Job-Tattoos

28.05.2010  |  Text: Heiko  |   Bilder: TM-Archiv
Job-Tattoos
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Berufsbezogene Tätowierungen gehören sogar zu den allerersten Motiven, die in der Geschichte der westlichen Hautkunst entwickelt wurden. Gegenwärtig erleben Job-Tattoos ein Revival – zeichnet sich hier ein neuer Trend ab?
Die Arbeitswelt und Tattoos, das passt nicht zusammen? Aber ja doch!


Feuerwehr Tattoo
Berufung Feuerwehrmann: Seit 9/11 ist dieses Motiv besonders häufig in den USA zu sehen. Diese Ausführung stammt jedoch aus Ungarn, und zwar von Sándor Pongor, von Painart Tattoo.


Während meiner Ausbildung erklärte mir ein portugiesischer Kollege, den ich auf seine relaxten Interpretationen von Anweisungen aus der Chefetage ansprach: »Heiko … der Deutsche lebt um zu arbeiten, der Portugiese arbeitet um zu leben.« Beim Betrachten der zunehmenden Menge an berufsbezogenen Tattoos, die hier in der TätowierMagazin Redaktion eintrudeln, bin ich fast geneigt ihm zu glauben. Aber nur fast, denn Tätowierungen, die auf den Beruf oder die Berufung des Trägers hinweisen, sind weder ein modernes, noch ein rein deutsches Phänomen.

Koch Tattoo
Kreativer Koch und fürsorgliche Krankenschwester von Fabio Moro, Genua (IT)


Als Kapitän James Cook im Oktober 1774 den Tahitianer Omai von einer seiner Entdeckungsreisen mit zurück nach London brachte, waren Tätowierungen in der westlichen Welt noch weitestgehend unbekannt. Omai, ein Träger des tahitianischen Tataus (der Begriff, aus dem die Engländer das heute gängige Wort »Tattoo« entwickelten), wurde als tahitianischer »Prinz« in die höchsten Schichten der britischen Gesellschaft eingeführt. Hier war er wohl hauptsächlich ein Objekt der Befriedigung von Interessen der Wissenschaft und der Schaulust des Adels – man war fasziniert von den Verzierungen auf Omais Haut, die sich nicht abwaschen ließen. Die Expeditionen zu den Inseln des Süd-Pazifiks intensivierten sich; immer mehr tatauierte Insulaner wurden in die westliche Welt »importiert«. Bald schon fanden sich die tätowierten Exoten nicht nur in den Kreisen der Adeligen wieder, sondern waren in den Zelten und Buden der Schausteller, inmitten von Absonderlichkeiten und Kuriositäten, wie Zwergen, bärtigen Damen und Zauberkünstlern, auch dem gemeinen Volk zugänglich.

Arbeiter Tattoo

Schweißer auf der Haut – Arbeiter-Tätowierung von Bugs, Tattoo Lounge, Los Angeles


Seefahrer, die häufig Kontakt zu »den Wilden« Bewohnern der Inseln hatten, erlagen schnell dem Charme der Tätowierungen. Viele erlernten das Handwerk der Tätowierkunst und verzierten ihre Kameraden auf den Reisen mit Souvenirs. Um so mehr tätowierte Matrosen es gab, desto eindeutiger wurden ihre Tattoos zu einem Zugehörigkeitszeichen unter Seeleuten. Die Motivauswahl entwickelte sich, neben Frauenportraits oder Glücks- und Schutz-Motiven fanden sich auch häufig Motive aus der Seefahrt, wie Anker, Steuerräder oder Schiffe auf der Haut der Matrosen. Die Seeleute waren also die Ersten in der westlichen Welt, die stolz ihre berufsbezogenen Tätowierungen trugen. Auch die auf Jahrmärkten ausgestellten Tätowierten veränderten sich. Zunehmend lösten Europäer die nativen Tätowierten ab. Anfangs waren es so genannte »Runaways«, die vor den unmenschlichen Bedingungen auf Kriegs- oder Handelsschiffen auf Inseln geflüchtet waren und sich tätowieren ließen, um sich den Bräuchen der Einheimischen anzupassen; später entschieden sich Menschen bewusst für einen tätowierten Körper, um mit dem Schaugewerbe ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Zwar hatten ihre Tattoos motivisch wohl eher selten einen Bezug zu ihrem Beruf, dafür war das Tätowiert-sein ihre Berufung.

Tattoo Gun

»Geboren um tätowiert zu werden«, von Fabian Nitz von Outback Tattoo.


In der heutigen Zeit ist die Palette der berufsbezogenen Tätowierungen – oder denjenigen, die auf die Berufung des Trägers hinweisen – breit gefächert. Einige Motive stechen besonders hervor. Die Tattoo-Maschine ist vielleicht so etwas wie das Non-Plus-Ultra unter den Job-Tattoos, schließlich symbolisiert sie auf der Haut eines Tätowierers, dass Tätowieren selbst als seine Berufung. Aber nicht jeder, der eine Tattoo-Maschine trägt, ist deshalb ein aktiver Nadelkünstler. Das Symbol wird häufig auch als Ausdruck ihrer »Tätowiersucht« von stark tätowierten Menschen getragen. Ich musste bei der Auswahl der Fotos für diesen Artikel häufig abwägen, inwieweit eine Tätowierung tatsächlich auf den Beruf oder die Berufung des Trägers hinweist; oft kann dies nur der Träger selbst wirklich sicher wissen. Das Portrait einer Krankenschwester kann beispielsweise wirklich auf einer Krankenschwester – oder einer Person die es als ihre Berufung sieht sich um Menschen zu kümmern oder zu pflegen – tätowiert sein, es kann aber auch genau so gut auf einen Schwestern-Kostüm-Fetisch des Trägers hinweisen. Steht eine Hand, die eine Glühbirne in eine Fassung schraubt, nun für die Arbeit eines Elektroinstallateurs oder für Erleuchtung – oder vielleicht sogar für einen erleuchteten Elektroinstallateur?

Handwerker Tattoo

Miss Nico von All Style Tattoo in Berlin hat diesem Handwerker seinen Beruf auf die Brust gezimmert.


Etwas klarer sind Motive wie Schere und Kamm oder Schere, Nadel und Faden, die auf eine berufene Frisörin oder Schneiderin hinweisen. Häufig gesichtet sind auch Musiker- oder Künstler-Tattoos, auch wenn nicht klar ist, ob die Träger dieser Motive nun wirklich ihren Lebensunterhalt mit diesen Tätigkeiten bestreiten.Man kann sich also nie sicher sein, ob man es mit einem ausgebildeten Mechaniker oder doch nur mit einem Hobby-Schrauber zu tun hat, wenn das Gegenüber eine Zündkerze tätowiert hat; und doch, eine solche Tätowierung zeigt überdeutlich die starke Identifikation des Trägers mit der in die Haut gestochenen Thematik, so dass man getrost von einer Bindung sprechen kann, die als Berufung bezeichnet werden darf.  

Den vollständigen Artikel und alle Bilder findet ihr in der Juni-Ausgabe 2010
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