Szeneshop-Angebote
22.05.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Archiv TM
Alle Bilder »

Kuniyoshis Katzenobsession


Der berühmte japanische Blockdruckkünstler Utagawa Kuniyoshi (1797-1861) ist vor allem für seine Kriegerbilder bekannt. Dass er sehr häufig Katzen in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellte, wissen aber nur wenige. Wir befragten eine Expertin zum Thema Kuniyoshi und die Katzen, die Japanologin Frau Dr. Alexandra Linster aus Wien.


Alexandra, du trägst selbst Tattoos. Darf ich raten was?
Ja, das ist ja jetzt nicht so schwer. Ich habe zwei im traditionellen, japanischen Stil gestochene Katzenmotive, die ich mir ab 2012 von der Tätowiererin Horiren aus Saitama habe stechen lassen. Horiren hat sie teilweise in der Shamisen-Bori-Technik als auch mit der Maschine tätowiert.

Katzenmotive werden ja bei uns in Europa eher selten mit Japan assoziiert. Sucht man aber speziell danach, überrascht die Menge und auch die Vielfalt der Bilder. Wie kommt es, dass Katzen in unserer Wahrnehmung der japanischen Kunst, insbesondere der des Ukiyo-e, nicht stattfinden?
Das ist tatsächlich so, und auch nicht nur hier. Erst in den letzten fünf Jahren beobachte ich, dass auch in Japan das Thema Katzen in der Holzschnittkunst größere Aufmerksamkeit genießt und auch zum Thema von Ausstellungen gemacht und Bücher dazu veröffentlicht werden. Dass es in Europa keine Beachtung fand, lag wohl daran, dass mit dem Japonismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eher vermeintlich klassische, japanische Themen wie Landschaften, schöne Frauen und Krieger mit Japan assoziiert wurden und entsprechend Anklang fanden. Katzenbilder passten da wohl nicht ins Japan-Bild. Somit wurden sie hier nicht ausgestellt oder gekauft. Um gerecht zu sein, macht das Thema Katzen im riesigen Bestand an japanischen Blockdrucken auch nur einen winzigen Teil aus.

Ist da der Farbholzschnitzer und Blockdruck-Künstler Utagawa Kuniyoshi eine Ausnahme? In seinem Gesamtwerk findet man Katzen sehr häufig, oder irrt da mein Eindruck?
Das stimmt, das ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal von Kuniyoshi. Er ist ja auch als Katzenliebhaber bekannt. Er soll fünf bis sechs Katzen gehalten haben, die lebten quasi mit ihm und seinen Schülern im Atelier. Das weiß man von Bildern, die Schüler wie Kyōsai von ihm gemacht haben. In mehreren seiner Bilder hat sich der Meister sogar selbst mit Katzen porträtiert. Wie groß seine Katzenliebe war, zeigt auch die Geschichte um seine Hauskatze Kuro. Als sie verstarb, soll der Meister einen Schüler beauftragt haben, die tote Katze zu einem Mönch zu bringen, der ein Gebet für die Katze sprechen und sie in ein Grab betten sollte. Statt den Auftrag auszuführen, warf der Schüler die tote Katze jedoch ins Wasser und verprasste das für den Mönch gedachte Geld in einem Vergnügungsviertel. Das hat wohl mächtigen Ärger gegeben, als Kuniyoshi das herausfand!

