Der Horimono-Code

23.11.2012  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Archiv TätowierMagazin
Der Horimono-Code
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Bloßes Kopieren war gestern; inzwischen gibt es auch im Westen zahlreiche Tätowierer, die sich bestens mit den Hintergründen, Geschichten und Inhalten klassischer japanischer Tattoo-Motive auskennen. Wir zeigen einige der interessantesten Motive und erklären ihre Herkunft und Bedeutung.


Hannya von Iain Mullen, Imperial Tattoo, Stockholm (SE)
Zwei Oni-Teufel auf der Jagd, gestochen von Matzon vom Zombie Tattoo Helsinki (FN)

 
Traditionelle japanische Tätowierungen, die im Ursprungsland als Horimono, Bunshin oder auch Irezumi bezeichnet werden, erscheinen uns oft als relativ einheitlich. Auch wenn es bei der Motivwahl offenbar Abweichungen und Variationen gibt, sieht es aus, als ob doch irgendwie alle Ganzkörper-Tattoos im japanischen Stil sehr ähnlich wären. Tatsächlich ist es jedoch nur die Anordnung der Motive auf dem Körper und die Einbettung in einen dunklen Hintergrund aus Wellen- oder Wolkenstrukturen, die die Designs für Außenstehende ähnlich erscheinen lassen.

Der Motivfundus, aus dem die traditionelle japanische Tätowierkunst sich bedient, ist jedoch enorm komplex und reichhaltig. Das wichtigste Kriterium, das eine japanische Ganzkörpertätowierung erfüllen muss, ist: sie muss eine Geschichte darstellen, wobei der Begriff »Geschichte« sehr dehnbar ist. Wichtig ist lediglich, dass sämtliche Elemente und Motive innerhalb einer Ganzkörpertätowierung zueinander in Bezug stehen und logisch miteinander verbunden sind. Ist diese Voraussetzung erfüllt, dann können Tätowierer und Kunde aus einer nahezu unerschöpflichen Vielfalt von Quellen wählen. In Frage kommen bei der Motivwahl Volkserzählungen, Legenden und Märchen, Geistergeschichten, historische Themen, Theaterstücke, Heldenerzählungen oder auch religiöse Motive aus dem Bereich Buddhismus, Shinto (der japanischen Naturreligion) oder auch Themen, die aus dem Grenzbereich zwischen Religion, Aberglaube und Märchenwelten stammen.

Tattoo von Calle, King Carlos, Stockholm (SE)Benzeiten-Tattoo von Daniel, Novais Tattoo, Rio-de-Janeiro (BR)
Der Ursprung des neunschwänzigen Fuchsgeistes entstammt einem Aberglauben. Tätowiert wurde er von Calle vom Stockholmer Studio King Carlos. Benzaiten, Göttin der Beredsamkeit, zählt zu den Tennyo, die unseren Engeln ähneln. Tattoo von Daniel vom Novais Tattoo aus Rio de Janeiro.


Der Meistertätowierer Horiyoshi III aus Yokohama erklärt dazu: »Man kann sich auch das Bild eines Wildschweines tätowieren lassen, mit weiteren dazu passenden Motiven, wenn es dazu eine passende Geschichte gibt.« Beispielsweise die Geschichte einer Wildschweinjagd oder Ähnlichem. In der Regel kommt noch ein weiteres Kriterium hinzu: Es muss zum gewünschten Motiv eine Vorlage aus der japanischen Kunst geben, denn japanische Tätowierkünstler übernehmen ihre Motive oft eins zu eins von Farbholzschnitten alter Meister wie Kuniyoshi, Hokusai oder Kyosai. Teilweise werden diese Vorlagen leicht abgeändert, doch nur die allerwenigsten Tätowierer entwerfen eigene Motive. Das ist historisch bedingt. Bereits in der Edo-Zeit (1603 bis 1868), in der die japanische Tätowierkunst entstand, lieferten die Holzschnittkünstler die Vorlagen zu Tätowierungen.
 

