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04.01.2017  |  Text: Heide Heim  |   Bilder: Instagram/Pexels
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Handyfotos statt bleibender Erinnerung

Unsitte: Handyfotos statt bleibender Erinnerung


»A tattoo is never finished until a picture is taken«* – Unsere Redakteurin Heide schnappte unlängst ein Zitat auf, das dem Tattoo-Pionier Cliff Raven zugesprochen wird. Hierbei geht es um die Unsitte, dass Tätowierer heute kaum noch Zeit aufbringen, ihre Tattoos schön und angemessen zu fotografieren. Lest hier Heides Kommentar dazu ...


»A tattoo is never finished until a picture is taken«*

Nie war das Fotografieren für Tätowierer einfacher als heute. Das Tattoo ist fertig, Handy raus, und Klick, das Bild ist gemacht. Mit Glück wurden vorher noch die Vaseline- und Farbreste mehr oder weniger lieblos abgewischt, und da der Kunde gerade so praktisch auf der mit Frischhaltefolie bespannten Unterlage liegt, belässt man diese auch gleich an ihrem Ort. Je nachdem wie die Lichtverhältnisse gerade sind, säuft das Bild auf der einen Seite ab, und auf der anderen hat es ’nen Gelbstich von der Arbeitslampe. Diesem Bild widmet der Betrachter in der Regel genauso wenig Aufmerksamkeit wie der Tätowierer sich Mühe beim Fotografieren gegeben hat.


So sieht Tattoo-gucken heute aus, etwa auf Instagram.
So sieht Tattoo-gucken heute aus, etwa auf Instagram.


In ’ner Arbeitspause wird das Bild schnell auf Facebook hochgeladen, fünf Leute machen den Daumen hoch, drei schaffen es sogar, einen kurzen Kommentar abzugeben, die meisten Freunde und Bekannten betrachten es sich drei Sekunden, dann gehts weiter in der überfüllten Timeline. Ein Wisch und maximal vierundzwanzig Stunden später ist die Arbeit vergessen. Weggewischt. Egal ob Rückenbrett, ein ganzer Arm … maximal fünf Sekunden Aufmerksamkeit für die viele Stunden kreativer Arbeit am Zeichentisch, Stunden, die der Tätowierer mit gebeugtem Rücken am Kunden arbeitete und dieser ordentlich Schmerzen erlitt. Wisch und weg!

Welcher Tätowierer macht sich heute noch die Arbeit, das Tattoo im abgeheilten Zustand vor einem neutralen oder womöglich sogar vor einem schön anzuschauenden Hintergrund ordentlich zu fotografieren? Wer gibt sich noch die Mühe, den Kunden mit seinem Tattoo so zu positionieren, dass es auf dem Bild gut zu erfassen ist. Wer setzt das Tattoo noch so in Szene, dass es seine maximale Wirkung erzielt und nicht schief und schepp auf dem Bild zu sehen ist.



Hier ist sogar noch das Zewa mit drauf. Musste wohl schnell gehen.
Hier ist sogar noch das Zewa mit drauf. Musste wohl schnell gehen.


So ist halt die Zeit? Ja, so ist sie. Trotzdem frage ich mich, warum Tätowierer ihren eigenen Arbeiten nicht mehr Respekt entgegenbringen, als sie im Format einer Maxi-Briefmarke auf ihren Social-Media-Plattformen abzuspeichern? Wo ist das Problem, das Original auf einer Festplatte zu ziehen, damit wenigstens die Bildgröße, Auflösung und der ungefilterte Originalzustand erhalten bleiben? Die Social-Media-Seiten eignen sich zum Archivieren von Bilddateien wie ein Loch im Zahn für die Lebensmittelbevorratung.
Wie viele stellen heute noch ein schönes Fotoportfolio zusammen, das im Studio ausliegt und der Kunde sich in Ruhe anschauen kann? Oder womöglich, jetzt wird es total verrückt, er eine Sammlung an Bilddateien hat, die sich sogar für den Druck eignen? Zu sehen in einem Buch, einem Magazin, wo es in aller Ruhe und mit allen Details zu betrachten ist, und das auch noch Übermorgen, übernächstes Woche, Jahr … Kein Wisch und kein Weg, sondern in einem Medium von Bestand, was der Leidenschaft gerecht wird, die in diese Arbeit geflossen ist. Ach so, bei Büchern heisst das Äquivalent zu »wisch« blättern, aber eben ohne weg!


Heide

*Das Zitat wird Cliff Raven (1932-2001) zugesprochen, ein US-amerikanischer Tätowierer, der wie Sailor Jerry und Ed Hardy als einer der Pioniere gilt, der die japanische Ästhetik mit der westlich-amerikanischen verknüpfte. Nachdem Raven sich als Tätowierer 1985 zur Ruhe setzte, eröffnete er einen Laden für seltene und gebrauchte Bücher.

Text: Heide Heim
Bilder: Instagram/Pexels

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Ausgabe 9/17 erscheint am 25. August

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Stand:28 July 2017 08:52:09/blog/handyfotos+statt+bleibender+erinnerung_171.html