Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift

11.09.2015  |  Text: Katharina Pfannkuch  |   Bilder: Bashar Alaeddin
Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift
Arabische Schriftzeichen als Tattoos – Tabubruch in Schönschrift
Alle Bilder »
Kalligrafische Tattoos sind in arabischen Ländern sowohl Tabubruch als auch Bekenntnis zur eigenen Kultur. Der Fotograf Bashar Alaeddin dokumentiert mit seinen Fotos eine neue Generation, die diese Gratwanderung geht.
Tattoos sind ein Ausdruck von Freiheit«, sagt Bashar Alaeddin mit leuchtenden Augen. Oft, sehr oft hat man diesen Satz schon gehört und gelesen. Etwas abgedroschen klingt er, nach Klischee. Doch für den jordanisch-libanesischen Fotografen, der in Amman lebt und arbeitet, sind dies nicht nur Worte. Seit zwei Jahren holt er Menschen vor die Kamera, für die Tattoos mehr sind als Schmuck und Leidenschaft. Menschen, für die der Gang ins Tätowierstudio nicht nur die unvermeidbaren, aber vergehenden Schmerzen bedeutet, sondern viel Ärger und Ablehnung mit sich bringen kann. 

Dieser junge Mann ließ sich ein Gedicht über den eigenen Vater, der Palästina als Flüchtling verlassen musste, tätowieren. Die Kernaussage ist: »Zwischen meinem Vor- und meinem Familiennamen steht ein Name, der Berge versetzen kann.«

Menschen, die wie der 34-jährige Fotograf selbst in konservativen arabischen Gesellschaften aufgewachsen sind. Die in Ägypten leben, in Jordanien und in den Emiraten. Wer hier mit einem Tattoo oder Piercing nach Hause kommt, provoziert und schockiert seine Eltern. »Unsere Generation akzeptiert Tattoos«, erklärt Bashar. »Aber für die meisten Älteren sind sie noch immer ein Tabu.« Deshalb lassen sich viele auch an Stellen tätowieren, die sie gut verstecken können. Bashar findet das ganz normal: »Es ist auch eine Frage des Respekts gegenüber den Eltern.« Die halten, wenn sie Muslime sind, Tätowierungen oft aus religiösen Gründen für verboten oder finden sie schlicht unangebracht. Denn so, wie es auch in Europa lange der Fall war, denken in der arabischen Welt viele noch immer eher an Halbwelt als an Kunst auf der Haut, wenn es um Tattoos geht.

»Es gibt ein Licht, das niemals erlischt«, ließ sich diese junge Frau tätowieren.

Allem Respekt zum Trotz wächst die arabische Tattooszene langsam, aber kontinuierlich. Im als liberal geltenden Libanon hat sich die Zahl der Studios in den letzten fünfzehn Jahren mehr als verzehnfacht, selbst im konservativen Saudi-Arabien wird tätowiert – heimlich und inoffiziell, versteht sich. Ganz offiziell fand dagegen letztes Jahr die erste Tattooconvention in einem arabischen Land überhaupt statt: Zwar trauten sich gerade einmal um die 100 Menschen auf die »Nowhereland Tattoo«-Messe in Kairo. Doch für ein Land, in dem Tätowierungen aus religiösen und gesellschaftlichen Gründen als verboten und verpönt gelten, ist das ein erster und bedeutender Schritt.

»Wir befinden uns definitiv an einem Wendepunkt«, sagt Bashar. Die Zeiten, in denen Tattoos nur von Künstlern, ehemaligen Gefängnisinsassen, marokkanischen Berbern, ägyptischen Seemännern oder am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen getragen wurden, seien vorbei. Was Bashar erzählt, erinnert an die späten 80er und frühen 90er Jahre, als in Europa die breite Masse Tattoos für sich entdeckte: Erst waren es die Matrosen und Halbwelt-Gestalten, dann Künstler – und nachdem sich Promis mit Tätowierungen auf Bühnen und roten Teppichen zeigten, zogen auch die Normalos nach. In der knallbunten Welt arabischer Popmusik gilt aktuell die libanesische Sängerin Haifa Wehbe als Tattoopionierin: »Immer mehr junge Leute hier lassen sich tätowieren«, erzählt Bashar.

