Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife

23.10.2015  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Archiv TätowierMagazin
Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife
Massen-Tattoomotive von Feder über Traumfänger bis Unendlichkeitschleife
Alle Bilder »
Pusteblumen, Infinity-Schleifchen und Traumfänger gelten für viele Tätowierer als Inbegriff der Ideenlosigkeit. Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten. Auch Massenmotive können individuell umgesetzt werden.
Pusteblumen, Infinity-Schleifchen und Traumfänger gelten für viele Tätowierer als Inbegriff der Ideenlosigkeit. Aber auch diese Medaille hat zwei Seiten.
 
»Ich hätte gern so ’ne Pusteblume, und anstatt dieser kleinen Schirmchen sollen da lauter kleine Vogelsilhouetten ’rausfliegen …« Solche Motive sind bei vielen Tätowierern ungefähr so beliebt wie Fußpilz, Ameisen beim Picknick oder wie ein kaputter Fernseher während der Fußball-WM. Ähnlicher (Un)Beliebtheit erfreuen sich Motive wie Traumfänger, Federn, Family-Schriftzüge und vor allem Unendlichkeitsschleifen. Insbesondere diese Unendlichkeitsschleifen sind für viele Tätowierer der Inbegriff der Beliebigkeit, das genaue Gegenteil von dem, was Tattoos sein sollten; individuell, außergewöhnlich, kreativ, unverwechselbar, handgemacht. Stattdessen: umgekippte Achter, ab und an mit Feder-Optik notdürftig aufgepeppt oder mit eingearbeiteten Schriftzügen, die den Anschein von Einmaligkeit vorgaukeln sollen. Massenware statt Individualität, Tattoos von der Stange und Konfektion statt Haute Couture und Maßanfertigung.

Weltweit beliebt! Dekorativ auf den Unterarm platzierte Pusteblume von Adrian Bascur aus dem Studio Nvmen in Viña del Mar in Chile.

Blaue Bananen und Arschgeweihe

Das Phänomen ist nicht neu. In den späten 80ern waren es die Delfine, die in manchen Studios beinahe fließbandmäßig gestochen wurden und in Tätowiererkreisen nur noch abschätzig als »blaue Bananen« bezeichnet wurden. Die Gesamtlänge aller Stacheldraht-Armband-Tattoos, die in den 90ern tätowiert wurden, nachdem Baywatch-Star Pamela Anderson sich ein solches hatte stechen lassen, hätte wahrscheinlich bis zum Mond und wieder zurück gereicht. Dann kam die Invasion der China-Zeichen, dann die Steißbeintribals, die rasch als »Arschgeweih« in Verruf gerieten, und danach die Sternchen, die mit den unglaublichsten Bedeutungen auf- oder eher überladen wurden. Und immer wurden die, die solche Massenmotive trugen, von denen belächelt, die die »richtigen« Tattoos trugen, also die wirklich originellen Motive. Wie zum Beispiel Totenköppe. Oder Drachen. Oder Anker. Oder Tiger. Oder Schwalben … Also die Motive mit absolutem Seltenheitswert eben, die praktisch wirklich niemand trägt.
 
Eine umgekippte Acht bleibt eben ’ne umgekippte Acht

So, jetzt mal den Ironie-Modus auf »Aus« gestellt; ein Totenschädel ist natürlich absolut nicht originell. Genausowenig wie ein Drache als Motiv wahnsinnigeinfallsreich ist oder ein Anker. Was also veranlasst manche dazu zu glauben, diese Motive seien in irgendeiner Weise »besser« als ein chinesisches Schriftzeichen oder ein Violinschlüssel hinterm Ohr? Gut, ein Unterschied besteht sicher darin, dass man einen Totenkopf oder einen Tiger in nahezu unendlich vielen Stilvarianten, Ansichten und Kolorierungen gestalten und somit individualisieren kann. Eine umgekippte Acht dagegen bleibt halt ’ne umgekippte Acht. Oder? Auch die Unendlichkeitsschleife kann man durchaus aufhübschen und mit individuellen Attributen personalisieren – beziehungsweise: man könnte.

