Motörhead

Motörhead
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Motörhead ist mehr als eine Rock ’n’ Roll Band und nimmt unbestritten eine Sonderstellung im Hard ’n’ Heavy-Genre ein. Und das nicht allein aufgrund der Tatsache, dass Motörhead mit über 30 Jahren im Business zu den Rock-Dinosauriern gehört.
Verantwortlich für den Nimbus und den Kultstatus der Band ist unzweifelhaft Frontmann Ian Fraser Kilmister, a.k.a. Lemmy, eine absolute Ausnahmeerscheinung im Rock-Business, die ultimative Personifizierung von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll.

Der Weihnachtsabend 1945 bescherte der Welt
ein ganz besonderes Geschenk: Knapp zweitausend Jahre nach der Geburt des Jesus von Nazareth wählte der Messias des Rock ’n’ Roll dieses denkwürdige Datum, um seinerseits das Licht der Welt zu erblicken. Irgendwelche Könige waren bei der Geburt von Ian Fraser Kilmister nicht anwesend, Gold gab es erst sehr viel später in Schallplattenform, und statt an Weihrauch und Myrrhe hielt sich Lemmy, wie er genannt werden sollte, später eher an profane Substanzen wie Speed, Whiskey sowie an alle darüber hinaus verfügbaren Rauschmittel.


Motörhead ist Lemmy – und Lemmy ist Motorhead. Porträt gestochen von René, Slams Tattoo (Nordhausen)


Auch als Lemmy seiner Berufung nachging,
nämlich der Verbreitung des Rock ’n’ Roll, war seine Motivation nicht ganz so selbstlos wie die des Mannes aus Galiläa, mit dem er zufälligerweise den Geburtstag teilt: Wenn auch viele den Sound von Motörhead als Offenbarung betrachten, hatte Lemmy nie im Sinn, die Welt von ihren Sünden zu befreien – nicht, dass er sich nicht für Laster aller Art interessieren würde, ganz im Gegenteil. Aber bei der Mission, die Sünden der Welt auf sich zu nehmen, ging der Frontmann von Motörhead doch um einiges praxisorientierter vor als sein Geburtstagskollege aus Betlehem, an dessen Legitimität Lemmy doch gewisse Zweifel hegt: »Ich meine, man bringt den Leuten bei, dass der Heiland Nachwuchs der Frau eines Vagabunden (die auch noch Jungfrau ist) und eines Geistes war? Und das ist die Grundlage für eine weltweite Religion? Ich glaube kaum! Ich denke, wenn Joseph das geglaubt hat, dann hat er es verdient, in Ställen zu schlafen!«.

Lemmys Mutter jedenfalls war keine Jungfrau,
und sein Vater, ein Pilot bei der Royal Air Force, machte sich kurz nach der Geburt seines Sohnes aus dem Staub. Im selben Alter als Jesus mit den Schriftgelehrten im Tempel diskutierte, flog Lemmy von der Schule und begann, sich dem Thema »Sünde« von der praktischen Seite zu nähern: Während der Zimmermannssohn aus Galiläa sich in die Tora vertiefte, interessierte Lemmy sich für Anatomie – für weibliche Anatomie, genau genommen, wozu ihm Pfadfinderinnen reichlich Gelegenheit gaben, die den Reiterhof besuchten auf dem Lemmy zu jener Zeit arbeitete. Als Lemmy erkannte, dass die Faszination, die Mädchen mit Pferden verbindet, derer vergleichbar ist, die sie zu Typen mit Gitarren hinzieht, begann seine Musiker-Karriere: »Ich konnte nicht spielen, aber ich war augenblicklich von Frauen umringt. Es hat wirklich sofort funktioniert! Schließlich bemerkte ich, dass die Mädchen von mir erwarteten, das Ding auch zu spielen, also brachte ich es mir selbst bei, was auf der Hawaiigitarre mit den angehobenen Saiten ziemlich grässlich war.« So hatte Lemmy eigentlich nie die Absicht, wirklich gut Gitarre spielen zu wollen, sondern einfach durch Rumposen Mädels in die Kiste zu kriegen. Dass das umso besser ging, wenn man in einer Band spielte, veranlasste Lemmy dazu sich bei verschiedenen Rockgruppen zu bewerben. Die Anforderungen dazu waren in den 60ern relativ bescheiden – meist reichte es einfach aus, eine Gitarre zu besitzen. Es folgten mehr oder minder ausgedehnte Gastspiele bei den Rocking Vicars und Sam Gopal, bevor Lemmy als Bassist bei Hawkwind anfing. Nicht, dass er zu dieser Zeit Bass spielen konnte – aber Hawkwinds vorheriger Bassist war einfach abgehauen und hatte seinen Bass zurückgelassen. »Damit lädt man quasi jemanden ein, aufzukreuzen und ihm den Job abzunehmen – was ich auch tat!« beschreibt Lemmy seinen unspektakulären Einstieg bei Hawkwind. Immerhin vier Jahre lang spielte Lemmy bei der psychedelischen Rock-Combo um Bandleader Dave Brock, bis es zum Bruch kam.