In ihre Heimat, den Libanon, kann diese junge Frau womöglich nie mehr zurückkehren. Ihren Sehnsuchtsort »Beirut« trägt sie nun auf dem Arm.

Für einige von ihnen interessiert er sich ganz besonders. Denn Bashar fotografiert nicht einfach Menschen mit irgendwelchen Tattoos. Vor seine Kamera holt er junge arabische Männer und Frauen, die den Tabubruch auf der eigenen Haut in arabischer Sprache begehen. Genauer gesagt in arabischer Kalligrafie, der jahrhundertealten Kunst der Schönschrift. Also in genau der Sprache, die ihre Kultur und religiöse Tradition prägt. »Die Leute brechen aus den kulturell festgelegten Regeln unserer arabischen Gesellschaften aus – und tun das in genau der kunstvollen Form der arabischen Sprache, die eben diese Regeln und die Kultur prägen. Was für eine geniale, kraftvolle Idee!«

Eine Idee, die so gut ist, dass sie ein eigenes Langzeitprojekt verdient, beschloss Bashar vor zwei Jahren und rief kurzerhand »Arab Ink« ins Leben. Auf der Webseite zeigt er einige seiner Schwarzweißfotos von Tätowierungen, die wie mit dem Kalligrafie-Pinsel und tiefschwarzer Tinte auf die Haut der Menschen gemalt zu sein scheinen. Das ist alles andere als eintönig: In zahllosen Variationen verlaufen die kunstvoll geschwungenen Linien der arabischen Schrift über Nacken, Arme, Schulterblätter, den Bauch einer Schwangeren. Manche haben sich nur für einen kleinen Schriftzug entschieden, andere für Buchstabenreihen, die sich großflächig über den ganzen Arm erstrecken.

Bashar kennt die Geschichte hinter jeder Tätowierung. Da sind Ghalia und Yazan, die sich den Namen des jeweils anderen als Liebesbeweis haben tätowieren lassen: Für das Paar sind die Tattoos ein Ersatz für das traditionelle Eheversprechen – in traditioneller Kalligrafie.«

Ein Eheversprechen: Die beiden haben sich jeweils den Namen des Partners tätowieren lassen: »Ghalia« steht direkt über seinem Herzen, sie hat sich recht deutlich sichtbar »Yazan« auf den Unteram stechen lassen.

Da ist die aus dem Irak geflohene junge Frau, die jetzt in Beirut lebt und befürchtet, nie mehr in ihre Heimat zurückkehren zu können. Nun prangt in klaren Linien das Wort »Bagdad« auf ihrem Handgelenk. Und Ghassan hat sich auf Arabisch die Worte »meine einzige Liebe« auf die Brust stechen lassen – eine Liebeserklärung an seine Mutter.

»Am häufigsten stehen Leute vor meiner Kamera, die sich Namen haben tätowieren lassen. Entweder Namen von Personen, die sie lieben, oder von einer Stadt oder einem Land, das sie vermissen«, erzählt Bashar. »Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe.“ Er unterbricht sich selbst und muss über seine eigene Aufregung lachen: »Ich kann es wirklich kaum abwarten, das zu erzählen.« Diese dritte Gruppe also, die Bashar so fasziniert, besteht aus Menschen, die das arabische Wort für Freiheit, »Hurriya«, als Tätowierung tragen. Da ist sie wieder, die Freiheit. 

Ghassan trägt ein außergewöhnliches Bekenntnis der Verbundenheit mit seiner Mutter auf seiner Schulter: »Meine einzige Liebe«.