Götter, Engel und Dämonen: Ein kaum ausgeschöpftes Repertoire 

Im Laufe der Zeit engte sich das Repertoire an Motiven ein wenig ein und heute sieht man in den Arbeiten japanischer Tätowiermeister tatsächlich nur einen Teil dessen, was an Motiven möglich wäre. Das liegt möglicherweise daran, dass Kunden stets nach den Motiven fragen, die sie anderswo bereits gesehen haben und sich nicht trauen, neue Motivquellen zu erkunden. So scheinen sich japanische Tattoo-Motive heutzutage auf buddhistische Götterfiguren, Drachen oder Helden aus dem aus China stammenden Heldenroman »Suikoden« zu beschränken, der die Abenteuer von 108 Räubern erzählt.

Fudo Myoo von Owen-Williams, Tama Tattoo Studio, Melbourne (AU)Fudo Myoo von Tang-Ping, ZiYou-Tattoo, Peking (CN)
Die Göttergestalt Fudo Myoo ist ein Beschützer des Buddhismus. Das Tattoo von Tang Ping vom Studio Zi You Tattoo aus Peking zeigt ihn in typischer Pose. Oft wird Fudo Myoo, wie im Tattoo von Owen Wiliams vom Tama Tattoo aus Melbourne, aber auch durch einen Drachen symbolisiert, der ein Schwert umschlingt.


Zu den auch im Westen immer populärer werdenden Motiven zählt sicher die Gestalt des Fudo Myoo, des »unbeweglichen Königs der Weisheit«. Obgleich der Buddhismus keine Gottheiten in unserem Sinne kennt, sind im Laufe der Zeit verschiedene Gestalten in diese Glaubensrichtung integriert worden, denen gott- oder heiligenähnliche Stellungen zugesprochen wurden. Fudo ist einer der insgesamt fünf »Myoo« oder Weisheitskönige, die allesamt eher grimmigen Dämonen ähneln, aber als Schutzgottheiten des Buddhismus gelten. Fudo ist der Bekannteste des Quintetts und ist leicht an seinen Insignien zu erkennen. Vor einer Feuerwand sitzt er mit einem zweischneidigen Schwert und einem Seil, den Waffen, mit denen er die Feinde des Buddhismus bekämpft. Der Drache, der sich um ein Schwert windet, ist eine symbolische Darstellung Fudo Myoos.

Unheimliche Waldbewohner  
Nur relativ selten sieht man Tengu als Tattoo-Motive, was erstaunlich ist, denn in vielen Legenden spielen die Mischwesen aus Mensch und Krähe eine große Rolle. Insbesondere aus dem Bereich der japanischen Kampfkunst gibt es viele Erzählungen zu Tengu, die in Wäldern leben und als Meister im Umgang mit Waffen wie Schwert, Lanze oder Stangenschwert gelten.

Tengu von Salomon vom Corazon Tattoo aus Luzern (CH)Tengu von Daniel von Kabubby Tattoo aus Turku (FN)
Tengu gibt es in zwei Varianten: Mit Krähenschnabel oder rotgesichtig und mit überlanger Nase. Der linke stammt von Salomon vom Corazon Tattoo aus Luzern, der rechte von Daniel von Kabubby Tattoo aus Turku in Finnland.


Die Beziehung der Tengu zu den Menschen ist ambivalent, denn sie gelten als sehr gefährlich und heimtückisch, in manchen Fällen aber auch als Freunde einzelner Menschen. Der berühmte Krieger Minamoto no Yoshitsune soll beispielsweise seine Ausbildung im Schwertkampf von Tengu-Dämonen erhalten haben und auch die legendären Ninja beriefen sich auf ihre angebliche Abstammung von den Walddämonen. Bei der Darstellung von Tengu gibt es zwei Varianten. In der einen entspricht der Kopf mit Schnabel weitgehend dem einer Krähe, in der zweiten wird das feuerrote Dämonengesicht von einer überlangen Nase verunziert.
Eine weitere Gestalt, der man in Japans Wäldern begegnen kann, ist der Fuchs-Dämon. Wie auch bei uns gilt der Fuchs in Japan als hinterlistig und tückisch, zudem wird ihm dort die Fähigkeit zugeschrieben, sich zu verwandeln. In der Gestalt einer schönen Frau führt er dann den Wanderer in die Irre, wenn dieser nicht rechtzeitig die neun Schwänze bemerkt, die aus dem Kimono der Schönen hervorschauen und die vermeintliche Traumfrau als Fuchsgeist verraten.

