Flower Power: Blumen- und Blütenmotive

26.02.2016  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar und Heide Heim   |   Bilder: TM-Archiv
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Flower Power: Blumen- und Blütenmotive
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Blumen sind beliebte Motive in der bildenden Kunst, so auch beim Tätowieren. Grund: Sie stecken erstens voller Symbolik und sind zweitens enorm farbgewaltig. Und auch in allen stilistischen Variationen umzusetzen; wir geben die Erklärung aktueller Tätowierstile und ihre Besonderheiten anhand der Flower Power.
Die Blumen waren ihm alles. Nachdem Claude Monet Ende des 19. Jahrhunderts ein großes Grundstück in Giverny in der Normandie gekauft hatte, ließ er alle Bäume fällen, damit das Licht schattenfrei auf die Blütenpracht schien. Auch der Staub der nahegelegenen Schotterstraße sollte sein gedeihendes Bukett aus teils exotischen Pflänzlein nicht trüben – er ließ den Weg kurzerhand asphaltieren. Sechs Gärtner beschäftigte Monet für seinen farbenreichen Garten, einen davon allein für den japanischen Seerosenteich mit Brücke. Gemälde von Wasserpflanzen und Übergang gehören heute zu den berühmtesten Werken des Malers, der auch der Namensgeber des Impressionismus ist. Obwohl andere Künstler wie Édouard Manet mit diesem Stil bereits viele Jahre zuvor begonnen hatten, war Moents Werk »Impression – Sonnenaufgang« 1872 namensgebend und es brauchte seine Blumenbilder, um sichtbar zu machen, welche Kraft sich im neuen und zunächst belächelten Stil verbarg.

Der Künstler wollte gar nicht Gegenstände wirklichkeitsnah abbilden, sondern die faszinierende Wirkung der Farben in einem kleinen Moment festhalten. Räumliche Darstellung, Perspektive und Umriss traten zurück vor dem farbgewaltigen Eindruck, den eine Landschaft im Licht erweckte und den Monet einzufangen versuchte. Er selbst sprach lieber von »instantanéité«, von »Augenblicklichkeit«, als von Impressionismus. Dass seine Bilder mit den Jahren immer abstrakter wurden, lag allerdings womöglich einfach an seinem körperlichen Gebrechen: Claude Monet, dem die Form im Bild immer unwichtiger war als die Farbe, litt zum Ende seines Lebens am Grauen Star. Für ihn verschwanden die Umrisse völlig.
 
Dotwork-Mandala von Sonja, Punktum Tattoo, Hamburg.

Mandalas

Eine gegenwärtige beliebte Strömung ist das Tätowieren von Mandalas, also fernöstlich-spiritueller Symbole, die blütenförmig auf ein Zentrum ausgerichtet sind. Mandalas werden meist schwarz gestochen, oft als Kombination aus Line- und Dotwork. Mit den in unterschiedlichen Abständen tätowierten Punkten entstehen Verläufe, die leicht auf der Haut wirken, da zwischen den Punkten immer auch mehr oder weniger viel Haut durchscheint. Dotwork erfordert aber auch viel Können: Sind die Abstände zwischen den Punkten nicht gleichmäßig, ist die Wirkung dahin und das Tattoo wirkt unsauber. Sind die Punkte zu dicht gesetzt, verlaufen sie mit der Zeit und verschmelzen zu einem Farbbrei. Liegen sie zu weit auseinander, erscheint das Bild unklar und verwaschen. Häufig werden Bereiche, die dunkler wirken sollen – wie auch hier – unterschattiert. Für mehr Gefühl beim Stechen arbeiten viele Dotworker mit der Hand.

Traditional in Schwarz von Chaim Machlev, Dots To Lines, Berlin.

Traditional

Nicht immer sind Tattoos lupenrein einem Stil zuzuordnen. Nur auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Black-and-Grey-Arbeit, das ornamentale, vom Jugendstil inspirierte Motiv folgt jedoch in der technischen Ausführung den Grundprinzipien eines Traditionals: kräftiges, in einer Linienstärke ausgeführtes Linework und Schattierung mittels Whip-Shading. Diese traditionelle Schattierungstechnik mit reinem Schwarz erweckt beim flüchtigen Betrachten den Eindruck, insbesondere wenn es sich um eine frisch gestochene Tätowierung handelt, als hätte der Tätowierer die Schattierungen gepunktet. An dieser Tätowierung wird klar, dass die Bezeichnung Traditional sich nicht auf ein klassisches Motiv beziehen muss.
 