Mit Lucas Fox am Schlagzeug und Larry Wallis als Gitarrist
rief Lemmy 1975 Motörhead ins Leben. Den ursprünglichen Plan, die Band »Bastards« zu nennen (ein Name, der später zumindest für ein Studioalbum verwendet wurde), wurde Lemmy von seinem damaligen Manager ausgeredet: »Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir es mit einem Namen wie »Bastard« zu »Top of the Pops« schaffen«, erklärte er – man bedenke, wir befinden uns im Jahr 1975! Motorhead war ohnehin der passendere Name: »Es war der letzte Song, den ich für Hawkwind geschrieben hatte, und es war amerikanischer Slang für Speedfreak« – Speed war zu jener Zeit so etwas wie ein Grundnahrungsmittel für Lemmy. Die ö-Tüpfelchen entstanden aufgrund von Lemmys Faszintion für alles »Deutsche« – obwohl Blue Öyster Cult schon Jahre zuvor auf dieselbe Idee gekommen waren. Schon früh wurde klar, dass Motörhead sich nicht auf einen eindeutigen Stil festlegen ließ; »Ich wollte, dass Motörhead so wie The MC5 wird, mit Elementen von Little Richard und Hawkwind. Wir waren tatsächlich eine Bluesband. Obwohl wir die Musik mit eintausend Meilen pro Stunde spielten, war sie immer noch als Blues zu erkennen – zumindest für uns. Wahrscheinlich war sie das sonst für niemanden …« resümiert Lemmy die musikalische Stilrichtung der Anfangszeit.

Tatsächlich hatten sie von Beginn an Fans
sowohl aus der Rock- wie auch aus der Punk-Fraktion, und Lemmy selbst fühlte immer eine starke Affinität zum Punk. Der legendäre Sid Vicious nahm in den 70ern Bass-Stunden bei Lemmy – nicht besonders erfolgreich, wie Lemmy sich später erinnerte, dennoch schaffte es Sid, bei den Sex Pistols aufgenommen zu werden: »Du kannst gar nicht Bass spielen, Sid!« entgegnete ihm Lemmy auf diese Mitteilung. »Ja, ja, ich weiß,« antwortete Sid, »aber ich bin bei den verdammten Pistols!« – Image war damals einfach wichtiger als das perfekte Beherrschen eines Instruments.

Das von Joe Petagno erfundene Warpig-Motörhead-Wahrzeichen ist des Fans liebstes Kind. Hier gestochen von Oli, Trigonoma-Tat2 (Gundelsheim), Sting (Bremerhaven), Roberto, Pandemonium Tattoo (Memmingen)