Die Sehnsucht nach ihr vereint ganz unterschiedliche Charaktere: Eine libanesische Bloggerin, ein ägyptischer Graffitikünstler, eine junge Frau aus Dubai, ein libanesischer Familienvater – sie alle tragen stolz das Wort »Hurriya« auf ihrer Haut. Mal als kleinen, verschlungenen Schriftzug, mal in dicken, quaderförmigen Buchstaben. »Hurriya« hat vor allem für die arabische Jugend einen besonderen Klang: Als 2011 die politischen Umstürze in Ägypten und Tunesien begannen, es in Bahrain im Jemen und in Syrien zu Aufständen kam, wurde das Wort immer wieder auf Demos skandiert, als Graffito an Wände gesprüht. Überall war von Freiheit die Rede. Fast nirgendwo haben die Demonstranten sie tatsächlich gewonnen, doch einige haben den Glauben an die Freiheit auf ihrer Haut verewigt.  

Ein Ankh, das ägyptische Symbol für den Schlüssel des Lebens, und das Wort »Hurriya«, das arabische Wort für »Freiheit«.

Bashar kennt noch mehr Gründe dafür, dass ausgerechnet dieses eine Wort so oft auftaucht: »Es liegt vor allem an der Region. Im Nahen Osten ist jeder ständig von Grenzen umgeben. Das können familiäre Grenzen sein, etwa wenn man aus einem konservativen Elternhaus kommt, und natürlich gibt es unzählige politische und gesellschaftliche Grenzen. Direkt nach deiner Geburt wird hier festgelegt, wer du bist und welche Grenzen für dein Leben gelten sollen: dein Name, deine Religion, deine Konfession. Damit wird auch festgelegt, auf welcher Seite du in all den Konflikten zu stehen hast, die sich hier abspielen.« Viele  junge Araber und Araberinnen weigern sich aber, sich in dieses festgelegte Regelwerk einzufügen und suchen Wege, die alten Grenzen zu durchbrechen. »Tätowierungen sind so ein Weg«, erklärt Bashar.

Arabische Kalligrafie

Die arabische Kalligrafie, also die Kunst des Schönschreibens mit Pinsel, Federkiel oder Filzstift, hat aufgrund des Bilderverbots im Islam, einen besonderen Stellenwert. Entwickelt in enger Verbindung aus arabischer Schrift und dem Islam stellt die Kalligrafie einen wesentlichen Aspekt der islamischen Kunst dar.

Die arabische Kalligrafie besteht aus sechs klassischen Schriftarten. Im zehnten Jahrhundert wurden diese in Bagdad festgelegt. »In Tattoos, aber auch in Graffiti wird mit diesen überlieferten Schriftarten experimentiert, sie werden lebendig und entwickeln sich weiter«, sagt Bashar begeistert. Sein Traum: »Vielleicht gibt es in 1000 Jahren eine neue Schreibweise, die in diesen Kanon aufgenommen wird. Eine, die sich aus Streetart und Tätowierungen entwickelt hat.«  

Die arabische Schreibkunst und vor allem die Kalligrafie seien viel mehr als nur eine Schrift: »Es ist eine Form von Kunst.« Und eine sehr komplizierte noch dazu. Auch Bashar kennt Fälle von missglückten arabischen Schriftzügen, die auf der Haut von Europäern prangen. »Ich finde es cool, wenn Europäer sich arabische Tattoos stechen lassen. Aber wenn sie falsch sind – oh Mann, das tut mir immer so leid!« Wieder muss er lachen. Sein Rat: »Wenn du dir ein arabisches Tattoo stechen lassen willst und die Sprache selbst nicht sprichst, sieh zu, dass entweder dein Tätowierer oder jemand in deiner Nähe weiß, was da auf deiner Haut landet.« Und wer dabei Unterstützung braucht, findet diese ja auch schon bald in Bashars Datenbank.

Schlicht und schön: »Malak«, arabisch für »Engel«.
 