Denn an diesem Punkt beißt sich die Geschichte ein wenig selbst in den Schwanz: die Tätowierer, die über genug Kreativität und Ideenreichtum verfügen würden, um aus vermeintlichen Massenmotiven wie Federn und Traumfängern, Unendlichkeitsschleifen und Pusteblumen wirklich interessante Unikate zu entwickeln, winken meist schon ab, bevor potentielle Kunden »Pustebl …« oder »Traumf …« sagen können. Und verweisen dann an einen Kollegen, der so etwas »sehr gern macht«, einfach, um die ungeliebten Aufträge an den Tätowierer um die Ecke abzudrücken. Und dieser Kollege ist dann eben nicht selten einer, der einfach ein paar kopierte Seiten mit 08/15-Versionen eben dieser Standardmotive bereithält, aus denen sich der Kunde eines aussuchen darf, das er dann so – oder zumindest so ähnlich – tätowiert bekommt.

Traumfänger-Tattoo von RO, Black Works Tattoo, Stockholm SE.

Simple Designs, anspruchsvoll umgesetzt

Der Knackpunkt ist also nicht das Motiv; es ist die Frage, ob sich jemand die Mühe macht, den Kundenwunsch anspruchsvoll als Tattoo umzusetzen – oder den Kunden einfach an das Studio um die Ecke abwälzt, wo er dann eben tatsächlich einen Massenstempel erhält.

Zumal die Komplexität oder Schlichtheit eines Symbols – und um nichts anderes handelt es sich letzten Endes bei einer Tätowierung – auch rein gar nichts über seinen Inhalt, seine Bedeutung oder seine Wichtigkeit aussagt. Denn beispielsweise das wichtigste, bedeutungsvollste und auch verbreitetste Symbol der Menschheit ist zugleich auch das einfachste, das man sich denken kann: zwei Linien, die sich im rechten Winkel treffen – das Kreuz – war nicht erst seit dem Christentum das Symbol, das sich zu allen Zeiten und in allen Kulturen der Menschheitsgeschichte am häufigsten fand. Und obwohl das Grundgerüst des Kreuzes an Schlichtheit allenfalls noch von einer Linie oder einem Punkt unterboten werden könnte, fanden kreative Künstler auf der ganzen Welt unendlich viele Möglichkeiten, dieses vermeintlich öde und langweilige Design auf interessante Art und Weise auszugestalten. Das geht natürlich mit etwas Mühe auch mit anderen, vermeintlich langweiligen Designs.

Auf dem Cover ihres neuen Albums »Unendlich« zeigt die Mittelalter-Folk-Band Schandmaul das Motiv, das für viele Tätowierer als Synonym für Ideenlosigkeit schlechthin gilt, in erstaunlich schicker und kreativer Umsetzung. Und auch die schottische Destillerie Ardbeg wählte als Motiv für die Sonderabfüllung zu ihrem 200. Jubiläumswhisky »Perpetuum« die »umgekippte Acht« – mit keltischem Flechtwerk verziert und optisch durchaus ansprechend.

Unendlichkeitsschleife mit Herzschlags-Kurve und Schriftzug von Mariusz Kacsmarek aus dem LÜ Ink. House of Tattoo in Lüdenscheid.
 
Ungenutztes Potential

Da drängt sich die Frage natürlich geradezu auf, wo denn die Wurzel der Ideenlosigkeit zu suchen ist? Bei wem liegt denn die Bringschuld für Kreativität einer Tätowierung – beim Kunden oder vielleicht nicht doch eher beim Tätowierer? Die Beispiele zeigen, dass kreative Köpfe in Bereichen, in denen die bei uns in der Tattooszene mitleidig belächelte Infinity-Schleife nicht vom Makel der Beliebigkeit behaftet ist, durchaus in der Lage sind, dieses Symbol interessant zu gestalten. Warum also wird dieses Motiv in unserer Szene nur mit der Kneifzange angefasst?

Denn auch der Vorwurf des »Modetattoos« ist diesem und anderen Designs wie Pusteblumen, Federn und Traumfängern gegenüber recht windelweich; klar sind es ebenso Trendtattoos wie es früher die blauen Bananen, Stacheldraht-Armbänder und China-Zeichen waren. Aber dasselbe lässt sich natürlich auch für Sugarskulls, Eulen und Winkekatzen sagen, die vor ein paar Jahren der heiße Shit waren und inzwischen wieder in der Versenkung verschwunden sind.

