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18.03.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Mo Ganji
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Single-Line-Tattoos von Mo Ganji aus Berlin


Der Deutsch-Iraner Mo Ganji aus Berlin tätowiert Single-Line-Tätowierungen, also Tattoomotive, die er mit einer durchgezogenen Linie konzipiert. Die radikale Reduktion ist für ihn sowohl künstlerisches Ausdrucksmittel als auch Lebenskonzept.


Drei Punkte sind sowohl Erkennungszeichnen als auch die Kennzeichen für die Tätowierungen von Mo Ganji, dessen Arbeiten zurzeit vor allem auf internationalen Kunstplattformen Beachtung finden. In Online-Portalen wie Fubiz oder BoredPanda und auch im Feuilleton der englischen Tageszeitung »The Independent« werden die Tätowierungen des Deutsch-Iraners abgefeiert, seine 116  000 Abonnenten bei Instagram kommen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht allesamt aus der Tattooszene. Grund der hohen Aufmerksamkeit sind sogenannte Single-Line-Tätowierungen, also Motive, die mit einer durchgezogenen Linie tätowiert werden. Kinder kennen das Prinzip als »Haus vom Nikolaus«. Und auch Kunststudenten ist diese Übung geläufig – sie wird Continiousline Drawing oder Blindzeichnung genannt und dient dazu, Formen und Volumen zu erkennen und auf Papier umzusetzen. Soweit bekannt, ist Mo Ganji der erste Tätowierer, der diese Art von Tattoos sticht, und selbst wenn es nicht die drei Punkte in jeder Tätowierung gäbe, könnte man sofort sagen, wer sie gestochen hat.
 
Die Integration von Dotwork in Mo Ganjis Arbeiten passt stilistisch gut und nimmt den Motive nichts von ihrer Leichtigkeit.

Linie versus Punkt
In jedem seiner Tattoos finden sich die drei Punkte, meist in Form eines Dreiecks angeordnet; es ist Mo Ganjis Signatur. »Sie stehen für Körper, Geist und Seele«, erklärt er in seinem sehr karg eingerichteten Studio, »denn alles im Leben hat einen Gegenpol, und der Gegenpol zum Strich ist der Punkt. Damit balanciert sich alles wieder aus, sonst wäre es in sich nicht stimmig.«
Die Punkte stehen auch für Tier, Natur und Mensch; drei Motivgruppen, die Mo gerne tätowiert. Okay, nicht alle Tätowierungen passen zu einhundert Prozent in dieses Schema. Unter seinen Arbeiten sieht man auch mal einen Anker, eine Ray-Ban-Sonnenbrille oder Yoda. Für den sehr bewusst lebenden Tätowierer ist auch so etwas in Ordnung. »Das sind halt die Schokoladenstücke, die Spaß machen, wenn man sie auf diese sehr reduzierte Art umsetzt, wie ich Tätowierungen steche. Ich bevorzuge die einfachen Dinge, und das sowohl in meinem Leben als auch bei meinen Tätowierungen.«

Reduktion als Stilmittel und Lebenseinstellung
Reduktion ist ein Stichwort, das man sowohl auf seine Motive als auch auf sein Leben beziehen kann. Acht Jahre arbeitete er erfolgreich im Personalmanagement eines internationalen Textilunternehmens, bis er sich die Sinnfrage stellte. »Meine Arbeit hatte nur einen finanziellen Mehrwert, sie wurde auf dem Rücken von Natur, Mensch und Tier ausgetragen.« Er kündigte und fragte sich, was eigentlich seine geistigen und körperlichen Ressourcen sind, die, so ist er überzeugt, jeder Mensch hat. »Es ist, wie wenn du mit einem Fallschirm an einer Klippe stehst. Wenn du weißt, was du kannst, dann wird dich das wie ein Fallschirm tragen. Wir trauen uns nur nicht zu springen und auszubrechen, also machen wir täglich weiter und tun Dinge, mit denen wir uns nicht identifizieren können, um Dinge zu kaufen, die kein Mensch braucht. Hört sich verrückt an, ist aber so. Ich sitze ja hier und mein Fallschirm ist die Kunst. Und mit dem Kunsthandwerk Tätowieren bekam ich die Freiheit, zu zeichnen und zu malen. Ich bin mein eigener Herr, mache saubere Arbeit und beute niemanden aus. Das ist ein super Lebensgefühl.«
Das heißt auch, dass er seine Verpflichtungen niedrig hält. Keine Kredite, kein Auto, noch nicht einmal ein Handyvertrag. Und hundertprozentige Hingabe an das, was er tut. »Wenn man etwas mit Leib und Seele macht«, so ist Mo überzeugt, »ist der Erfolg programmiert. Egal, ob es sich um Rasenmähen oder um die Anfertigung eines Hutes handelt. Gute Sachen werden nicht ignoriert. Was du haben musst, ist der Hunger, um dich ständig weiterzuentwickeln. Wenn ich gefragt werde, ob ich glücklich sei, dann sage ich, nein, ich bin hungrig. Glück ist wie ein Stück Schokolade, was für zwischendurch. Um etwas gut zu machen, muss man viel Arbeit investieren, denn alles hat seinen Preis.«

Auch bei seinen Kunden beobachtet der Berliner Single-Line-Tätowierer den Drang hin zur Natur, was sich auch in der Motivwahl widerspiegelt.

