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21.07.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Archiv TM
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Das etwas andere Cover-up: Blast over!


Ein Blast-over ist eine Cover-up-Variante für Tätowierungen, die im eigentlichen Sinne gar keine ist: Das neue Tattoo wird über das alte gestochen, ohne dies völlig zu überdecken: zwischen den Lücken der neuen Tätowierungen scheint das alte hindurch. Und genau das ist gewünscht!


Und ja, die Blast-over-Tattoos sehen krass aus! Fette, schwarze Tattoomotive, die mehr oder wenig stimmig über den verblichenen Farb- und Formresten alter Tätowierungen liegen. Es ist ein Statement, das wenig gemein hat mit der Ästhetik einer Konzepttätowierung, einem an den Körper angepassten Tattoo, das ein harmonisches Bild formt, bei der selbst Leute, die Tattoos eher kritisch gegenüberstehen, zugeben werden, dass »so etwas« doch ganz gut aussieht. Blast-overs sind eher die Antithese zur durchgestylten, allseits gefälligen Tätowierung. Und das, obwohl es ja gerade eine Tätowierung kaschieren soll, die vom Träger nicht mehr gewollt ist.

Blast-over in Reinform! Egbz Dirtyhands vom Roma Classic Tattooing (Rom, IT) macht nicht einmal den Versuch, beide Motive in Einklang zu bringen.

Schon die Bezeichnung: Blast-over – »Knalls drüber!« – es geht dabei nicht um das kunstgerechte Überdecken der alten Tätowierung, sondern die neue Tätowierung liegt mehr oder weniger willkürlich über einem bereits vorhandenen Motiv. Die Farben und Muster scheinen durch die Lücken der in Schwarz gehaltenen neuen Tätowierung hindurch und gehen eine optische Verbindung ein. Beim Blast-over nutzt das neue Motiv die vorhandene Form, Textur und Farbe in keiner Weise sinnvoll, meist ist das Zusammenspiel willkürlich und dem Zufall geschuldet. Ganz im Gegensatz zum Cover-up, bei dem der Tätowierer versucht, das Alte so zu integrieren, damit es sich optisch auflöst und ausgelöscht wird.

Bas aus Rintos Tattoo Shop (Burgum, NL) gestaltete den Adler mit Kreuz so massiv gestaltet, dass der Hintergrund optisch beinahe verschwindet.

Die Blast-over-Tattoos sind meist Traditionals mit kräftigen Lines, viel Schwarz und auch viel Negativraum, durch den die über die Jahre verblassten Farben und oftmals unkenntlich gewordenen Motive als Hintergrundmuster weiterleben. Zugegeben, der Charme eines Blast-overs erschließt sich dem Betrachter erst nach einer gewissen Zeit: Blast-overs sind rau, wild und ziemlich ehrlich. Nichts wird versteckt und vertuscht, wer sich für ein Blast-over entscheidet, will mögliche Tattoosünden gar nicht negieren, sondern stellt sie in einen anderen, womöglich auch interessanteren Kontext.

Schwarz auf Schwarz – mehr Struktur verleiht Brody Polinsky, UNIV ERSE Tattoo (Berlin), der bereits schwarz gecoverten Fläche auf der Hand und dem Unterarm.

Es braucht also eine Weile, bis sich der Reiz aus Alt und Neu erschließt. Ein zweiter Blick offenbart ganz neue Aspekte, wie beispielsweise die interessante Farbgebungen, die das blass-blaue Biomechanic auf dem Buchrücken des neuen Tattoos erzeugt.
Und wenn die floralen, im Alter verblichenen Muster wie eine optische Unschärfe eine zweite, tieferliegende Bildebene schaffen, dann wirkt das Spinnennetz doch wieder sinnvoll arrangiert. Und der Gorilla mit seinem in allen Regenbogenfarben gesprenkelten Gesicht schaut gar nicht mehr so bedrohlich, wie es zuerst scheint. Ob das alles so intendiert war, ist letztendlich nicht die Frage, spannend erscheinen diese dem Zufall geschuldeten Assoziationen dem Betrachter allemal.

Tony Weingartner von Biribi (Lyon, FR) lässt durch das Dotwork bewusst die Farbe durchscheinen.

Und manche möchten den alten Kram auch gar nicht verdecken, sondern eventuell geht dem Tattoofan langsam der Platz auf der Haut aus, um neue Ideen umzusetzen. Warum Körperstellen nicht mit einem scharf gezeichneten Motiv aufhübschen? Neue Akzente setzen auf tätowierten Körperstellen, auf denen womöglich eh nie richtig der Punk abging und so eine Verbindung herstellen zwischen Früher und Heute, ohne das Alte zu negieren. Blast-overs sind quasi die zweite Chance für ein neues Tattoo und geben dem alten die Gelegenheit, eine ganz neue Wirkung zu erzeugen.

Wichtig bei jedem Blast-over ist der klare Motivaufbau, um die Wirkung auf das neue Motiv zu lenken. Blast-over von Han Shinko, The White Room Tattoo (Essen).




 

Text: Heide Heim
Bilder: Archiv TM

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Stand:23 October 2017 02:42:48/motive/das+etwas+andere+cover-up+blast+over_177.html