die anderen an Manneskraft. Auch Assoziationen wie Glück oder Stolz sind schnell bei der Hand, wenn es um Pferde geht. Kaum ein Tier, das so viel Interpretationen zulässt. Und kaum ein Tier, das die Menschen schon seit Jahrhunderten begleitet …
Die einen denken an Freiheit. Die anderen an Manneskraft. Auch Assoziationen wie Glück oder Stolz sind schnell bei der Hand, wenn es um Pferde geht. Kaum ein Tier, das so viel Interpretationen zulässt. Und kaum ein Tier, das die Menschen schon seit Jahrhunderten begleitet. Treu, intuitiv, verständnisvoll – Pferdenarren schwören auf ihre vierbeinigen Lieblinge. Und auch auf der Haut lebt der Mythos.


Stolzes Pferd von Lasse aus Finland

Stolzes Pferd von Lasse aus Finland.


Sage nicht: Dies ist mein Pferd. Sage: Dies ist mein Sohn!« Das arabische Sprichwort verdeutlicht den enorm hohen emotionalen Wert, den Menschen dem Pferd seit je her beimessen. Besonders im arabischen Kulturraum wird das Pferd sehr verehrt, aber auch in anderen Ländern genießt das Huftier hohes Ansehen: »Der glückliche Mann verliert seine Frau – der unglückliche sein Pferd«, heißt es in Georgien. Nüchtern betrachtet ist das domestizierte Pferd einfach ein Arbeitstier, doch tatsächlich geht seine Bedeutung weit darüber hinaus. Das Reitpferd erhebt den Menschen über seinesgleichen – und das nicht nur rein körperlich sondern auch in seiner sozialen Stellung. Das Pferd macht den Unterschied zwischen gemeinem Fußvolk und Ritter – ein Wort, das sich von »Reiter« oder »Berittenem« ableitet. Wer vom »hohen Roß« herab handelt, ist seinem Gegenüber überlegen – oder zumindest selbst davon überzeugt. Ein Pferd adelt den Besitzer. Auch heute kann man das noch erkennen: Fußball, Rugby und Baseball sind die Sportarten des »Fuß-Volkes«, während sich die High Society im Polo und Dressurreiten übt oder sich zum Pferderennen in Ascot trifft.

Pferde Tattoo

Kraftstrotzendes Ross, von einem Pfeil in den Hals getroffen. Dramatisch in Szene gesetzt von Tony Mancia vom Studio All or Nothing.


Aber das Pferd ist nicht nur Statussymbol, es symbolisiert auch Macht: Berittene Krieger waren schnell, wendig und in der Schlacht überlegen. Die Reiterhorden des Dschingis Khan nutzten den militärischen Wert der Pferde weitaus effizienter als die Römer und die Stämme der Germanen – und errangen dadurch einen Sieg nach dem anderen. Auch die geradezu schockierende Schnelligkeit, mit der die Hunnen über Europa hereinbrachen, verdankten sie ihren wendigen Steppenpferden. Diese Möglichkeit, große Entfernungen auf dem Pferderücken in kurzer Zeit zurücklegen zu können, machte das Pferd auch über tausend Jahre später auf der anderen Seite der Erde bei der Erschließung und Besiedelung Amerikas unverzichtbar. Die Amerikaner sind sich der Rolle sehr bewusst, die das Pferd bei der Geburt ihres »Land of the Free« spielte, und zelebrieren es als Symbol von Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit – was sich, ganz im American Spirit, ja auch prima vermarkten lässt; keine Marlboro-Zigarettenwerbung kommt ohne wilde Mustang-Herden und Cowboys auf prächtigen Hengsten aus.

Pferde Tattoo

Ein Einhorn, das Arsch tritt, wenn man der Banderole glauben darf. Von Bryan Reynolds.


Aber egal ob Cowboy oder Ritter, Hunne oder Polo-Spieler: Jeder Reiter muss sich zu hundert Prozent auf sein Pferd verlassen können. »Jinba-itsu« bezeichnet auf Japanisch diese Einheit von Reiter und Pferd, die jeder irgendwann erlebt, der sich intensiv und lange genug mit »seinem« Pferd auseinandersetzt.  Pferd und Reiter sind im Idealfall durch eine intensive und vertrauensvolle Beziehung miteinander verbunden; eine Beziehung, die Menschen in vergleichbarer Art und Weise unter allen anderen Tieren nur zu Hunden aufbauen können. Es ist daher kaum verwunderlich, dass der Verlust eines Pferdes für den Besitzer oft nicht weniger schmerzhaft ist als der Tod des Hundes oder gar eines Familienmitglieds. Diese enge Bindung zwischen Mensch und Pferd bestand schon vor vielen Jahrhunderten bei zahlreichen Völkern, was man auch an den jeweiligen Begräbnisriten ablesen lässt: chinesische Adlige wie auch germanische Fürsten ließen sich nicht selten zusammen mit ihren Pferden bestatten.

