Japanische Schriftzeichen

Japanische Schriftzeichen
Alle Bilder »
Japanische und chinesische Schriftzeichen rangieren in der Beliebtheitsskala der Tattoo-Motive in der selben Liga wie Delphine und Rosen – aber bedeuten die exotischen Zeichen auch wirklich immer das, was im Motivalbum dabei steht?
Japanische und chinesische Schriftzeichen rangieren in der Beliebtheitsskala der Tattoo-Motive in der selben Liga wie Delphine und Rosen - aber bedeuten die exotischen Zeichen auch wirklich immer das, was im Motivalbum dabei steht?

Ob man sie als "japanische" oder "chinesische" bezeichnet, ist weitestgehend egal, denn obwohl beide Sprachen gar nichts miteinander zu tun haben, bedienen sie sich beide größtenteils der gleichen Schriftzeichen Japanische Schriftzeichen gehören unverzichtbar zur Grundausstattung jeder Tätowiervorlagen-Sammlung. Für die einen sind die schnörkeligen Bilder Einstiegsdroge in die Welt des Tätowierens, andere bedienen sich der exotischen Zeichen als grafische Akzente, die in großflächige japanische Tätowierungen eingebettet werden. Die fremden Schnörkel wirken ähnlich ästhetisch-schlicht und zugleich geheimnisvoll wie die ornamentalen Tribal-Motive, zudem tragen sie noch eine Bedeutung, die in der Regel nur dem Träger und wenigen Sprachkundigen bekannt ist.

 
Drei verschiedene japanische Bezeichnungen für »Tätowierung« (v.o.n.u.): Horimono, Irezumi, Shisei

Ob man die Schriftzeichen übrigens als »japanisch«
oder »chinesisch« bezeichnet, ist weitgehendst egal, denn obwohl die japanische und die chinesische Sprache selbst rein gar nichts miteinander zu tun haben, bedienen sich doch beide größtenteils der gleichen Schriftzeichen. So wird also in beiden Kulturen beispielsweise der Begriff »Liebe« mit demselben Zeichen dargestellt, wobei die Aussprache natürlich jeweils eine völlig andere ist - aber das braucht den Tattoo-Fan, der das Zeichen letzten Endes auf der Haut trägt, freilich nicht zu kümmern.







 

Schlechte Chancen hat »Sie« auf der Singleparty, wenn »Ehefrau« (Abb. links) anstatt des Schriftzeichens für »Frau« (Abb. rechts) zu lesen ist.



Ob die Zeichen aber wirklich das bedeuten,
was in den Vorlagensets als Übersetzung angegeben ist, dürfte den Kunden schon eher interessieren. Denn daß die vermeintliche Übersetzung nicht unbedingt immer dem Bedeutungsinhalt entspricht, den ein Japaner oder ein Chinese mit dem jeweiligen Schriftzeichen verbindet, ist gar nicht so selten. Bestes Beispiel dafür ist ein Schriftzeichen, welches in vielen Vorlagealben als Schriftsymbol für »Frau« ausgewiesen ist. Das ist zwar nicht völlig falsch; allerdings bedeutet das Zeichen »verheiratete Frau«, ist also wohl kaum das Zeichen, das eine junge Frau unbedingt auf dem Schulterblatt tragen möchte. Solche Übersetzungsfehler kommen leicht zustande, wenn Sprachunkundige Eins-zu-Eins Übersetzungen aus dem Wörterbuch vornehmen, denn im Deutschen kann das Wort »Frau« ja sowohl die Frau im biologischen Sinne wie auch die Ehefrau meinen - im Japanischen klappt dieses Doppelbedeutung nicht, beide Begriffe sind klar voneinander getrennt. Eine tätowierte Zeichenkombination aus »Frau« und »Kraft«, wie sie Spicegirl Mel C. (mit dem korrekten Zeichen) am Oberarm trägt, bedeutet damit dann eben nicht mehr »Frauenpower« sondern »Ehefrauenpower«. Den selben Übersetzungsfehler kann man in einigen Vorlagensets auch bei den Zeichen für »Mann« und »Ehemann« respektive »Gatte« beobachten.

Nur dekorative Kalligrafie oder Statement?