Duruma-Männchen von Crez, Adrenalink Tattooing, Marghera (IT)Glücksgott Hotei von Crez, Adrenalink Tattooing, Marghera (IT)
Hotei ist einer der sieben Glücksgötter. Die kugeligen Daruma-Männchen sollen helfen, Wünsche zu erfüllen. Beide Tattoos von Crez, Adrenalink, aus dem italienischen Marghera.


Glück und  Glück-Wunsch: Hotei und Daruma  
Der dickbäuchige und lachende Glücksgott Hotei wird bei uns oft als »lachender Buddha« bezeichnet, hat aber mit dem historischen Religionsstifter nur wenig zu tun. Hotei, einer der sieben Glücksgötter, die teilweise aus dem Daoismus, dem Shinto oder anderen Volksreligionen in den Buddhismus eingesickert sind, verkörpert Zufriedenheit, wie ihm unschwer anzusehen ist. Manchmal begleiten ihn als Tattoo-Motive noch seine sechs Glücksgott-Kollegen, die Wohlstand, langes Leben, Kunst, Fischerei, Musik und Weisheit symbolisieren, oft wird er aber auch alleine dargestellt und soll dem Träger Glück bringen.
Ein weiterer Glücksbringer mit Bezug zum Buddhismus ist die Figur des Daruma. Das arm- und beinlose Stehaufmännchen, das in Japan oft als Pappmaché-Figürchen verkauft wird, stellt den indischen Mönch Bodhidharma dar, dem nach neun Jahren ununterbrochenen Meditierens Arme und Beine abgefallen sein sollen. Die Augenlider soll sich der Asket selbst abgeschnitten haben, um nicht einzuschlafen. In Japan malt man dem Daruma-Figürchen, das mit »leeren« Augen verkauft wird, erst ein Auge aus, wenn man einen Wunsch hat. Erfüllt sich dieser, malt man das zweite Auge aus. Tattoos von glücksbringenden Figuren wie Hotei oder Daruma haben neben ihrer schmückenden Funktion sicher auch noch die Aufgabe eines Talismans.

Drachenpferde, Perlentaucher und Hannya-Masken 
Das Repertoire an möglichen Motiven scheint nahezu unerschöpflich: Das Drachenpferd Kirin mag manchem noch von der gleichnamigen (und durchaus trinkbaren) japanischen Biermarke ein Begriff sein. Das mythische Wesen soll seinen Ursprung in verfremdeten Zeichnungen von Giraffen haben, doch beinahe eben so selten, wie man einem Kirin in freier Wildbahn begegnet, sieht man es als Tattoo. Schade eigentlich, denn das gutmütige Wesen ist eine interessante Alternative zu Koi und Drache.

Perlentaucherin von Bélah Oláh, Pain Art-Tattoo, Hajdúszoboszló(HU)Kirin, gestochen von Sabado, Eccentric Super Tattoo, Nagoya (JP)
Die Perlentaucherin Tamatori-hime, von Bélah vom Pain Art Tattoo aus Ungarn und grimmiges Kirin gestochen von Sabado, Eccentric Super Tattoo, Nagoya.


Die Geschichte der Perlentaucherin Tamatori-hime hat sich teilweise auch schon im Westen herumgesprochen. Bei einem ihrer Tauchgänge stahl sie dem im Meer lebenden Drachenkönig dessen Schatz, eine riesige Perle. Als Tattoo wird sie meist auf der Flucht vor dem großen Wasserdrachen dargestellt.
Auch mit der Gestalt der Hannya kann man im Westen inzwischen etwas anfangen; sie versinnbildlicht die weibliche Bosheit, Eifersucht und Missgunst in Form eines teufelähnlichen Dämons. Als Tattoo-Motiv kommt zumeist nur die Maske zum Einsatz, mit der Hannya-Dämonen im klassischen japanischen Noh-Theater dargestellt werden.
Doch es gibt noch unzählige weitere Motive aus den unterschiedlichsten Bereichen, die darauf harren, mitsamt ihrer Geschichten als Tattoos weiterzuleben: Schirmgeister und Wasserkobolde, barmherzige Heilige, Dämonentöter und Ninja-Magier – wenn es eine Geschichte dazu gibt, kann man sie auch tätowieren!
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Stand:20 November 2017 13:01:08/motive/der+horimono-code_1211.html