Pferde Tattoo

Kein echtes Einhorn – aber zumindest ähnlich! Pferd mit hohem Diabetes-Risiko, tätowiert von Fabz aus Australien.


»The italian Stallion«, »der italienische Hengst« nannte sich Kino-Boxstar Rocky Balboa und spielte damit auf Kraft und Potenz des Pferdes an. Denn neben Kraft, Schnelligkeit und Anmut verbindet man das Pferd symbolisch auch mit Potenz und Sexualität: »Hengst« und »Stute« sind ja keineswegs nur sachliche Definitionen des männlichen und weiblichen Pferdes, sondern diese Begriffe haben durchaus auch sexuelle Konnotationen. Und dass bei der Begeisterung junger Mädchen für das muskulöse Reittier auch unbewusste sexuelle Motive eine Rolle spielen, behaupten Psychologen schon lange. Beim Einhorn, einem Fabelwesen, das sich lediglich durch ein langes Horn an der Stirn vom »normalen« Pferd unterscheidet, tritt der sexuelle Symbolgehalt noch deutlicher zu Tage: Einerseits steht es für Unschuld und Jungfräulichkeit, andererseits ist die phallische Bedeutung des Horns unübersehbar. In Legenden und Märchen wird immer wieder berichtet, wie Einhörner ihr gehörntes Haupt in den Schoß von Jungfrauen legen und daraufhin ihre Kraft verlieren und einschlafen: eine Symbolik, die an Deutlichkeit der sexuellen Anspielungen kaum zu wünschen übrig lässt – Dustin Poole bringt das mit seiner tätowierten Interpretation des Ein»horns« ziemlich unzweideutig auf den Punkt. Aber auch als Oldschool-Motiv sieht man das Einhorn relativ häufig, oft in Anlehnung an mittelalterliche Wappen.

My horny pony tattoo

Spielzeug-Pony, das sich mit Erwachsenen-Spielzeug vergnügt. Gestochen von Christopf von 101 Tätowierungen.


Wer sich heute ein Einhorn tätowieren lässt, beruft sich aber vermutlich weniger auf mittelalterliche Symbolik und den Legenden, nach denen das Einhorn magische Heilkräfte besitzt, mit denen es Vergiftungen heilen kann, sondern eher auf das Bild, das Fantasy-Filme wie »Das letzte Einhorn« von diesem Fabeltier entwerfen. In der heutigen Sicht ist das Einhorn ein Überbleibsel aus einer glücklichen und friedvollen Fantasie-Epoche, ein Fabeltier das keinen Argwohn und keine Falschheit kennt und durch und durch das Gute, Reine und die Liebe repräsentiert. Insofern schließt sich wieder der Bogen zum Pferd, dem in Form von überkitschten Spielzeugpferdchen wie »My little Pony« ähnliche Werte und Vorstellungen einer heilen und harmonischen Welt angedichtet werden.

Als Tattoo bekommt das Pferd die gesamte Breitseite möglicher Bedeutungen und Sinnzuschreibungen ab: Bilder von kraftstrotzenden Rössern findet man als Tattoo genauso wie Portaits von realen Pferden, die sich die Träger zum Gedenken an ihr Haustier stechen ließen, man findet symbolgeladene Traditional-Bilder von Einhörner aus der Fabelwelt und kleine quietschbunte Kitsch-Ponys, die an trashiges Spielzeug aus Kindertagen erinnern – teilweise auch mit Accessoires, die alles andere als jugendfrei sind und sicher nicht zum Zubehör der Original-Spielserie gehören … eigentlich kaum verwunderlich, dass das Pferd sich einen festen Platz auf den Häuten seiner Anhänger gesichert hat; denn letzten Endes, wissen Pferdenarren, liegt ja das größte Glück auf Erden auf dem Rücken von Pferden!

Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der August-Ausgabe 2010
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Stand:22 November 2017 08:08:55/motive/pferde_107.html