Die nächste Fehlerquelle
beim Tätowieren eines Schriftzeichens ist das Orientierungsproblem: Wo ist bei dem Teil oben und unten, wo rechts und links? Besonders problematisch wird es, wenn Klebe-Tattoos mit Schriftzeichen als Tattoo-Vorlagen benutzt werden, denn je nach Art der Applikation werden die Klebebildchen ja seitenverkehrt auf die Haut gepappt. Nun stellt sich die Frage, ob die Herstellerfirma das bei der Produktion bedacht hat und die Zeichen schon vorab gespiegelt hat, oder ob dieses Problem bei der Herstellung der Aufkleber ignoriert wurde. Beide Varianten befinden sich im Handel und je nachdem müssen die Zeichen natürlich, sollen sie als Muster für eine »echte« Tätowierung herhalten, entweder nochmals zurück gespiegelt oder aber original übernommen werden. Schlecht bedient wäre auch unser Grafiker Ingo, würde er sich das Schriftzeichen tätowieren lassen, das auf seinem Sweatshirt abgedruckt ist - das steht nämlich auf dem Kopf. Mal ganz abgesehen davon, daß es »Bein« bedeutet. Aber es gibt ja auch zahlreiche Tattoo-Kunden, denen die Bedeutung ihrer Schriftzeichen-Tätowierung völlig egal ist. Lesen kann das eh keiner, ist dazu die Einstellung, Hauptsache das Zeichen sieht hübsch aus. Auch einer jungen Dame, die ich bei der Convention in Berlin darauf aufmerksam machte, daß die Zeichen, die sie sich tätowieren lassen wollte mit »Lang lebe der Kaiser!« zu übersetzen seien, war die Bedeutung der fremden Symbole ziemlich gleichgültig.

Die Wahl des richtigen Schriftstils ist für Europäer schwer zu beurteilen

Aber Bedeutung hin oder her,
der Sinn hinter den Zeichen ist nur ein Teil der Tätowierung. Mindestens ebenso wichtig: Wie sieht das Schriftzeichen aus? Denn natürlich gibt es auch im Japanischen bzw. Chinesischen die unterschiedlichsten Schriftstile. Zum Vergleich: Wer sich den Schriftzug »Bastard« über den Bauch tätowieren lassen will, wählt dazu in der Regel eine grafisch interessante Schrift wie z.B. eine fette Frakturschrift oder auch ein verschnörkeltes Graffiti-Lettering - aber kaum jemand würde dazu so sachlich-formelle Schriftstile wie »Times« oder »Helvetica« verwenden. Hingegen kann man bei den Schriftzeichen, die sich in den Motivbüchern einiger Tattoostudios finden, oft noch von einem Schriftstil sprechen; mit lieblos zusammengekritzelten Strichen, kaum noch lesbar, beleidigen die Schriftzeichen das Auge des Unglücklichen, der das Gekrakel gerade noch entziffern kann. Wer freilich nichts über Zusammensetzung und Aufbau der Schriftzeichen weiß, tut sich natürlich schwer damit zu beurteilen, bei welcher Schriftvariation das Symbol in seinen Proportionen nun stimmt und bei welcher nicht.

Links: Glück soll das Schriftzeichen links seinem Träger bringen! Rechts: Tiger mit passendem Schriftzeichen. Tattoo von Robert Atkinson (Los Angeles).

Die Suche nach dem richtigen Zeichen

Aber wie und wo findet man denn nun
sein persönliches Schriftzeichen-Tattoo? Einige der beliebtesten Zeichen zeigen wir euch auf diesen Seiten. Dazu haben wir eine schwungvolle, aber nicht zu verspielte Pinselschrift gewählt. Aber natürlich gibt es noch eine Vielzahl von Zeichen, die wir schon aus Platzgründen hier nicht darstellen können. Aufdrucke auf Textilien sind - wie bereits oben erwähnt - mit Vorsicht zu genießen. Während die Zeichen auf dem T-Shirt der Marke »Angels« tatsächlich »Engel« bedeuten, haben diejenigen, die sich ihr Motiv von den bedruckten Doppelschlafsäcken der Versandfirma »Louis« kopieren, die Arschkarte gezogen. Zwar bedeuten die Zeichen auf dem Pärchen-Schlafsack wirklich »Mann« und »Frau«, wie in der Erklärung angegeben - nur eben für das jeweils andere Schriftzeichen.

Freund,Drache, Fröhlichkeit
Geist/Energie, Traum, Harmonie
Leben, Tod, Tiger
Mut, Glück, Kraft













 
 
 













Postkarten mit Schriftzeichen-Motiven
sind als Tattoo-Vorlagen recht gut geeignet, da die Zeichen oft in sehr schönen Kalligraphien geschrieben und in der Regel auch korrekt übersetzt sind. Eine weitere Möglichkeit, an das persönliche Wunschzeichen zu gelangen, besteht darin, es sich von einem Japaner oder Chinesen individuell pinseln zu lassen. Oft findet man in den Fußgängerzonen größerer Städte oder auch auf Jahrmärkten Asiaten, die solche Dienste anbieten - auch auf der Frankfurter Tattoo-Convention war dieses Jahr ein koreanischer Künstler anwesend, der auf Wunsch individuelle »Schriftbilder« malte. Natürlich könnt ihr auch im China-Restaurant um die Ecke mal nachfragen, ob dort jemand in der Lage ist, euch eine schöne Kalligraphie anzufertigen.