Wie war denn das Ansehen von Katzen allgemein in der Edo-Periode?
Wie man anhand der Drucke sehen kann, wurden Katzen in der Edo-Periode wie ganz normale Haustiere gehalten. Man brauchte sie ja auch, um Mäuse zu fangen, die große Schäden an den Reisvorräten anrichteten. Das Bild »Nezumiyoke no neko« aus dem Jahr 1841 war von Kuniyoshi so realitätsgetreu gezeichnet, dass die Drucke im Haus, speziell in der Vorratskammer, aufgehängt wurden, um die Mäuse zu vertreiben. Wie eng die Beziehung zwischen Mensch und Katze war, zeigen auch die Halsbänder der Katzen, an denen kleine Glöckchen hingen. In ein schlechtes Licht wurden sie durch die Horrorgeschichten gerückt, die den Katzen gestaltwandlerische Fähigkeiten andichteten. So war auch ihr Ruf eher zwiegespalten. Dies ist aber heutzutage nicht mehr der Fall und die Katze ist als Haustier in Japan wieder sehr beliebt, so beliebt, dass es weltweit – von Japan ausgehend – Katzen-Cafés gibt.

Thema deiner Masterarbeit ist das Triptychon »Die 53 Stationen des Tōkaidō«, wie es in deutscher Übersetzung heißt. Es wurde zwischen den Jahren 1847 und 1850 veröffentlicht. Als Unbedarfte sehe ich darauf Verhaltensstudien von Katzen: die eine leckt sich die Pfoten, die andere schläft, die dritte frisst einen Fisch … Was siehst du in diesem Bild?
Zuerst muss ich erklären, was der Tōkaidō ist, nämlich eine der wichtigsten Post- und Handelsstraßen des alten Japan ab der Kamakura-Periode, also ab 1185. In der Edo-Zeit verband sie den Regierungssitz des Tokugawa-Shogunats in Edo, dem heutigen Tokio, mit der kaiserlichen Hauptstadt Kyōto. Entlang der Straße gab es Ortschaften mit Gasthäusern, Post- und Zollstationen, und genau diese Stationen hat Kuniyoshi mit jeweils einem Katzenbild und einem Wortspiel dargestellt. Mit meiner Masterarbeit zeige ich auf, dass die Katzenbilder eine konkrete inhaltliche Verbindung zum Namen der Stationen oder auch zu historischen Geschehnissen an diesem Ort haben und nicht zufällig so aussehen, wie sie es tun.

Alle dreiundfünfzig Stationen zu erklären, führt zu weit. Welche ist denn deine Lieblingskatze beziehungsweise Geschichte?
Für alle Stationen habe ich die Beziehung zwischen dem Katzenmotiv und dem Ort nicht herausgefunden, aber eine schöne und auch typisch japanische Horrorgeschichte steckt hinter der Stationskatze »Okazaki – o ga sake«, was »der Schwanz spaltet sich« heißt. Man sieht sie auf dem mittleren Teil des Triptychons links. Ihr dreifarbiges Fell legt die Mutmaßung nah, dass es sich um eine Monsterkatze handelt. Ihr Schwanz ist bereits gespalten und sie entwickelt sich zur »neko mata«. Die Geschichte handelt von der alten Frau Osan, die in einer Absteige in Chiryū verstirbt. Sie hinterlässt zwei Töchter, Osode und Omatsu, letztere hat eine Katze, deren Geist in den verstorbenen Körper der Mutter gelangt. Beide Töchter sind, ohne dies zu wissen, in den gleichen Mann verliebt. Dieser heiratet Osode und das Paar bekommt ein Kind. Mit dem Baby gehen sie zum Tempel, wo ihnen die von der Katze besessene Mutter begegnet, die den Säugling verschlingt. Omatsu stirbt eines ungeklärten Todes und ihr Geist tötet die Schwester Osode. In Japan gibt es eine Menge solcher blutrünstigen Horrorgeschichten.

