Jagd durch die Wolken: Die Drachentattoos von Mick aus der Schweiz

29.01.2016  |  Interview: Pascal Bagot (Instagram: @pascalbagot), Übersetzung: Heide Heim  |   Bilder: Pascal Bagot
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Jagd durch die Wolken: Die Drachentattoos von Mick aus der Schweiz
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Er gilt als der Meister der Drachen: Mick hat japanische Drachenmotive zum zentralen Thema seiner künstlerischen Arbeit gemacht, sowohl auf Leinwand als auch auf der Haut.
Das Malen und Tätowieren von Drachen scheint eine alte Leidenschaft von dir zu sein. Wann fing das an?
Das erste Mal kam ich durch meinen Großvater mit Drachen in Berührung. Er war Bühnenbildner im Opernhaus Zürich, und als ich ihn besuchte, arbeitete er gerade an der Kulisse für Mozarts Zauberflöte. Hinter der Bühne zeigte er mir einen zwei Meter großen Drachenkopf. Ich war fasziniert. Als ich anfing, mich für Tattoos zu interessieren, fühlte ich mich von den asiatischen Flashes besonders angezogen. Ich fuhr damals zu Dennis Cockell nach London, um mir kleinere Tattoos stechen zu lassen. Dennis tätowierte im asiatischen Stil und dominierte neben George Bone und Lal Hardy in den frühen 80er Jahren die Londoner Tattooszene.
 
Hast du damals schon ein Drachentattoo bekommen?
Ich hatte einen kleinen Drachenkopf am Oberarm, den mir Jock aus London in Kings Cross gestochen hat. Ich hab es von Marco Leoni aus Brasilien covern lassen. Das war keine falsche Entscheidung, aber ich bedauere, dass ich mich nicht noch einmal vor seinem Tod im Jahr 1995 von ihm hab tätowieren lassen.

»Das Drachenmotiv passt zum Körper, es fließt darauf«, meint Mick und belegt seine Aussage mit Tattoos wie diesem.

Wann hast du dich für Asia-Style entschieden?
Schon ziemlich von Anfang an. Japanische Tätowierungen haben etwas Besonderes: vom Aufbau des Designs, der richtigen Balance, der darin liegenden Harmonie, der Einfachheit bei maximalem Ausdruck.
 
Arbeitest du ausschließlich im japanischen Stil?
Erst seit ein paar Jahren habe ich den Luxus, nur noch japanisch zu arbeiten. In der letzten Woche habe ich ein Sailor-Jerry-Flash-Tattoo gestochen. Das hat viel Spaß gemacht, aber es ist nicht das, was ich jeden Tag tun wollte. Viele Tattoosammler verbinden ihre mit Einzeltätowierungen bedeckten Arme mit einem japanischen Hintergrund. Und in den meisten Fällen sieht das gut aus, selbst wenn nicht ein einziges japanisches Motiv dabei ist.

Warum magst du das Drachenmotiv so sehr?
Es ist sehr dekorativ und als Tattoodesign geeignet. Es passt zum Körper, es fließt darauf. Man kann bei der Umsetzung sehr kreativ sein und wenn man will, ihm auch fünf Beine machen. Wer kann dir ein Polaroidbild von einem Drachen zeigen, den er im Keller hält? Am besten gefällt mir, wenn ein Kunde sagt: »Ist ein richtiger Drache denn nicht grün?« (lacht). Ich mache jeden Drachen ein bisschen anders, das macht die Sache auch interessant für mich.

Dass Micks Drachengemälde und Drachentattoos unterscheiden sich. Bei seinen Gemälden hat er eine andere Vorgehensweise: »Ich beginne mit den Farben und dem Wolkenhintergrund und dann fange ich an, den Drachen darin zu sehen und ihn erscheinen zu lassen.«

Malst und tätowierst du Drachen in der gleichen Art?
Nein. Technisch sind sie vollständig unterschiedlich aufgebaut. Wenn ich Drachen male, mache ich keine Vorzeichnungen. Ich beginne mit den Farben und dem Wolkenhintergrund und dann fange ich an, den Drachen darin zu sehen und ihn erscheinen zu lassen. Dann kristallisiert sich die Form und Bewegung heraus und alles kommt, wie es kommt. Beim Tätowieren ist es anders, da brauche ich die Vorbereitung, auch, damit ich das Tattoo in einer angemessenen Zeit tätowieren kann.
 
Deine gemalten Drachen sehen ganz anders aus als deine tätowierten. Wie erklärst du dir das?
Du kannst auf der Leinwand Dinge tun, die sich für die Haut nicht eignen. Auf Leinwand kannst du frei experimentieren, kannst neue Formen finden, und manchmal kannst du diese auch auf ein Tattoodesign übertragen. Das Wichtigste bei einem Tattoo ist die Lesbarkeit, auch auf ein paar Meter Entfernung sollte der Betrachter erkennen, was vor sich geht.