Unterm Strich bleibt zu konstatieren, dass natürlich der dutzendweise Anblick nahezu identischer Motive recht dröge ist und es schade ist, dass man aus dem Potential, das auch einfache Designs durchaus bieten, nicht mehr herausholt. Die Aufgabe, diese ansprechender zu gestalten, geht an die Tätowierer, aber auch die Kunden sind damit nicht aus der Pflicht genommen; schließlich steht es in ihrer Verantwortung, sich nicht mit dem erstbesten Massenbildchen zufrieden zu geben. Am Ende gilt: Jeder bekommt das Tattoo, das er verdient – im Guten wie im Schlechten.

Auch Federn kann man hübsch tätowieren. Diese wurde von Chiuman Emma (Third Eye Tattoo, Melbourne) in ihrem sehr individuellen Stil gestochen.
Szeneshop-Angebote
Speedrocker V8 Wankers

Speedrocker V8 Wankers

 

Gegründet im Jahr 2000, können die Offenbacher Kult-Speedrocker V8 Wankers nun auf 15 Jahre Bandgeschichte zurückblicken. Zum 15-Jährigen erzählt Frontmann…

Das etwas andere Cover-up: Blast over!

Das etwas andere Cover-up: Blast over!

 

Ein Blast-over ist eine Cover-up-Variante für Tätowierungen, die im eigentlichen Sinne gar keine ist: Das neue Tattoo wird über das alte gestochen, ohne…

Endlich Sommer - Tattoomotive mit Sommerfeeling!

Endlich Sommer - Tattoomotive mit Sommerfeeling!

 

Eigentlich braucht jeder ein Sommertattoo! Ein Bild, das die Erinnerungen an die schönste Jahreszeit wachhält.

Max Laloi gefällt … das Schädeltattoo von Christian Otto.

Max Laloi gefällt … das Schädeltattoo von Christian Otto.

 

Tätowierer haben naturgemäß einen kritisch-professionellen Blick auf die Arbeiten anderer Tätowierer. Wir fragen Tattookünstler, welches Werk von Kollegen…

Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich

Der Heilige Gral - das Original-Vorlagenalbum des Tätowierers Christian Wahrlich

 

Über fünfzig Jahre nach dem Tod von Christian Warlich rückt das Lebenswerk der Hamburger Tätowierers wieder in den Blickpunkt der Szene. Mit dazu beigetragen…

Tattoo Starlet 2016: Sara Surprisink

Tattoo Starlet 2016: Sara Surprisink

 

Sara Surprisink wurde auf der Tattoo Expo Leipzig zum TATTOO STARLET 2016 gekürt. Wir sprachen mit der 24-Jährigen über den Wahlsieg, Modelaufträge und…

Tattoo-Lexikon

Tattoo-Lexikon

 

Was ist ein Blast-over, ein Whip-Shading, Magnum-Nadeln? Fachbegriffe, meist aus dem Englischen übernommen, dominieren den Sprachgebrauch in der Tattooszene.…

Alles so süß hier! Süße Tattoo-Motive der japanischen Kawaii-Kultur

Alles so süß hier! Süße Tattoo-Motive der japanischen Kawaii-Kultur

 

Süße Tattoo-Motive sind auch bei Erwachsenen angesagt. In Japan hat die Kultur des Verniedlichens einen Namen: Kawaii. Bei uns werden sogenannte Kidults,…

So wird das Tattoo-Jahr 2015

So wird das Tattoo-Jahr 2015

 

Ein Ausblick auf das Tattoo-Jahr 2015: Welche Tattoo-Stile und Motive beherrschen die Szene, welche Entwicklungen kommen und welche Erwartungen Hoffnungen…

Wahnsinn mit Methode – Tätowiererin Shell Valentine

Wahnsinn mit Methode – Tätowiererin Shell Valentine

 

Mit einem Farbinferno aus Pink, Türkis und Knallgelb, gerahmt von kräftig schwarzen Outlines, tätowiert Shell Valentine Kawaii-Tattoos, die so schamlos…

Drei zu eins: Ignorant-Style

Drei zu eins: Ignorant-Style

 

In einem spannenden Vergleich widmen wir uns drei Tätowierern, die sich dem Tätowieren auf ganz andere Weise nähern. Im Netz ist an dieser Stelle oft von…

Szeneshop-Angebote
Stand:20 November 2017 13:01:14/motive/massenmotive_1510.html