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24.03.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: TM-Archiv
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Motivklassiker Schwein und Hahn


Ein auf die Füße tätowiertes Hahn- und ein Schweinmotiv sollte die Seefahrer vor dem Ertrinken retten. Wir erklären, wie man auf so eine Idee kommen kann. In unserer Rubrik »Motivklassiker« widmen wir uns immer wieder besonderen Ikonen unter den Tattoomotiven.


Das Motiv: Ein Schwein und ein Hahn auf jeweils einem Fuß. Seltener zu sehen ist die Variation des Schweins auf dem linken Knie und des Hahns auf dem rechten Fuß. Ob nur der Kopf oder das ganze Tier dargestellt wird, ist unerheblich.

Der Ursprung: Wann und wo genau dieses Motiv erstmals auftauchte, ist nicht geklärt. Wahrscheinlich ist, dass das im Englischen als »Pig and Rooster« bezeichnete Motiv sich zusammen mit anderen spezifischen Seefahrertätowierungen ab dem 17. Jahrhundert entwickelte. Typische Seefahrertätowierungen gaben Auskunft über die Arbeit an Bord, die bereits absolvierten Reisen oder bezogen sich auf die Hoffnungen und Gefahren, die das Leben auf See mit sich brachte. Bekannt ist beispielsweise die Bedeutung des mit geblähten Segeln das Meer durchfahrenden Segelschiffs, das eine Kap-Horn-Umseglung anzeigen sollte, oder die Schwalbe auf der Brust, die für fünftausend gesegelte Meilen stand. Neben diesen tätowierten Zeichen, die einen konkreten Bezug zu ihrer Arbeit hatten, waren zahlreiche Hautbilder auch einfach Ausdruck des unter Seeleuten stark verbreiteten Aberglaubens; zu dieser Kategorie zählt auch das Schwein-Hahn-Motiv.



Die Bedeutung: Die Bilder von Hahn und Schwein sollen ihren Träger vor dem Ertrinken schützen. Eine Erklärung, warum den beiden diese Schutzfunktion zugeschrieben wurde, geht zurück auf die Annahme, dass beide Tiere wasserscheu seien und deshalb das Meer meiden und damit gleichsam ihren Träger vor dem Wasser schützen würden. Und tatsächlich können Hühner nicht schwimmen und würden wohl nie freiwillig ins Wasser gehen, auf Schweine trifft das aber nicht zu. Die interessantere und wahrscheinlich auch zutreffende Erklärung ist, dass Schweine und Hühner in hölzernen Käfigen auf den Schiffen als Proviant mitgeführt wurden. Bei einem Schiffsunglück
gingen diese Kisten mit den Tieren von Bord, dank der Tragkraft des Holzes aber nicht gleich unter. In der Hoffnung, dass sie als Schiffbrüchige auch erst einmal über Wasser bleiben und womöglich gerettet werden, ließen sich die Seeleute die Füße mit dem Hahn-Schwein-Motiv tätowieren, denn dass ein Seemann schwimmen konnte, war früher nicht die Regel.

Verbreitung: Bis ins frühe 19. Jahrhundert war es üblich, lebende Hühner und Schweine zur Frischfleischversorgung auf den Segelschiffen mitzuführen. Die Sitte, sich diese beiden Glücksbringer tätowieren zu lassen, blieb aber auch noch mit Einzug der Dampfschiffe und besserer Kühlmöglichkeiten für den Proviant erhalten. Wieder einmal ist es ein Flash des Tätowierers Sailor Jerry Collins, das zeigt, dass dieses Motiv bis in die 60er Jahre zumindest angeboten wurde. Heute finden sogar Landratten wieder Gefallen an dieser Tätowierung, deren Bedeutung und Erklärung zum einen skurril, und zum anderen nur wenigen bekannt ist, was Erklärbären damit eine Möglichkeit zum Referieren bietet.

Eine witzige Old-School-Variante des Hahn-und-Schwein-Motivs vonHan (King of Kings Old School, Stuttgart).

Am Rande: Interessant ist auch die Variante, sich das Schwein aufs linke Knie tätowieren zu lassen und den Hahn auf den rechten Fuß:
»Pig on the knee, safety at sea,
A cock on the right, never lose a fight.«

Im Deutschen reimt sich das leider nicht so gut:
»Ein Schwein auf dem Knie, bringt Sicherheit auf See.
Mit einem Hahn auf dem rechten (Fuß), gewinnst du jeden Kampf.«

Text: Heide Heim
Bilder: TM-Archiv

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Stand:17 August 2017 09:53:33/motive/motivklassiker+schwein+und+hahn_173.html