Realismustattoo von Fede Gas, Giahi, Zürich, CH.

Realismus

Beim Realismus muss der Tätowierer sich so dicht wie möglich dem Originalbild annähern – inklusive Dimensionalität. Zudem soll das Tattoo halten und auch in Jahren noch lebensecht und plastisch wirken. Zwar gibt es innerhalb der Stilrichtung Abstufungen und nicht jeder Realistiktätowierer will fotorealistische Arbeiten abliefern. Grundlegendes Wissen der Mal- und Zeichenkunst sind notwendig, um Licht, Schatten, Größe und Perspektive richtig zu treffen und ein zweidimensionales Bild zu schaffen.

Oldschoolrose von Clemens Hahn, Electric Circus, Mannheim.

Oldschool

Der Urgroßvater aller tätowierten Blumen in Europa ist zweifelsohne die Oldschool-Rose. Mal mehr, mal weniger stilisiert, immer aber mit fetten Outlines, wenigen Details und satten Farben, ließen sich im 19. und 20. Jahrhundert die Seeleute, später die Rockabillys und heute die Hipster mit Hang zum Vintage-Style den Klassiker stechen. Dieser auch Traditional genannte Tätowierstil ohne viel Perspektive und motivisches Schnickschnack geht vor allem darauf zurück, dass in den Anfangszeiten der Hautkunst zum einen die Tätowiergeräte und -methoden noch nicht ausgefeilt und zum anderen die Tätowierer alles andere als kreative Künstler waren. Sie beherrschten ihre groben Maschinen und stachen die Bilder mit Hilfe von Acetat-Stencils und später nach Vorlage.
Oldschool-Blumen eignen sich also hervorragend für Leute, die eine »solide und ehrliche« Tätowierung wollen. Zur Ehrenrettung heutiger Traditional-Tätowierer sei allerdings gesagt, dass ihre Werke bei aller Bodenständigkeit viel ausgefeilter und haltbarer sind als die Abpaustattoos von früher.

Aquarellblüte von von Shennaki, Tribal Trading, Tilburg, NL.

Aquarell

Keine klaren Umrisse, so dass vor allem die Farben wirken, die teilweise ineinander verlaufen: Im Aquarellstil tätowierte Blumen »leben« vor allem davon, dass der Tätowierer gezielt mit der Kombination satter Farben und leichter Nuancen spielt und Schattierungen mit Schwarz zurückhaltend einsetzt. Die Farbe darf, wie mit Wasserfarbe gemalt, über etwaig vorhandene Outlines verlaufen. Diese sehr künstlerische, bunte und aufgrund der mangelnden Linientreue sehr weich wirkende Möglichkeit der Blumendarstellung kann zu Problemen führen. Der Effekt der für Aquarellmalerei typischen Transluzenz, also der partiellen Lichtdurchlässigkeit, darf nicht – wie in der Aquarellmalerei üblich – durch »Verwässerung« der verwendeten Tätowierfarbe erzielt werden. Die unterschiedlich farbig gestalteten Motivelemente müssen auch nach dem Abheilen noch ausreichend farbgesättigt sein, damit das Motiv in seiner Gesamtheit deutlich zu erkennen ist. 

Päonienblüten im Asia-Style von Oscar, 76 Tattoo, Beijing.

Asia

Blütenmotive sind in der asiatisch-japanischen Tätowierkunst wesentliche Bildelemente. Lotos, Chrysanthemen und wie hier Päonie und Kirschblüten sind meist dekoratives Beiwerk eines zentralen Motivelements, können aber auch, wie bei diesen beiden Sleeves, ausschließlich ganze Körperpartien füllen. Je nach Ausrichtung des Tätowierers (der Kansai-Stil ist meist etwas grober und schlichter, der Kanto-Stil filigraner) sind die Blüten plakativ oder eher detailgetreu ausgearbeitet. Eine definierte Abgrenzung ist aber gerade in der europäischen Adaption schwierig zu treffen. 

Strelitze in Holz- oder Kupferdruckoptik von Carolin Walch, The Magic Society Tattoo, Pforzheim.