»Wann stecht ihr das Tattoo fertig?«
Mo Ganjis Single-Line-Tattoos werden von gestandenen Tätowierern meist nicht ernst genommen. Die Linien, mit denen Mo das ganze Tattoo macht, reichen vielen Tätowierern nicht mal als Outline. »Ganz süß, aber wann macht ihr das Tattoo fertig?«, ist oftmals die Reaktion, die er nicht nur einmal gehört hat. Dabei hat er auch ganz konventionell in einem Streetshop tätowiert und von Blüten bis Federn all das gestochen, was die Kunden wollten. Das war, nachdem er bei Valentin Hirsch zuschauen durfte und von ihm die ersten Informationen übers Tätowieren bekam. Auf die Idee mit den Single-Line-Tattoos kam er nicht durch nächtelanges Grübeln über die Frage, was er denn jetzt Besonderes tätowieren könne. So was kann man sich nicht ausdenken, es entwickelt sich und den Anfang machte, wie so oft, der Zufall. »Ich musste nachts einen Entwurf eines dreiköpfigen Hirsches zeichnen und hab einfach so rumgekritzelt, weil mir nichts einfallen wollte. Am nächsten Tag fand der Kunde das Gekritzel viel cooler als die eigentlich vorgesehene Zeichnung. Das hat sich dann so weiterentwickelt, bis ich dann ganz gezielt das Motiv mit nur einer Linie gezogen habe.«
Dass seine Arbeit von der klassischen Szene nicht zwingend positiv aufgenommen wird, zeigt sich auch in einer Kundschaft, die aus aller Welt in den vollkommen untrendigen Bezirk Berlin-Charlottenburg kommt. »Viele kommen gar nicht aus der Szene, viele sind noch Tattoojungfrauen, im Durchschnitt womöglich auch älter als die normale Tattookundschaft und oftmals bleibt eine Tätowierung von mir die einzige auf ihrer Haut. Meine Kunden wollen etwas Zeitloses, Leichtes, kein fettes Tattoo, sondern etwas Zerbrechliches, ein Liebchen.« Dass ein Teil der Kollegen damit nichts anfangen kann, ist Mo Ganji ziemlich egal.   

Ständige Entwicklung
Noch heute beginnt er jeden Entwurf mit der Zeichenübung aus dem Kunstunterricht, die er dann am Leuchttisch überarbeitet, einscannt und am Schluss noch am Computer retuschiert. Momentan zieht er oft eine dicke Linie als Außenkontur, so dass das Auge das Motiv schneller erfassen kann. Dass er mit Dotwork schattiert, ist ebenfalls ein Teil der Entwicklung. »In Zukunft will ich wieder zurück zu einer Linie in einer Stärke. Dafür werde ich meine Arbeitsweise verändern: Ich werde im Monat ein Sheet mit zehn Designs veröffentlichen und der Erste, der es haben möchte, bekommt das Motiv dann.«
Körperstellen, die er nicht tätowiert, sind Rippen, Hände und Füße. »Das sind keine idealen Stellen für meine Tätowierung. Die Rippen zu tätowieren finde ich sowohl für den Kunden als auch für mich total anstrengend. Diese Gummihaut, das ewige Stretchen plus die Bewegung des Brustkorbs beim Atmen sind eine Qual, insbesondere, weil meine Linien ja sauber gezogen sein müssen. Auch an Händen und Füßen wird die Qualität des Tattoos nicht gut. Das ist zwar sehr egoistisch, aber das Tattoo reflektiert auch mich als Künstler. Es muss auch mir gefallen. Diese Freiheit nehm ich mir. Valentin Hirsch hat einmal zu mir gesagt: ›Ein Künstler unterscheidet sich vom Tätowierer durch seine Haltung zu dem, was er tut.‹ Was er damit meint, habe ich mittlerweile verstanden.«

Der Selbstversuch
Kleiner Selbstversuch gefällig? Gut. Nehmt einen Stift, legt ein größeres Blatt Papier vor euch auf den Tisch und setzt euch vor ein Bild oder einen Gegenstand, den ihr zeichnen wollt. Es gibt zwei Regeln zu beachten: Erstens, den Stift dürft ihr erst absetzen, wenn ihr denkt, dass das Bild vollendet ist. Die zweite Regel ist, dass ihr während des Zeichnens nicht auf euer Werk schauen dürft. Den Blick immer schön auf der Vorlage lassen, die es ja detailgetreu abzuzeichnen gilt.
Die Single-Line-Technik, bei der das Motiv mit einer einzigen Linie gezogen wird, ist vielen vielleicht aus dem Kunstunterricht bekannt, und wäre bei meinem Versuch eine Steilvorlage in den Lernstoff des »Transzendentalen Kubismus«. Gibt es nicht? Doch! Anders wäre mein »Hahn mit Elefantenrüssel« auf Basis eines Marilyn-Monroe-Porträts kunstgeschichtlich gar nicht einzuordnen.

Single-Line im Selbstversuch.


Kontakt
Mo Ganji
Privatstudio
Berlin
 
info@moganji.com
instagram.com/moganji
facebook.com/moganjitattoo

 

Text: Heide Heim
Bilder: Mo Ganji

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Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

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Stand:17 August 2017 09:49:01/blog/single-line-tattoos+von+mo+ganji+aus+berlin_173.html