Landschaftslust - die Landschaft als Tattoomotiv

08.08.2015  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: TM und Stefan Gerzoskovitz
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Landschaftslust - die Landschaft als Tattoomotiv
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Almhütte und Gebirgspanorama statt Palmen und Hula-Mädchen. Das Alpenidyll ist mit Bergmassiv, Enzian und Gebirgsbach das neue Sehnsuchtssymbol! Die Entdeckung der Landschaft als Tattoomotiv ist zwar neu, die Hinwendung zur Natur als sinnlicher Ort des Genießens und Verweilens hat jedoch kulturhistorische Paralellen.
Almhütte und Gebirgspanorama statt Palmen und Hula-Mädchen. Das Alpenidyll ist mit Bergmassiv, Enzian und Gebirgsbach das neue Sehnsuchtssymbol! Die Entdeckung der Landschaft als Tattoomotiv ist zwar neu, die  Hinwendung zur Natur als sinnlicher Ort des Genießens und Verweilens hat jedoch kulturhistorische Paralellen.

André Zechmann von AndreArt aus dem österreichischen Gröbming tätowierte eine Landschaft, in der sich auch die Geierwally wohlfühlen würde.

Leonardo da Vinci war Erfinder, Künstler, Universalgelehrter … und irgendwie war er auch Entdecker. Er entdeckte nämlich die Landschaft. Quatsch, werden da viele sagen, die Landschaft braucht man doch nicht zu entdecken, die liegt doch da draußen schon die ganze Zeit rum, da muss man doch bloß mal hingucken. Aber genau das haben die Leute früher eben nicht gemacht: hingeguckt. Sie haben Felder, Hügel, Bäche und Täler natürlich schon gesehen, nur war das eben keine Landschaft für sie. Berge, Wälder und Flüsse waren nicht in erster Linie schön anzuschauen, sondern vor allem eins: im Weg.

Bob Fizz vom Mint Club Tattoo Atelier sticht gern Landschaftsbilder im Dotwork-Stil.

Natur: Als ob das Leben nicht schon schwer genug wäre!

Ob da nun ein Bach auf ihrem Weg lag oder der Rhein, machte für Reisende eigentlich nur insofern einen Unterschied, als man einen Bach durchwaten konnte, den Rhein aber besser nicht. Man kann also davon ausgehen, dass Reisende im Mittelalter (wenn sie nicht gerade mit einem Boot oder Schiff unterwegs waren) den Rhein tendenziell eher als lästig und unnötig empfanden und kaum als ästhetisch ansprechend. Den Wald fand niemand romantisch, denn darin wohnten schließlich die Räuber, und die Räuber versteckten sich ja auch nur im Wald, weil der finster und undurchdringlich war und nicht, weil ihnen die rustikale Lebensart behagte. Berge waren für die Menschen früher eigentlich das größte Landschafts-Arschloch überhaupt, denn da es noch nicht mal Skisport gab, waren sie einfach zu gar nichts zunutze und zwangen Reisende entweder zu unendlich langen Umwegen oder lebensgefährlichen Überquerungen. Für jemanden, der Handel mit den Regionen jenseits der Alpen betrieb, war die ausgedehnte, meist schneebedeckte Gebirgskette wahrscheinlich ungefähr so reizvoll wie ein eingewachsener Zehennagel.

 Noon (on the road) hat seine Landschaft am liebsten geometrisch.

 

Wenn man sie nicht sieht, ist die Landschaft eigentlich gar nicht da

Landschaft ist also so gesehen eigentlich gar nicht wirklich »da«, sie entsteht erst im Auge des Betrachters. Und solange einem nicht wirklich langweilig ist (den meisten Menschen war es während des Mittelalters nicht wirklich langweilig), sieht man landschaftliche Gegebenheiten eher zweckmäßig: Der Wald ist Holzlager und liefert Wild und Pilze, der Fluss ist eine natürliche Grenze, und auf einem Berg kann man eine Festung bauen, weil  man von oben die anrückenden Feinde besser sieht. Man kann auch an Bildern aus dem Mittelalter ganz gut sehen, dass die Maler sich gar nicht erst bemühten, einen bestimmten Berg mit seinen Charakteristiken abzubilden oder einen Fluss mit seinem natürlichen Verlauf darzustellen. Es reichte völlig aus, wenn man erkennen konnte, dass auf einem Bild, das beispielsweise eine Schlacht oder Belagerung zeigte, zu sehen war, ob da auch ein Berg oder ein Fluss war. Und ob das nun der Feldberg oder der Brocken, die Donau oder der Neckar war, ergab sich ja dann eh aus dem Zusammenhang. Landschaft diente der Orientierung oder wurde in strategische Überlegungen einbezogen, aber kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, sie als »schön« oder den Aufenthalt in ihr als »erholsam« zu beschreiben.

Scherenschnitt-artiges Waldbild von Trudy, Tattoo & Art Vienna aus Wien.

