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Editorial Juni 2013


Chefredakteur Dirk-Boris Rödel
TätowierMagazin
Chefredakteur
Dirk Boris Rödel
Tätowierer Marc aus Tengen ist eigentlich eine wandelnde Provokation. Er nennt sich »Little Swastika« – zu Deutsch »Kleines Hakenkreuz«, und auch wenn er dieses Symbol, das bei uns seit dem Dritten Reich als Sinnbild für die menschenverachtenden Gräueltaten der Nazis gilt, in seiner ursprünglich positiven Bedeutung ansieht, die es im Hinduismus und Buddhismus auch heute noch hat, wäre allein der Name schon für viele Provokation genug. Die Gesichtstattoos, für sich genommen schon ziemlich extrem, fallen kaum noch auf, wenn man sich Marcs Augen ansieht – an denen man auch gar nicht vorbeischauen kann. Sie wurden in einer äußerst riskanten Prozedur schwarz gefärbt. Dass viele davon regelrecht schockiert sind, kann man gut nachvollziehen. Und als ob das alles noch nicht genug wäre, gibt Marc auch noch offen zu, LSD zu konsumieren. Das ist doch Provokation pur, oder? Interessant dabei ist, dass es ja überhaupt nicht Marcs Absicht ist, zu provozieren. Denn Marc tut all das ja nicht in Hinblick darauf, wie andere reagieren können oder sollen. Er macht das für sich, weil er es gut findet und vertreten kann. So gesehen unterscheidet er sich gar nicht so sehr von mir, mit meinen tätowierten Armen und Fingern. Das habe ich auch machen lassen, weil ich es gut finde – tatsächlich war mir dabei sogar ziemlich egal, was andere davon halten. Dennoch merke auch ich oft, dass Außenstehende sich von meinen Tattoos provoziert fühlen.

Eigentlich bedeutet Provokation ja, dass man durch ein bestimmtes Verhalten absichtlich eine Reaktion bei einer anderen Person hervorruft. Wir Tätowierten, Gepiercten oder sonstwie Gebodymodeten machen aber oft die Erfahrung, dass Außenstehende sich durch uns provoziert fühlen, obwohl wir eben diese Absicht gar nicht haben. Tattoos, Piercings, Cuttings oder Implantate sind wohl nach außen sichtbar – der Zweck ist jedoch meist nach innen gerichtet. Wir machen das, weil wir uns selbst damit wohl fühlen, es schön finden, selbstbestimmt unseren Körper gestalten zu können. Mit Außenstehenden hat das zunächst mal gar nichts zu tun. Unsere Grenzen verlaufen eben woanders als bei Menschen, die Tattoos, Piercings und so weiter ablehnen oder dagegen gesellschaftliche, moralische oder auch religiöse Vorbehalte haben. Wir hingegen genießen eine Freiheit, die wir uns selbst erschlossen haben. Und die anderen, die lehnen uns eben ab, weil wir ihnen indirekt den Spiegel vorhalten und ihnen zeigen, wie begrenzt ihre »normale« Welt ist.

In der Kunst gab es immer Menschen, die extrem waren, Tabus verletzt und Grenzen überschritten haben

So. Und wie war das jetzt nochmal mit Marc? Warum fühle ich mich von ihm provoziert? Ganz klar ist: seine Grenzen verlaufen nochmal ganz woanders, als meine. Ich geb’s offen zu: Was für ihn anscheinend normal ist, liegt weit, weit hinter meinem Horizont. Obwohl ich lange in Japan gelebt habe, wo das buddhistische Hakenkreuz ein alltäglicher Anblick ist und obwohl ich davon überzeugt bin, dass Marc mit diesem Symbol keine rechtsextremen Ansichten verbindet und ich auch seine Überzeugung und Argumentation nachvollziehen kann, habe ich Schwierigkeiten damit, dieses Zeichen unvoreingenommen zu betrachten. Gesichtstattoos – die finde ich heftig und würde selbst nie eins haben wollen, aber wenn jemand damit klarkommt, dann soll es mir recht sein. Anders sieht es mit den schwarzen Augen aus. Es geht mir hier nicht um das krasse Erscheinungsbild, sondern ausschließlich darum, dass diese Art von BodyMod mit völlig unkalkulierbaren Gefahren und auch Langzeitwirkungen verbunden ist. Das Färben der Augen ist eine extrem riskante Prozedur, die zum Erblinden und zu schweren Infektionen führen kann. Ich kann davon nur dringendst abraten! Dasselbe gilt für LSD. Dass es illegal und der Umgang damit strafbar ist, ist eine Sache, die andere ist, dass es eine psychoaktive Substanz ist, die im Extremfall zu Psychosen und weiteren psychischen Störungen führen kann. Eine Schärfung der Sinne, eine gesteigerte Aufmerksamkeit und ein erweitertes Bewusstsein lässt sich, wenn einem das wirklich wichtig ist, auch durch Meditation erreichen – dafür muss man keine verbotenen, riskanten Chemikalien schlucken.

Es geht nicht darum, über diese Dinge oder gar über Marc zu urteilen; besonders in der Kunst gab es immer Menschen, die extrem waren, Tabus verletzt und Grenzen überschritten haben. Zu ihrer Zeit waren sie unverstandene Außenseiter oder galten als Exzentriker, später wurden sie dann verehrt. Und oft haben sie durch ihre Grenzüberschreitungen künstlerisch-kreatives Neuland erschlossen, das vor ihnen keiner zu betreten gewagt hätte. In der Redaktion haben wir über kaum ein Künstlerporträt so lange diskutiert wie über das von »Little Swastika« Marc. Ihn nicht vorzustellen, weil er in extremer Weise – auch legale – Grenzen überschreitet, fänden wir scheinheilig. Dennoch muss klar sein, dass er kein »role model« ist und dass die Entscheidungen, die Marc für sich getroffen hat, kein Beispiel für andere sind.


In der Kunst gab es immer Menschen, die extrem waren, Tabus verletzt und Grenzen überschritten haben


Dirk-Boris Rödel


Text: Dirk-Boris Rödel

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