Holz- und Kupferdruck

Eine Strelizie mit Iris in Blackwork – oder doch mehr? Klar! Dieser Stil erinnert an Abbildungen aus historischen botanischen Bestimmungsbüchern, etwa an die nichtkolorierten Drucke im »Hortus Eystettensis«, dem wegweisenden Eichstätter Erklärwerk von Basilius Besler (1561-1629). Damals konnten Bilder nur mittels handgemachter Holz- oder Kupferstiche vervielfältigt werden, was zu einem einzigartig monochromen Bildeindruck aus Vollflächen, Linien und Schraffuren führte. Die bildliche Darstellung von Blüten stellte die Kupferstecher vor eine besondere Herausforderung: Sie durften einerseits nicht so viele Details in die Kupfermatritze schneiden, dass sie im Druck mit flüssiger Farbe auf saugfähigem Papier verloren gingen. Sie mussten die feinen Besonderheiten jeder einzelnen Pflanze aber zugleich so detailgetreu herausarbeiten, dass sie anhand des Bildes eindeutig zu identifizieren war. Der Stil zeichnet sich also durch größtmögliche Realitätsnähe bei zugleich wenigst möglichen Bildelementen aus – auch für Tätowierer eine Herausforderung. 

Blüte im Stil des New Black von Sarah Herzdame, Erntezeit Tätowierungen, Berlin.

The New Black

The New Black: Schwarz satt für Linien und ganze Bildelemente, das zeichnet diesen aktuellen Stil aus, der sich durch eine einfache Formensprache mit harten Kontrasten von Schwarz zu Haut auszeichnet. Bei einem in der Wirkung eher positiven Blütenmotiv darf der Hautanteil natürlich höher ausfallen als beispielsweise bei einem düsteren Totenkopfmotiv. 

Grafik-Rose von Charlotte Chadeau, La Bobine Tattoo Club, Aix en Provence, FR.


Grafik

Die Stilvariation beim Tätowieren hat sich in den vergangenen Jahren stark vergrößert. Mit dem Aufkommen anwenderfreundlicherer Tätowiermaschinen, immer experimentierfreudigeren Kunden und vor allem der großen Zunahme gelernter oder studierter Grafiker unter den Tätowierern kamen vor wenigen Jahren solche Motive als Tätowierung auf, die man zuvor eher in Kunstausstellungen und Designer-Prüfungen gesehen hatte. Das Schöne am Grafikstil ist: Linien können nach Belieben gerade, rechtwinklig oder sketchy (sich überschneidend), Farben aquarellartig, flächig oder mit Verlauf nicht in die Haut gebracht, Stile und Elemente vermischt werden. Kurzum: Der Fantasie und dem ästhetischen Empfinden von Tätowierer und Kunden sind kaum Grenzen gesetzt. Blumen eignen sich gut, weil sie rund wie eckig darstellbar sind. Dadurch, dass im Grafik-Stil in aller Regel mit Linien gearbeitet wird, gelten solche Tätowierung als überwiegend haltbar.

Hyperrealismus von Dmitry Vision, Bloodlines Gallery, Pittsburgh, US.

Hyperrealismus

Die Darstellung eines realistischen Bildes mit geradezu übersteigert erscheinenden Kontrasten kennzeichnet den Hyperrealismus aus. Ob in Black-and-Grey oder in Farbe wirkt das Bild vor allem so extrem und künstlich, wenn es frisch gestochen ist. Erreicht wird dies durch harte Kontraste wie Schwarz neben Haut beziehungsweise neben Weiß, oder durch kontrastreiche Farbkompositionen. Der anfänglich krass wirkende Effekt schleift sich mit der Alterung der Tätowierung zum Teil ab und das Tattoo erscheint später als kontrastreiches und auch wieder realistisch wirkendes Bild. Tattoo von Dmitry Vision, Bloodlines Gallery, Pittsburgh, US.

Sehr künstlerisch umgesetzte Blüte von Mariusz Trubisz, Redberry Tattoo Studio, Breslau, PL.

Kunst

Eine bunte Landschaftsdarstellung, die stilistisch irgendwo zwischen Surrealismus und Abstrakter Kunst angesiedelt ist: Diese Pusteblume ist umrahmt von Farbflächen, Farbverläufen und invertierten Farben an den Motiv-Überlappungen und sticht als einfarbiges Element aus feinstem Black- und Dotwork hervor. Ein Beispiel, wie kunstvoll ein Tattoo heute sein kann, stilistisch ist das kaum mehr eindeutig einzuordnen. Die Aussage: Was gefällt, ist möglich. Und die Haltbarkeit wird hier aufgrund starker Kontraste auch in Jahren wohl kaum beeinträchtigt sein. 



 

 

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Stand:24 November 2017 15:46:35/motive/flower+power_162.html