Landschaft muss man sich erst mal leisten können

Und Leonardo da Vinci war nun vielleicht einer der Ersten, dem auffiel, dass diese Natur außerhalb der Städte nicht nur im besten Fall nutzbringend und im schlechtesten Fall lästig ist, sondern dass man der Betrachtung von Feldern, Auen und dem Panorama sanft geschwungener Hügel durchaus einen ästhetischen Reiz abgewinnen kann, der sich wohltuend auf den menschlichen Geist auswirkt. Das hat er zwar nicht wörtlich so gesagt, aber seine Zeichnung vom Fluß Arno lässt darauf schließen, dass da Vinci nicht nur stumpf abmalte was er sah, sondern dass er die Ansicht, die er auf Papier bannte, als reizvoll und ansprechend empfand. Diese Zeichnung aus dem Jahr 1473 gilt als erste Zeichnung überhaupt, die den reinen Zweck hat, eine Landschaft darzustellen. Um Landschaft so zu sehen, brauchte man aber eines: Muße. Wer genug Geld hatte, um nicht von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang schuften zu müssen, der empfand es als schick, die Ruhe der Natur zu genießen. Denn in den Städten war es laut und hektisch, zudem stank es ganz erbärmlich, da vielerorts der Inhalt von Latrinen und Nachttöpfen einfach auf die Straße gekippt wurde – man watete also oft im wörtlichen Sinne durch Scheiße. Die Ruhe sowie die Abwesenheit pestilenzartigen Gestanks waren daher unbestreitbare Vorzüge der Natur, und wer sich den Aufenthalt darin leisten konnte, machte von dieser Mögichkeit so oft es ging Gebrauch.

Nächtliches Bergidyll von Sarah, Herzdame Tätowierungen aus Berlin.

Das Genießen von Landschaft bedeutete Erholung, Abgrenzung von der Arbeit. Man begann, Berge und Wälder, Flüsse und Täler nicht mehr nach ihrem Zweck und messbaren Nutzen zu beurteilen, sondern erkannte, dass man Natur um ihrer selbst willen wertschätzen kann. Der Brite George Mallory brachte diese Einstellung zur Natur auf den Punkt, als ein Journalist ihn fragte, warum er denn den Mount Everest erklimmen wolle: »Weil er da ist«, war Mallorys knappe Antwort.

Palmen und Strand werden nach und nach von Bergpanoramen verdrängt: Julian Sautter, King Rich Tattoo, Balingen.

Eulen statt Tiger, Enzian statt Palmen

Ist nun der neue Landschafts-Tattoo-Trend die wiederentdeckte Erkenntnis, dass Erholung auch im Allgäu, im Schwarzwald, der sächsischen Schweiz oder im Harz zu finden ist, und man dafür nicht extra auf eine Baleareninsel fliegen muss, um billigen Rotwein aus Eimern zu saufen? Haben die Hirsche, Füchse, Eulen und andere heimische Tierarten, die sich in den letzten Jahren in Form von Tattoos neue Lebensräume erschlossen haben, den Weg geebnet zum Bekenntnis zum bislang als miefig-spießig verrufenen Alpenidyll als Ideal-landschaft? Oder sind Tätowierungen von »Almhütte mit Gebirgsbach vor Bergmassiv« lediglich trendige Accessoires Friedrichshainer Hipster, die zum lumbersexuellen Vollbart und Karohemd gern ein wenig Almöhi-Chic unter der Epidermis zur Schau stellen, selbst wenn sie ihre schicken Timberland-Boots niemals tatsächlich den Unbillen eines Gewitters im Hochgebirge ausetzen würden? Aber eigentlich ist es ja im Zuge der Suche nach neuen Motiven, die wie beispielsweise Hirsch und Fuchs oder Dachs und Eichhorn näher an der Lebenswirklichkeit hier heimischer Tattoofreunde liegen als Tiger, Löwe, Panter und Adler, die traditionellerweise in den Vorlagenalben der Tattoostudios zu finden waren, nur folgerichtig, dass nun im nächsten Schritt das traditionell-klassische Tattoo-Landschaftsbild von Palmen am Sandstrand von der Berghütte in den Alpen verdrängt wird. Der Neo-Traditionalismus in der Tätowierszene zäumte das Pferd von hinten auf, indem zunächst ein Stil geschaffen wurde und erst im zweiten Schritt Motive erarbeitet wurden, die sich darin sinnvoll integrieren lassen.

Beim Anblick von Miros Tattoo (Tattoo Tomas, Erlangen) will man sofort dieses eine Bier trinken, für das die Männer in der Werbung immer durch den Wald stapfen.

Friedrichshainer Hipster-Fernweh

Und insofern ist es eigentlich auch irrelevant, wie viel Prozent der Alpenidyll-Tattoo-Träger tatsächlich ihren Urlaub damit verbringen, sich auf Geröllpiste die Knöchel zu verstauchen oder zwischen den Kuhfladen glücklicher Kühe Slalom zu laufen. Es war ja auch nicht jeder, der das klischeehafte Sandstrand-mit-Palmen-Emblem tätowiert hat, schon mal auf Tahiti oder Hawaii. Tattoos sind Ausdruck von Sehnsüchten – keine Trophäen im dermalen Urlaubs-Stempelheft. Aber wer weiß, vielleicht kann ja auch das tätowierte Abbild der Blockhütte vorm Großglockner, das vielleicht zunächst nur als Fashion-Statement gedacht war, den Friedrichshainer Hipster eines Tages dann doch dazu veranlassen, den nächsten Urlaub mit Rucksack und Wanderstiefeln zu verbringen? Schließlich kann man Landschaft kaum intensiver genießen als nach einer ausgedehnten Bergwanderung, wenn man bei Brot, Wurst und Käse und einem kalten Bier vor der Berghütte sitzt und der Anblick des Alpenpanoramas im Abendlicht sich wie eine hauchdünn geschnittene Scheibe Schwarzwälder Schinkens auf die Seele legt. Einen Versuch wär’s schon wert.

Sarah von Herzdame Tätowierungen aus Berlin entwarf eine romantische Skater-Landschaft, integriert in eine riesenhafte Blutpumpe.
 
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Stand:16 December 2017 21:21:41/motive/landschaftslust_157.html