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05.03.2017  |  Text: Maki  |   Bilder: Shell Valentine
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Tätowiererin Shell Valentine


Mit einem Farbinferno aus Pink, Türkis und Knallgelb, gerahmt von kräftig schwarzen Outlines, tätowiert Shell Valentine Kawaii-Tattoos, die so schamlos kitschig und süß sind wie eine Packung Saccharin.


Die japanische Niedlichkeitsästhetik Kawaii hat eine feste Tattoo-Homebase bei Shell Valentin im Melbourner Studio Dangerzone Tattoo. Die Kundinnen sind jung, weiblich und haben die Trivialität der Popkultur verinnerlicht. Sie sind erfüllt mit einer so positiven Energie, dass man den Eindruck gewinnt, sie sind in der Lage, das Leben jenseits der süßlichen Scheinwelt gänzlich zu ignorieren. Doch dem ist laut Einschätzung von Shell mitnichten so. Für sie hat die Kawaii-Kultur auch eine gesellschaftspolitische Relevanz. Mit Tattoomotiven wie Tacos mit Grinsegesicht, Einhörnern oder Ananas mit Sonnenbrille bedient Shell die Kawaii-Ästhetik, bei der technischen Umsetzung greift die Australierin auf traditionelle Werte zurück: kräftiges Linework, einfache Kompositionen und satte Farbflächen stellen sicher, dass die Tattoos für die Ewigkeit halten werden. Oder wie Shell es ausdrückt: »Mein Wahnsinn hat Methode!«
»Letztendlich geht es um Gesichter«, ist sich Shell sicher, egal ob es sich um einen Donut, eine Ananas, ein Schaf oder einen Blumentopf handelt.

Shell, wie kamst du zu diesem Stil?
Ich tätowiere jetzt seit vier Jahren und hatte das Glück, dass meine Kunden von Anfang an süße Sachen haben wollten. Dangerzone Tattoo ist ein Custom-Tattoo-Shop und schon in meiner Ausbildungszeit konnte ich niedliche Tattoos tätowieren und so hat sich das dann über Instagram weitergetragen. Die Leute kamen zu mir und wollten ein süßes Kätzchen, ein Kristallherz … es hat sich entwickelt, ohne dass ich darauf hingearbeitet hätte. Und heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu machen.

Bei der Umsetzung nutzt du die Stilelemente der traditionellen Tätowierungen, so dass die dem Zeitgeist gewidmeten Motive einen klassischen Aspekt bekommen. Absicht?
Auf alle Fälle! Das ist der Tätowierstil, den ich bevorzuge. Meine Tattoos haben alle ein sehr solides Linework und die Farbflächen sind satt eingearbeitet. Das ist sehr traditionell, aber ich denke nicht, dass ich mich auf bestimmte Farben wie Schwarz, Rot, Grün beschränken muss. Ich werfe alle Farben in das Tattoo, von denen ich denke, dass sie passen könnten, und heraus kommt was Lustiges und Unbeschwertes.

Du hast mit diesem Stil einen Nerv getroffen und arbeitest sehr erfolgreich.
Bestimmt sogar. Mir hat vor allem die Entwicklung der sozialen Medien sehr geholfen. Zudem bin ich in einer Gruppe aktiv, die sich gegenseitig unterstützt. Wie in jedem Geschäft gibt es einen Wettbewerb. Ein Tattoo, das jemand anderes trägt, tätowiere ich nicht. In diesem speziellen Reich der Girly-Tattoos gibt es dieses Konkurrenzdenken nicht in diesem Maße, wir sind alle miteinander befreundet.
Shell Valentine ist selbst kein Hungerhaken und engagiert sich auch in der »EFF Your Beauty Standards«-Bewegung.

In Gesprächen über die Kawaii-Kultur ist mir aufgefallen, dass jeder etwas anderes darunter versteht. Was verkörpert sie für dich?
Alles, was supersüß ist und dich glücklich macht. Egal, ob es ein Carto on-Charakter ist oder ein Gegenstand mit einem Gesicht. Darauf läuft es wohl hinaus: kleine süße Gesichter. Wie kann jemand nicht glücklich sein, wenn er darauf schaut?

In den USA gibt es Überschneidungen der Kawaii-Kultur mit der PMA-Bewegung, die Abkürzung für Positive Mental Attitude, also das Konzept des positiven Denkens. Und auch mit dem Feminismus. Wie siehst du das?
In die Kawaii-Kultur spielen unterschiedliche Faktoren ’rein, so zum Beispiel die Body-Image-Bewegung, die Frauen ermutigt, zu akzeptieren, dass sie unterschiedlich aussehen, und ihren Körper so zu lieben, wie er ist. Und das hat natürlich auch was mit Feminismus zu tun, sich nicht in eine Rolle drängen zu lassen oder ein Ideal erfüllen zu müssen. Frauen dürfen auch niedliche Tattoos tragen, wenn ihnen danach ist. Da hilft es, dass Tattoos kein Stigma der Ausgrenzung mehr sind. Ich habe eine langjährige Kundin, die, seit wir mit dem Tätowieren ihrer Beine angefangen haben, diese mittlerweile nicht mehr hasst, sondern gerne zeigt. Sie nennt mich mittlerweile ihren Body-Empowerer. Als sie das zu mir sagte, hab ich sofort losgeheult. Ich bin eh nah am Wasser gebaut und heul bei jeder Gelegenheit, aber das war ein regelrechter Schlag: »Heilige Scheiße, ich habe Einfluss darauf, wie jemand über sich selbst denkt!«. Tätowieren verleiht einem die Gabe, dass sich eine Person selbst akzeptiert, Tätowierungen können auf manche Menschen heilend wirken. Und das hat auch was mit Feminismus und der PMA-Bewegung zu tun: Ich kann meinen Körper so gestalten, wie ich es möchte. Wir haben die Macht, uns gegen die Erwartungen der Gesellschaft zu stellen, wir müssen weder unser Aussehen noch unser Verhalten den Normen anpassen. Es ist eine einfache Botschaft: Sei so, wie du bist!
Da brennt die Iris! Shell Valentine lässt farblich die 90er Jahre wieder aufleben.