Ich bin stärker daran interessiert, dass die Tätowierungen halten. Ich glaube nach wie vor an den klassischen Aufbau einer Tätowierung mit kräftigen Outlines. Heute betrachte ich Arbeiten von mir von vor zwanzig  Jahren und sehe, was mit den Linien passiert ist, von denen ich damals überzeugt war, dass sie nicht auslaufen. Sorry Leute, sind sie aber. Linien wachsen und werden breiter. Heute beziehe ich diesen Effekt stärker in meine Überlegungen ein. Auch gibt es einen großen Unterschied zwischen japanischen und westlichen Tätowierungen: Japanische Tätowierungen werden mit dem Alter besser, während westliche Tätowierungen ihren Höhepunkt haben, wenn sie gerade abgeheilt sind. Von diesem Zeitpunkt an verblassen sie. Die Oldschool-Leute haben es immer wieder gesagt und wir haben es nicht geglaubt: »Bold will hold«.

Mick hat sich intensiv mit Drachenzeichnungen in japanischen Tempeln auseinandergesetzt, um zu seinem Stil zu finden.

Wie haben sich deine Drachen in all den Jahren verändert?
Ich bin nach Japan gegangen und habe dort die Drachengemälde in den Tempeln gesehen. Das sind meine Favoriten und sie halfen mir den Stil zu finden, nachdem ich suchte: meinen eigenen. Ein ganz einfacher Drache, den die meisten sicherlich nicht beachten, befindet sich im Tokioter Stadtteil Asakusa. Direkt vor dem Haupttempel »Sensô-Ji« steht die Drachenkönig-Statue, und direkt darüber sieht man an der Decke diesen Drachen, der mich dazu inspiriert hat, Drachen zu zeichnen. Ich dachte »Mensch, das ähnelt ja den Sachen, die ich als Theatermaler gelernt habe«. Es gibt ganz viele Drachen in dieser Art, Kyoto ist voll davon. Ohne das Original studiert zu haben, könnte ich nicht das machen, was ich heute mache.
 
Was hat noch Einfluss auf deine Arbeit?
Wolken. Hier auf dem Land in der Schweiz ist irgendwo immer eine Wolke am Himmel. Wenn du sie verfolgst, wird daraus ein schöner Drachenkopf. Ich forme viele meiner Drachen nach den Wolken. Holzstücke haben manchmal auch die Struktur von Drachenhaut. Der Stamm mancher Bäume hat manchmal Verwachsungen, die aussehen, als würde darin ein Drache liegen. Ich beziehe viel Inspiration aus der Natur, er ist ja das Tier, das alle vier Elemente in sich vereinigt.

Wie eng näherst du dich der japanischen Kunst an?
Beim Tätowieren versuche ich den Ausdruck der authentischen japanischen Arbeit zu bewahren. Das braucht eine lange Zeit. Ich musste lernen, mehr Schwarz zu benutzen. Meine älteren Arbeiten waren viel zu hell und Grau, um authentisch auszusehen. Die leuchtenden Farben japanischer Tätowierungen sind so auffällig, weil so viel Schwarz im Hintergrund ist.

Micks Drachen sind wild und zeichnen sich durch einen Schuss Wahnsinn aus.

Die alten japanischen Tätowierungen sind rein mit Schwarz schattiert …
Selbst auf handflächengroße Hautstellen wurde reines Schwarz verwendet. Dafür brauchst du richtig Eier in der Hose, um dich das zu wagen; mit Schwarz gibt es keinen Weg zurück!  Der Hauptunterschied liegt darin, dass die Haut der Japaner anders ist als die von Weißen und das samtige Aussehen des Graus, das du bei original japanischen Tätowierungen hast, ist ziemlich schwer auf der Haut von Menschen aus dem Westen zu machen.

Was ist das Besondere an japanischen Drachen?
Sie sehen in meinen Augen sehr präzise und fehlerfrei aus. Chinesische Drachen sind sehr ornamental und auch dekorativer, aber die japanischen … sie wirken, als wären sie lebendig und real, als würden sie gerade vor einem auftauchen, yeah!

Es gibt eine Sache, anhand der ich deine Drachen sofort identifizieren kann: die Augen!
Die Augen geben dem Ganzen Leben. Anfangs wollte ich den Drachen keine Pupillen machen, damit dem Betrachter die Freiheit zur Interpretation bleibt, wohin der Kerl gerade schaut. Vielleicht wollte ich nicht zu stark vorbestimmen, was der Drache macht, aber jetzt will ich gerade das.

Was wäre für dich der perfekte Drache?
Wenn ich dächte, dass ich den perfekten Drachen geschaffen habe, würde ich etwas anderes machen. Der perfekte Drachen, pffff, das passiert nie!
 
Mick Tattoo
Heidenerstrasse 65
CH-9038 Rehetobel
Tel.: +41-(0)44-262 66 20

Kunstdrucke von Micks Arbeiten sind bei www.kintaro-publishing.com erhältlich, Originale werden bei der Online-Galerie von HEY!-Magazine auf www.artjaws.com angeboten.

Inspiration für Drachen findet Mick auch in der Natur – und davon gibt es in der Schweiz ja genug!
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