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TätowierMagazin Probelesen: Ausgabe 05/2017

Editorial Mai 2017

Tattoo von Carlo Sohl, Alter Schwan, Berlin.

So süüüüß!
Katzenbilder sind mächtig angesagt, und das nicht nur auf Facebook und Co,
sondern auch als Tattoomotive. Aber die Stubentiger sind kein neuer Trend, sondern haben
schon in der japanischen Kunst eine lange Tradition.
 

Hautpräparate und Katzentattoos

 
Ich habe hier etwas, was sie interessieren könnte«, meinte der Anrufer, aber was er mir dann mitteilte, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet: »Ich habe hier tätowierte und präparierte Stücke menschlicher Haut.« Tätowierte Hautpräparate – das weckt keine positiven Assoziationen. Man denkt unweigerlich an Ilse Koch, die sadistische »Hexe von Buchenwald«, Ehefrau des KZ-Lagerkommandanten Karl Otto Koch. In ihrem Besitz fand man tätowierte und gegerbte Hautstücke, die ganz offenbar von ermordeten KZ-Häftlingen stammten. Auch einige tätowierte Menschen-Präparate, die sich in manchen westlichen Völkerkunde-Museen befinden, sind Belege der Barbarei: britische Kolonialherren hatten im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Neuseeland regelrechte Menschenjagden veranstaltet, um die tätowierten Köpfe von Maori-Häuptlingen als Trophäen zu erbeuten. Einige Kolonialisten hatten ganze Sammlungen solcher präparierter Menschenschädel. Trotz berechtigter Proteste der Nachfahren dieser Menschen werden die mumifizierten Köpfe mit den Maori-Moko-Tattoos nach wie vor in Ausstellungen präsentiert, anstatt sie den neuseeländischen Ureinwohnern zurückzugeben. Nachvollziehbar, dass sich mir die Nackenhaare sträubten, als mir der Anrufer mitteilte, was er da in einem Nachlass entdeckt hatte. Dass aus Schriftdokumenten, die er zusammen mit den Hautstücken geerbt hatte, hervorging, dass die Präparate weder aus der NS-Zeit stammten und offenkundig auch keine Trophäen der Kolonialzeit waren, beruhigte mich zwar, dennoch drängen sich Fragen zu dieser ebenso morbiden wie skurrilen Erbschaft auf: Von wem stammen die Hautstücke? Wer hat sie erworben, wer hat die Präparation in Auftrag gegeben? Und zu welchem Zweck? Handelt es sich um eine volkskundliche Sammlung, wie sie der japanische Arzt Dr. Masaichi Fukushi aus Tokio mit eingelegten Häuten tätowierter Yakuza-Mitglieder angelegt hatte? Oder einfach um einen bizarren Fetisch? Hatten die Träger der Tätowierungen ihr Einverständnis dazu gegeben, dass ihr Hautschmuck posthum erhalten bleiben sollte? Meine Kollegin Jula Reichard und Boris Glatthaar begaben sich auf Spurensuche; die Ergebnisse ihrer Recherchen wie auch die Tattoo-Artefakte aus längst vergangenen Tagen seht ihr ab Seite 88.

Unser Titelthema ist dagegen etwas leichter verdaulich: Katzen!
Katzen mag jeder, auch Tätowierte – das sehen wir ja an den zahlreichen Katzentattoos, die uns ständig erreichen. Der in Kalifornien ansässige traditionell japanisch arbeitende Tätowierer Horitomo, selbst Katzenliebhaber, tut das Naheliegende: Er kombiniert beide Leidenschaften und tätowiert wunderschöne  und sehr humorvolle Bilder tätowierter Katzen. Was meine Kollegin Heide dazu veranlasste, sich mal etwas näher mit der Darstellung der Katze in der japanischen Kunst zu beschäftigen. Was sie dabei an Interessantem, Skurrilem und Unterhaltsamem herausfand, erzählt sie euch im großen Katzen-Special ab Seite 64 – vielleicht bringt es euch ja zu der Erkenntnis, dass auch euer Stubentiger schon längst mal mit einem Tattoo gewürdigt werden sollte?   



Chefredakteur Dirk-Boris
Dirk-Boris
Stand:24 November 2017 15:49:28/magazin+_und_+extras/heftarchiv/content-23735_40-23732_60.html?s=