Wie entwickelt sich die Kawaii-Kultur in Australien?
Es wird immer populärer und immer mehr Leute lassen sich Girly-Tattoos stechen und damit wird es natürlich auch immer stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Kawaii-Kultur ist echt im Kommen. Angefangen hat das in meiner Wahrnehmung mit der japanischen Figur Hello Kitty. Heute findest du diese süßen Motive auf allen möglichen Gegenständen und die Leute finden das süß und wollen dann auch ein solches Tattoo haben.

Du hast für eine Tess-Holliday-Veranstaltung ein Flashset gezeichnet. Tess ist das berühmteste Super-Size-Model und wohl die dickste Frau, die bei einer renommierten Modelagentur unter Vertrag steht. Was war da los und was hat es mit der Bewegung »EFF Your Beauty Standards« auf sich? (EFF steht für Fuck, Anm. d. Red.)  
In Brisbane fand ein Meet-and-Greet mit Tess statt, das von der Besitzerin des Studios Trailor Trash, Mimsy Gleeson, organisiert war. Tess ist, wie du schon sagtest, ein Super-Size-Model, und versucht andere Frauen zu ermutigen, sich so zu akzeptieren, wie sie aussehen. Das Trailor Trash ist ein alter Flugzeughangar, in dem Tess im Erdgeschoss Autogramme gab und die Tätowierer aus dem Studio und ich im ersten Stock unsere Interpretationen des #effyourbeautystandards-Themas tätowierten. Es erfordert viel, viel Mut, was Tess da tut. Sie ermutigt andere Frauen, sich zu lieben, egal welche Figur, Körpergröße und körperliche Eigenschaften sie haben. Wir alle sind schön und Tess steht für diese Botschaft, obwohl andere das Gegenteil behaupten.
Die Vorlage, die ich an diesem Tag am häufigsten umgesetzt habe, war ein Herz mit dem Schriftzug »Love thyself«. Die Frauen erzählten mir, dass sie sehr lange mit sich gekämpft hätten, sich tätowieren zu lassen, oder dass die Tätowierung nun eine ständige Erinnerung für sie sei: »Hey, ich bin wunderbar und liebe, wer oder was ich bin!« Es war eine schöne Erfahrung, Menschen helfen zu können, sich selbst zu akzeptieren und Selbstvertrauen auszubauen.

Welche Frauen fühlen sich normalerweise von der Kawaii-Ästhetik angezogen?
Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Leute, die das Leben genießen, die nicht alles so schwer nehmen und ein etwas entspannteres Verhältnis zum Leben haben. Die wissen genau, dass es schon ein bisschen albern ist, aber es macht sie glücklich. Was kümmert es, wenn jemand fragt: »Warum trägst du dieses oder jenes Tattoo?«. Man trägt es für sich selbst!
Statistisch betrachtet sind meine Kunden überwiegend weiblich und im Alter zwischen achtzehn und vierzig Jahre. Darunter sind ziemlich toughe Frauen, mit einigen habe ich mich auch angefreundet. Überhaupt sind meine Kunden nicht nur Kunden, es sind Freunde, mit denen ich teilweise auch privat abhänge und auf denen ich etwas sehr Lustiges schaffen kann, was sie ihr Leben lang tragen werden. Ich hoffe, etwas zu ihrem Glück beitragen zu können, und wenn sie in einer schwierigen Situation auf ihr Tattoo schauen, ihnen dieses zumindest ein Lächeln entlocken kann. Ich bin selbst ein sehr positiver Mensch, es gibt auch keinen Grund für mich, das nicht zu sein: Ich habe einen tollen Job, der sich gar nicht wie Arbeit anfühlt, unglaubliche Kunden mit immer tollen Ideen und Vertrauen in mich.
Winkekatze im Kawaii-Stil von Tätowiererin Shell Valentine.

In Japan haben die Mangas und die Sanrio-Charaktere großen Einfluss auf die Kawaii-Kultur. Was beeinflusst dich?
Ich bin ein Kind der 80er Jahre und mit My Little Pony und Polly Pocket aufgewachsen. Allein schon die Farbpalette aus den 80er und frühen 90er Jahren hat meine Arbeit geprägt. Die sind so strahlend, albern und lustig!

Was sind die am häufigsten gewünschten Motive?
Sailor Moon, absolut. Daneben noch die Figur Tuxedo-Mask und der Sailor-Moon-Zauberstab. Die Melbourner Mädels lieben Sailor Moon. Und natürlich die Disney-Figuren. Ich könnte nicht einmal das Angesagteste benennen – das fängt beim Cinderella-Schloss an und endet bei Mickey und Minnie. Häufig gewünscht sind auch Kawaii-Lebensmittel. Alles, was die Leute gerne essen, bekommt ein Gesicht.



Shell Valentine
Dangerzone Tattoo
Melbourne, Australia

www.tattoosmadewithlove.com
instagram.com/shell_valentine_tattoo

Text: Maki
Bilder: Shell Valentine

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