In den Bibliotheken der Universitäten, die die Studiengänge Japanologie und Sinologie (China-Wissenschaften) anbieten, findet ihr in der Regel auch verschiedenste Lexika, in denen sich alle gebräuchlichen Zeichen der chinesischen und japanischen Schrift nachschlagen lassen. In speziellen Kalligraphie-Lexika findet man sogar antike Schriftvarianten der heute gebräuchlichen Zeichen, beispielsweise aus alten Schriften oder Steingravuren. Für den Laien ist die Handhabung dieser Lexika zwar kaum möglich, vielleicht ist aber der eine oder andere Student bereit, euch bei der Suche zu helfen.

Wie bei allen Tattoo-Motiven gilt auch hier: Wer sich mit irgendeinem Schriftzeichen zufriedengibt, wird recht schnell in den Vorlagealben des nächsten Tattoo-Studios fündig - wenn ihr etwas Ausgefalleneres sucht, müßt ihr eben auch etwas mehr Recherche betreiben. Dafür habt ihr dann eben auch ein exklusives, individuelles Schriftzeichen auf der Haut.

Text: Dirk-Boris Rödel
Szeneshop-Angebote
Dead Fish Art Project

Dead Fish Art Project

 

Die charmanten Fischköppe vom Berliner Tattoostudio »Für Immer« kleckern nicht, sondern klotzen, und präsentierten mit dem »Dead Fish Art Project« eine…

Drei zu eins: Ignorant-Style

Drei zu eins: Ignorant-Style

 

In einem spannenden Vergleich widmen wir uns drei Tätowierern, die sich dem Tätowieren auf ganz andere Weise nähern. Im Netz ist an dieser Stelle oft von…

Von Elfenohren und anderen Körperidealen

Von Elfenohren und anderen Körperidealen

 

Alternativemodel Hedwig von Hohenstein erzählt, wie sie mit 18 Jahren anfing, ihr Äußeres nach ihren Vorstellungen zu verändern und wie sie heute mit Ehemann…

Tattoo-Party am Millerntor

Tattoo-Party am Millerntor

 

Die Hamburger Ink & Ride ist eine Veranstaltung, die den Rahmen normaler Tattooconventions sprengt – das kommt besonders beim jungen Publikum gut an! Wir…

Realistic-Tattoos von Naktata aus Neuss

Realistic-Tattoos von Naktata aus Neuss

 

Auf der Dortmunder Convention gewann der charismatische Tätowierer Nakata den Preis für »Best Realistic«, für »Best of Saturday« sowie für »Best of Sunday«…

The Sinner and the Saint wird 20 Jahre alt

The Sinner and the Saint wird 20 Jahre alt

 

Zwanzig Jahre Liebe und Leidenschaft: Das Studio »The Sinner and the Saint« von Andreas Coenen feiert am 1. November sein zwanzigjähriges Bestehen. Wie…

Keine Porno-Tattoos, sondern Shunga!

Keine Porno-Tattoos, sondern Shunga!

 

Tattoos mit sexuellen Anspielungen sind keine Erfindung unserer mehr oder weniger aufgeklärten Gesellschaft. Schon vor über dreihundert Jahren haben die…

Maurice, Klobürstenmotiv-Träger und Hochzeitsfotograf

Maurice, Klobürstenmotiv-Träger und Hochzeitsfotograf

 

So außergewöhnlich wie Maurices Tätowierungen, sind auch die Hochzeitsfotos, die er zusammen mit seiner Verlobten Caro macht. Wir stellen den Fotografen,…

Europas brutalste Hardcore-Formation: NASTY

Europas brutalste Hardcore-Formation: NASTY

 

»Four dudes doing fucked up music for a fucked up world.« So beschreibt die Band Nasty sich selbst. Nasty, das ist die härteste Hardcore-Beatdown-Band…

Darkwork Tattoos by Ela Pour

Darkwork Tattoos by Ela Pour

 

Märchenhaft, düster und verspielt, ohne dabei kitschig zu wirken – das sind die Tattoos von Ela Pour. Die Berliner Tätowiererin betreibt mit »Pechschwarz«…

Drei verschiedene Tätowierer, ein gemeinsamer Stil: Diesmal: Farbrealistic

Drei verschiedene Tätowierer, ein gemeinsamer Stil: Diesmal: Farbrealistic

 

Drei Tätowierer, ein Stilschwerpunkt. In dieser Ausgabe erklären uns David Giersch, Marco Klose und Michel »Mitch« Schwarzenberger ihre unterschiedlichen…

Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen

Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen

 

In ihrer monatlichen Kolumne »Die Kippe danach« schreibt Autorin Mimi Erhardt, Boss Lady des Sexblogs Mimi&Käthe, über kuriose Geschichten und Beobachtungen…

Szeneshop-Angebote
Stand:22 November 2017 08:09:33/motive/japanische+schriftzeichen_081.html