Schon bald nach der Bandgründung
wurden Lucas und Larry durch Philthy Animal Taylor und Fast Eddie Clarke ersetzt – das Line-up, das bei vielen Motörhead-Fans als die »klassische« Motörhead-Besetzung gilt. Nach den Alben »Overkill« und »Bomber« folgte 1980 das ultimative Motörhead-Album: »Ace of Spades« ist definitiv eines der großartigsten Hard ’n’ Heavy-Alben, das je aufgenommen wurde und der Song »Ace of Spades« wurde zum absoluten Klassiker – nicht unbedingt zu Lemmys Freude: »Um ehrlich zu sein, »Ace of Spades« hängt mir zum Hals raus. Noch nach zwei Jahrzehnten denken die Leute bei »Motörhead« an »Ace of Spades« – wir sind nach dem Album nicht versteinert, wisst ihr! Wir hatten seither ein paar gute Veröffentlichungen!« Dennoch ist natürlich klar: Nachdem man ganz oben war, konnte es nur noch bergab gehen … »Iron Fist« konnte dem Vorgängeralbum nicht das Wasser reichen, und als nach Fast Eddies Rückzug aus der Band Brian Robertson die Gitarre übernahm, waren die Hardcore Motörhead-Fans mehr als konsterniert: »Wer ist die Fotze mit den verdammten Shorts?« »Das ist der neue Gitarrist von Motörhead.« »Aha. Töten wir ihn.« fasst Lemmy die Reaktionen des Publikums im Speedway Stadium London 1983 auf das neue Bandmitglied zusammen. »Robbo« war mit seinen seltsamen Aerobic-Klamotten nicht eben das, was man einen Publikumsmagnet nennt. Auch das Album »Another Perfect Day« kam nicht gut an bei den Fans – doch es scheint tatsächlich an Robertson gelegen zu haben, den auf ihrer 30-Years Tour im letzten Jahr tickten die Fans bei Songs von dem Unglücksalbum völlig aus. Phil Campbell und Wurzel lösten Robbo ab, und für einige Zeit war Motörhead eine Vier-Mann-Band. Philthy Animal wurde kurz darauf von Pete Gill ersetzt, dem Ex-Drummer von Saxon. Wurzel verschwand aus der Band, Pete wurde schließlich durch Mikkey Dee ersetzt – ein ständiges Kommen und Gehen. Auch wenn sich Motörhead inzwischen mit Phil Campbell und Mikkey Dee wieder zu einem stabilen Trio eingependelt haben, ist doch klar, dass eigentlich doch nur ein Mann wirklich Motörhead ist: Ohne Lemmy wäre Motörhead unvorstellbar. Bands wie Iron Maiden, Judas Priest oder Black Sabbath haben es geschafft, auch ohne die charismatischen Frontmänner wie Bruce Dickinson, Rob Halford oder Ozzy über die Runden zu kommen – oft mehr schlecht als recht – aber Motörhead und Lemmy, das ist Eins, einfach untrennbar.


Variationen des genialen Logos gestochen von Sting (Bremerhaven) und Fide, Für Immer (Berlin).


Und Lemmy ist ein Original,
unangepasst, politisch inkorrekt, mit einer eigenen Meinung, mit der er nicht hinterm Berg hält: »Ich würde George Bush nicht ins Maul pissen, selbst wenn seine Zähne brennen würden!« kommentierte Lemmy unlängst die politische Situation in seiner Wahlheimat USA. Während Meat Loaf weichgespült und politisch unverfänglich von »Sex & Drums & Rock ’n’ Roll« singt, steht Lemmy zu seinem unmäßigen Alkohol- und Drogenkonsum – auch wenn er anderen davon abrät. Obwohl er Politiker und Diktatoren ablehnt, die das Volk verarschen und zahlreiche Farbige und Juden zu seinem Freundeskreis zählt (die Liebe seines Lebens, Susan Bennett, war schwarz), macht der Motörhead-Frontmann dennoch keinen Hehl aus der Faszination, die das Dritte Reich auf ihn ausübt und posiert auch mal gern in SS-Uniform. Dass Lemmys Interesse an den psychologischen Propagandatricks und der verführerischen Ästhetik der Nazis keineswegs mit einer Billigung ihres Terror-Regimes einhergeht, wird nur für die ersichtlich, die sich näher mit der Person des Ian Fraser Kilmister beschäftigen. In zahlreichen Interviews hat Lemmy seine Ablehnung und seine kritische Haltung zur Nazi-Diktatur dargelegt. Dass viele dennoch durch die SS-Uniform-Fotos ihre Vorurteile vom Nazi-Rocker bestätigt sehen, juckt Lemmy wenig. Er ist nicht da, um irgendjemandem zu gefallen, ganz sicher nicht. Aber gerade das macht ihn authentisch – und dafür lieben ihn seine Fans!


Die Zitate in diesem Artikel stammen größtenteils aus Lemmys Autobigraphie »White Line Fever«, die ihr als deutsche Übersetzung im SzeneShop unter 0621 / 483 61 47 oder szeneshop@huber-verlag.de zum Preis von 19,90 Euro Versand bestellen könnt. Wer es sich zutraut, dem sei die englische Originalversion empfohlen, aber auch die Übersetzung ist stilistisch sehr gut gelungen.

Tipp für Hardcore Lemmy-Fans:
Soeben ist die Doppel-CD »Lemmy - Damage Case« erschienen, auf der rare Tracks aus seiner Zeit bei den Rocking Vicars, Sam Gopal und Hawkwind zu finden sind, Songs, die er mit The Damned, Girlschool oder auch Wendy O Williams hat. Die Stücke die er mit Slim Jim und Danny B. eingespielt hat, dürften eingefleischten Fans bereits bekannt sein, ebenso wie das Probot-Stück »Shake Your Blood«, aber auf dieser Anthologie dürfen sie natürlich nicht fehlen. Kaufen, einlegen, aufdrehen!
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Stand:24 November 2017 15:47:11/motive/motoerhead_081.html