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27.01.2017  |  Text: Dirk-Boris  |   Bilder: Diverse  

Selbstbetrachtungen

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Natürlich verändern wir uns. Das Alter verändert uns, das geht jedem so. Aber wer sich tätowieren, piercen oder bodymodden lässt, der nimmt seine Verwandlung in weit stärkerem Maße in die eigene Hand als der, der nur den Zahn der Zeit an sich nagen lässt. Die Resultate – Gesichtstattoos, Silikon-Hörnchen, eingefärbte Augen oder Cuttings – liegen dann oft himmelweit jenseits von dem, was man sich in jungen Jahren jemals hätte vorstellen können. Den nostalgischen Blick zurück in die Kindheit, als wir alle noch ganz unschuldig aussahen, den kennt jeder. Aber was hätten wir andersherum als Kinder oder Jugendliche eigentlich gedacht, wenn wir gewusst hätten, wie wir heute aussehen würden? Wenn uns jemand ein Foto unseres erwachsenen Ichs gezeigt hätte, oder wenn wir uns sogar selbst begegnet wären? Wären wir entsetzt gewesen, begeistert oder einfach neugierig? Wir haben fünf Tattoo- und BodyMod-Fans auf eine Zeitreise geschickt, auf der sie sich selbst begegnen, in einer Zeit lange vor ihrem ersten Tattoo und dem ersten Ohrstecker.


Filouino heute
Filouino

Tätowiererin, 23 Jahre alt, aufgewachsen in Tübingen, arbeitet in Tübingen und Bregenz


Filouino damals


Wie alt warst du denn auf diesem Foto?
Da war ich wohl so zehn. 

Kannst du dich beschreiben in diesem Alter?
Ich glaube, ich war eher wie ein kleiner Junge, ich war viel draußen, Fußball spielen und so. Mit Freunden war es immer ein bisschen problematisch, da gab es auch Mobbing. Ich wollte schon Aufmerksamkeit, aber hab die von den Mitschülern nicht so bekommen. 

Was war dir sonst noch wichtig in dem Alter?
Definitiv das Malen. Und damals auch Rap-Musik, meine Brüder haben gerappt und gesprayt, dadurch wurde ich so ein bisschen in diese Urban-Szene reingezogen. 

Wenn dir jemand im Alter von zehn Jahren ein Foto gezeigt hätte von einer Frau, die aussieht wie du heute – was hättest du über so jemanden gedacht?
Also ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass das Tätowierungen sein könnten, ich hätte sicher gedacht, das ist aufgemalt. Und auch: »Oh Gott, wie peinlich!« Also wenn ich damals zum Beispiel Gruftis gesehen habe, fand ich das immer total daneben. 

Wenn dir jemand gesagt hätte, dass das tätowiert ist?
Hm, ich weiß nicht … ich glaube, ich hätte das schrecklich gefunden, vulgär und schräg!

Und wenn dir dann jemand erzählt hätte, so wirst du in dreizehn, vierzehn Jahren aussehen?
Ich glaube, ich hätte geweint. Aber das wäre selbst vor fünf Jahren noch ein Schock für mich gewesen.

Es ist ja tatsächlich noch nicht so lange her, seit du so auffällig tätowiert bist.
Ja, die sichtbaren Stellen oder das Gesicht, das kam vor anderthalb Jahren. 

Hättest du dir mit zehn Jahren vorstellen können, dass man mit solchen Tattoos im Leben klarkommt? Hättest du dir das zugetraut?
Ja und nein – ich hatte einerseits immer Angst, wenn Leute mich angeschaut haben, weil ich immer befürchtet hab, dass eh nur Negatives kommt. Andererseits wollte ich ja schon auch herausstechen; also im Mittelpunkt zu stehen, danach hab ich mich schon gesehnt. 

Stell dir mal vor, es wäre möglich, in der Zeit zurückzureisen. Welche Tipps und Ratschläge würdest du deinem zehnjährigen Ich gerne geben? 
Es hätte mir geholfen, wenn ich nicht so viel auf die Meinung anderer Leute gegeben hätte. Wenn ich nicht so sehr versucht hätte, wie andere zu sein. Das war für mich nämlich immer ein großes Thema. 

Du hattest ja vorher gesagt, dass du versucht hast, Aufmerksamkeit von anderen zu bekommen. Würdest du dann also heute sagen, dass das unnötig war?
Ja und nein – ich mein, ich seh’ ja aus, wie ich aussehe, und natürlich mach ich das nicht nur für mich und will damit auch Aufmerksamkeit erregen. Aber damals wollte ich ja so sein wie alle anderen und dadurch Aufmerksamkeit gewinnen. Und das hat einfach nicht funktioniert. 

Was hattest du denn mit zehn für Träume oder  Vorstellungen, wie dein Leben ablaufen würde?
Also Künstlerin war schon damals klar für mich – aber sonst eher so ein spießiges Leben mit Familie, Haus, geregelte Arbeit … aber niemals so flippig. Dass es mal so wird – das hätte ich nicht gedacht, nö. 

Wenn du heute dein zehnjähriges Ich treffen könntest, wer von euch würde das Gespräch beginnen?
Definitiv ich, denn im Alter von zehn hätte ich nie eine Fremde angesprochen!

Gäbe es Dinge, die ihr an dem jeweils anderen Ich kritisieren würdet?
Ich würde an meinem jüngeren Ich kritisieren, dass ich mich nie getraut hab, was zu sagen, wenn mich was gestört hat. Das war bis vor kurzem noch so … Und klar, wenn ich als Zehnjährige mich heute so sehen würde, dann würde ich bestimmt sagen: Warum hast du dir das angetan, wie siehst du denn aus?

 

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Stand:23 February 2017 03:40:40/kultur+und+szene/menschen/selbstbetrachtungen_171.html