Ohne Hirn und Herz: Quallen als Tattoo-Motiv

13.02.2015  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: TM-Archiv
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Ohne Hirn und Herz: Quallen als Tattoo-Motiv
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An der Haut will sie normalerweise niemand haben: Quallen. Als Tattoo-Motiv sind sie aber immer häufiger zu sehen. Und zwar zu Recht. Ein Blick ins Innere der glibberigen Masse offenbart bizarr Schönes und wissenschaftlich Faszinierendes.
Rhythmisch pulsierend wie ein Herz schweben sie durchs Wasser, blau schimmernd, gelb leuchtend oder milchig transparent ihre bandförmigen Tentakel wie einen Schleier hinter sich herziehend. Die Strömung des Meeres choreografiert diese filigranen Wesen, deren Anblick einem den Atem rauben kann. Leider nicht nur vor Bewunderung. Quallen, wissenschaftlich Medusen genannt, sind trotz ihrer Schönheit die am meisten gehassten Meeresbewohner. Was aus der Ferne betrachtet wie ein schöner Tanz erscheint, wird bei Berührung der Tentakel zur schmerzlichen, wenn nicht sogar tödlichen Erfahrung.

Wie die schematische Zeichnung einer Qualle erscheint das Neo-Traditional von Dane Mancini aus dem Studio Inkamatic in Triest.

Achtung: Lebende Sülze

Viel ist nicht dran an dem zu 95 Prozent aus Wasser bestehenden Hohlkörper. Er ist nicht mehr als ein aus Innen- und Außenhaut zusammengesetzter, geleeartiger Schirm mit einem nach unten herabhängenden Magenstiel, an dem sich die Magenöffnung befindet. Kein Herz, kein Gehirn, kein zentrales Nervensystem. So weit harmlos, wenn da nicht die oft langen Tentakel wären, die wie Bandnudeln am Schirm hängen. Und die haben es in sich beziehungsweise auf sich: nämlich kleine Nesselzellen. Schon eine leichte Berührung reicht und 600 Nanosekunden später schießen die auf den Tentakeln sitzenden Nesselzellen ihren Nesselschlauch wie eine Harpune in die Haut des Opfers und geben ihr Gift in die Wunde ab. Die Folgen können je nach Größe des Opfers Lähmungen oder gar Tod sein und die Quallen können in aller Ruhe und ohne Verletzungsrisiko die Larven, Würmer, Krebse, Nesseltiere und kleinen Fische durch die Mundöffnung in ihre Magentasche einsaugen und dann verdauen.

Je nach Quallenart führt die Berührung für den Menschen lediglich zu nicht oder kaum spürbaren Hautreizungen bis zu einem brennenden Schmerz, vergleichbar einem Bad in Brennnesseln. Das Gift kann Juckreiz, Hautausschlag und Unwohlsein auslösen. Es kann aber noch dicker kommen. Eine besonders giftige Art ist die vor der Küste Australiens vorkommende Seewespe: Ihre bis zu drei Meter langen, fast unsichtbaren Tentakel brennen sich regelrecht in die Haut und verletzen dabei alle Hautschichten. Ihr Gift kann beim Menschen im schlimmsten Fall zu Muskellähmung und folglich zu Herzstillstand führen. Von November bis März treten die Seewespen in Schwärmen auf. Um die Schwimmer im australischen Sommer zu schützen, werden die Badebereiche mit Netzen abgetrennt.

Die Schönheit der Medusen von Tibi vom Münchner Studio Tempel Tattoo in Szene gesetzt.

Superlative

Es sind so einige Superlative und Besonderheiten, die Quallen auf sich vereinen können. Zum einen sind sie steinalt: Seit 670 Millionen Jahren leben sie auf der Erde. Die anspruchslosen Tiere ohne Hirn und Rückgrat sind damit die Gewinner der Evolution. 

Und die bereits erwähnte Seewespe gilt als das giftigste Meerestier überhaupt, wahrscheinlich ist sie sogar das giftigste Lebewesen der Welt. Etwas ungefährlicher ist eine andere Quallenart, die den sehr interessant klingenden Name »Portugiesische Galeere« trägt und zudem das Attribut »längstes Tier der Erde« führen darf; ihre Tentakel können bis zu 50 Meter lang werden. Und wer denkt, an den Teilen sei nichts dran, der irrt gewaltig: Die an den Küsten Japans beheimatete Nomura-Riesenqualle bringt bis zu 200 Kilogramm auf die Waage, als Fang im Netz soll sie auch schon Fischerboote zum Kentern gebracht haben.

Farbenfrohe Qualle vom Berliner Mark Halbstark.

Die schöne Gefahr

Und trotz der Ängste, die Menschen vor Quallen haben, und obwohl sie alles daran setzen, den Hautkontakt zu meiden, sieht man diese ungewöhnlichen Geschöpfe immer häufiger auf der Haut: eingebettet als leuchtend-bunte Wesen in einer Unterwasserlandschaft oder einzeln, sich mit den langen Tentakeln geschmeidig über ganze Körperteile ziehend. Und es gibt wahre Schönheiten unter den circa 2500 bekannten Unterarten; Kompassquallen mit rot gestreiftem Schirm oder auch in knalligem Gelb, milchig-weiße Feuerquallen mit einem buschigen Tentakel-Bart, türkisfarbene Kreuzquallen, mit weißen Pünktchen besetzte Sternenhimmelquallen und ihr Aussehen selbst erklärende Unterarten wie die Pink-Qualle und Spiegelei-Qualle.

Die Vielfalt an Körperformen, Farben und Variationen der Tentakel ist groß und oft auch bizarr arrangiert, was den Tätowierern viele Möglichkeiten eröffnet, eine in der Form und Farbe passende Quallenart als Vorlage auszusuchen. Aber das Quallenmotiv zeigt auch Grenzen auf, und zwar bei den kreativen Modifikationen. Eine Qualle mit putzigem Gesicht, im Kostüm, mit Hut und Regenschirm? Schwer vorstellbar, durch das Fehlen eines Gesichts lassen sie sich weder vermenschlichen noch kann man ihnen einen Charakter zusprechen. Die Faszination von Quallen fußt auf der Schönheit der Tiere und dem Wissen um ihre Gefährlichkeit. Gerade für Tätowierer des grafischen Stils bietet sie sich wegen ihrer reduzierten und interessanten Form an.

Farblich sehr schlichte, aber nicht minder beeindruckende Umsetzung eines Quallen-Motivs von Amina aus dem Studio Brightside Tattoo in  Kopenhagen.
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Stand:20 November 2017 12:55:15/motive/ohne+hirn+und+herz_151.html