Die Kuniyoshi ja auch dargestellt hat. Sowohl stilistisch als auch vom Genre her hat er sehr unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen gewählt. Kann man die unterschiedlichen Werke kategorisieren?
Ja, Kuniyoshi hat in sehr umfangreichen Themengebieten gearbeitet. Neben den Monster- und Geisterkatzen, die auf Volksgeschichten beruhen, gibt es beispielsweise die Anthropomorphisierung, bei denen Katzen ihre tierische Erscheinungsform behalten, sich aber wie Menschen verhalten und auch entsprechende Kleidung tragen. Es sind häufig Alltagsszenen und Theaterbilder, die er als Karikaturen darstellt. Das war zum Teil auch eine Reaktion auf die Tenpō-Reformen im Jahr 1842, die es Künstlern unter anderem verbat, honorige Personen beziehungsweise Personen der politischen Welt, aber auch Schauspieler, in ihren Bildern darzustellen. In diesen erkennt man den Witz und Humor, den Kuniyoshi in vielen seiner Arbeiten offenbart. Stilistisch vollkommen anders ist die Katzenserie »Neko no ateji«, in der mehrere Katzen durch Körperhaltung und Platzierung Schriftzeichen bilden, die den Namen von Fischsorten wie Bonito, Oktopus oder Kugelfisch ausdrücken. Ihnen sehr ähnlich sind die Sprichwortbilder, mit denen er nur durch eine entsprechende Positionierung und Körperhaltung der Katzen bekannte Sprichwörter interpretiert. Wiederum vollkommen anders sehen seine Arbeiten im Roman »Verschleierter Mond Katzen-Geschichten« aus, den Kuniyoshi illustrierte und für den Santō Kyōzan den Text verfasste. Insgesamt kann man sagen, dass Kuniyoshi auch mit den Katzenbildern zeigt, dass er ein außergewöhnlich guter Beobachter von Katzen war, was sich vor allem in den zahlreichen Skizzen zeigt, auf denen Katzen einfach nur Katzen sind.
 

Dr. Alexandra Linster Bakk. MA





Zwölf Jahre lang beschäftigte sich die Japanologin Dr. Alexandra Linster an der Universität Wien mit japanischen Studien. Ihren Master of Arts machte sie 2010, Titel ihrer Masterarbeit war »Kuniyoshi im Banne der Katzen: Eine Analyse des nishiki-e Sono mama jiguchi miyōkaikō gojūsan biki«. Im Zentrum ihrer Arbeit stand das Triptychon »Die 53 Stationen des Tōkaidō« von Utagawa Kuniyoshi (1798-1861).

Für diese Arbeit beschäftigte sich die Katzenliebhaberin nicht nur mit diesem besonderen Bild des japanischen Holzschnittkünstlers, auf dem fünfundfünfzig plus drei skizzierte Katzen abgebildet sind, sondern bezog bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit unter anderem auch weitere Werke von Kuniyoshi ein, auf denen er Katzen entweder ins Zentrum seiner Arbeit stellt oder sie am Rande stattfinden lässt. Im März 2016 schloss die gebürtige Luxemburgerin ihre Promotion mit dem Titel Dr.phil. ab. Bei ihrer vorgelegten Arbeit blieb sie Japan und den Tieren treu, verlagerte sich aber auf eine andere Spezies und Zeitepoche, der Titel ihrer Doktorarbeit lautet »Usagi-e – die Hasenbilder der frühen Meiji-Zeit«.

Zurzeit arbeitet sie als Projekt­managerin an der TU Wien.

 

Text: Heide Heim
Bilder: Archiv TM

Kommentare zum Artikel


weitere Blogeinträge




Aktuell am Kiosk: TätowierMagazin 8/17

Artikel aus der Ausgabe: 8/17

Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen
Mimi Erhardts Kolumne: Mimi erklärt, warum Freundschaftstattoos fetzen
Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco
Groteske Dämonen-Tattoos von Ruco
Dotwork-Tattoos als Mantra
Dotwork-Tattoos als Mantra
Sommer, Sonne und Tattoos
Sommer, Sonne und Tattoos
Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
Realtalk mit Hiphop-Duo SXTN
Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg
Die Residents des Eisenherz Tattoostudios in Magdeburg

Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:17 August 2017 09:55:03/blog/kuniyoshis+katzenobsession_174.html