Szeneshop-Angebote
Kängurus mit Eingeweiden

Kängurus mit Eingeweiden

 

Obwohl Aborigines nie tätowiert waren, wurden Symbolik und Stil ihrer traditionellen Kunst zur Inspirationsquelle für die australische Tätowiererin Tatu…

Max Laloi gefällt … das Schädeltattoo von Christian Otto.

Max Laloi gefällt … das Schädeltattoo von Christian Otto.

 

Tätowierer haben naturgemäß einen kritisch-professionellen Blick auf die Arbeiten anderer Tätowierer. Wir fragen Tattookünstler, welches Werk von Kollegen…

Die Illusion des Wirklichen

Die Illusion des Wirklichen

 

Lukasz Sokolowski ist kein Tätowierer, der einen eigenen Stil entwickelte; vielmehr kann man ihn als Künstler ansehen, der im Tätowieren das für ihn optimale…

Der Tätowierer mit der goldenen Nadel

Der Tätowierer mit der goldenen Nadel

 

Er ist einer der großen Stars der Tattoo-Szene: Nikko Hurtado vom Black Anchor Collective. Nicht, weil sich viele Promis unter seine Nadel legen wie die…

Wahnsinn mit Methode – Tätowiererin Shell Valentine

Wahnsinn mit Methode – Tätowiererin Shell Valentine

 

Mit einem Farbinferno aus Pink, Türkis und Knallgelb, gerahmt von kräftig schwarzen Outlines, tätowiert Shell Valentine Kawaii-Tattoos, die so schamlos…

Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

Modern Traditional Japanese – Tätowierer Acelates

 

Ein Tätowierer mit rumänischen Wurzeln, einem spanischen Herzen und einer unkontrollierbaren Leidenschaft für Japan. So soll er sein, der perfekte Tätowierer,…

Schweizer Blackwork Tattoos – Tätowierer Verlan

Schweizer Blackwork Tattoos – Tätowierer Verlan

 

Im Züricher Tattoostudio Gallery Verlan sind alle Farben schwarz. Raphael Bühlmann und seine Crew interpretieren Blackwork in wunderschönen Variationen.…

Tribal-Crossover von Taku Oshima

Tribal-Crossover von Taku Oshima

 

Taku Oshima erweckt prähistorische Tätowierungen zum Leben. Der studierte Anthropologe tätowiert seit fast 20 Jahren und vereint die Bildelemente und Formensprache…

Der große TätowierMagazin Nachwuchscontest 2015

Der große TätowierMagazin Nachwuchscontest 2015

 

Die TM-Redaktion hat aus den eingesandten Bewerbungen die zehn Halb-Finalisten des diesjährigen TM-Nachwuchswettbewerbs ausgewählt, jetzt seid ihr dran,…

Tattoo-Revival auf Borneo

Tattoo-Revival auf Borneo

 

In den Urwäldern Borneos pflegten zahlreiche Stämme wie die Iban und die Dayak über Jahrhunderte eine vielschichtige und weit entwickelte Tattookultur,…

Maurice, Klobürstenmotiv-Träger und Hochzeitsfotograf

Maurice, Klobürstenmotiv-Träger und Hochzeitsfotograf

 

So außergewöhnlich wie Maurices Tätowierungen, sind auch die Hochzeitsfotos, die er zusammen mit seiner Verlobten Caro macht. Wir stellen den Fotografen,…

Drei zu eins: Ignorant-Style

Drei zu eins: Ignorant-Style

 

In einem spannenden Vergleich widmen wir uns drei Tätowierern, die sich dem Tätowieren auf ganz andere Weise nähern. Im Netz ist an dieser Stelle oft von…

Revival der Haïda-Kultur

Revival der Haïda-Kultur

 

Für die Wiederbelebung der Tätowierkunst der Haïda, der an der Nordwestküste Kanadas lebenden Indianerstämme, setzt sich der gebürtige Kanadier und jetzt…

Szeneshop-Angebote
Stand:22 November 2017 08:21:25/motive/bitte+hier+unbedingt+einen+redaktionellen+titel+eintragen_158.html